Wir Wundertätigen

Ein Wunder ist – verkürzt gesagt – der Einschlag des Übernatürlichen, Unbegreiflichen und Unberechenbaren – das, was den Naturgesetzen zu widersprechen scheint. Heute können wir fast alles berechnen und auf Ursachen zurückführen und umgekehrt aus diesem kausalen Weltzugang auch einen finalen machen und Dinge entwickeln, die für Menschen vor 200 Jahren noch ein Wunder gewesen wären. Wenn ich in ein Flugzeug steige, komme ich mir manchmal vor wie ein Mensch vor 200 Jahren, denn ich verstehe nicht, wie man so die Schwerkraft aufheben kann, dass Hunderte von Menschen in wenigen Sekunden vom Boden abheben und in wenigen Stunden an einem Tausende von Kilometern entfernten Ort wieder aufsetzen können. Aber ich weiß, dass das Experten erklären können, und außerdem habe ich mich daran gewöhnt. So wundere ich mich nun nicht mehr.
Für den alten Griechen oder den Mensch im Mittelalter waren schon Blitz und Donner unerklärbare Phänomene. Waren sie aber deshalb Wunder? Haben die Griechen ein Gewitter als die Durchbrechung der Naturgesetze erlebt? – Nein, denn die Welt des Altertums und des Mittelalters war nicht in derselben Weise aufgeteilt in ein Natürliches und Übernatürliches, wie sie das mit dem Beginn der Naturwissenschaften und ihren revolutionären Entdeckungen – wie z.B. der kopernikanischen Wende – seit der Renaissance ist. Erst seit der experimentellen Erforschung der Natur, die dieser ihre Gesetze abzulesen sucht und ihr Verhalten weitestgehend voraussagbar und auch technisch einsetzbar macht, gibt es im eben genanntem Sinne Wunder. Sie ereignen sich dann, wenn etwas geschieht, das mit diesen Gesetzen unvereinbar ist, wenn Ursache und Wirkung nicht zusammenpassen, wenn sich etwas den bewährten Erfahrungen, die sich bislang auch reproduzieren ließen, entgegen verhält. Für solche Ereignisse wird dann auch gern auf den Begriff des Zufalls zurückgegriffen. Ein solcher wird sich später vielleicht, wenn man noch mehr weiß, oder bei einer größeren Überschau der Bedingungen doch wieder naturwissenschaftlich erklären lassen.
Für den Griechen gab es weder Wunder noch Zufall, weil die Welt nicht zweigeteilt in ein Natürliches und ein Übernatürliches war. Auch die klare Trennung in Natur und Geist ist eine moderne, die mit dem Aufkommen der Naturwissenschaften erst eigentlich vollzogen wird. So schaffen diese erst die denkerische Voraussetzung für das Wunder. In seinen Vorträgen über Weltenwunder, Seelenprüfungen und Geistesoffenbarungen sagt Rudolf Steiner deshalb: »Geist und Natur war in jenen alten Zeiten also in völligem Einklang miteinander. Daher gab es für den alten Griechen auch das noch nicht mit denselben Empfindungswerten wie heute ausgestattet, was in der heutigen Zeit ein Wunder genannt wird. Wenn wir jetzt absehen von allen feineren Unterscheidungen, so können wir heute sagen, ein Wunder würde gesehen, wenn ein Vorgang in der Außenwelt wahrgenommen würde, der nicht nach den bereits bekannten oder mit ihnen verwandten Naturgesetzen erklärbar ist, sondern der voraussetzt, dass der Geist unmittelbar eingreift. Da wo der Mensch wahrnehmen würde ein unmittelbar Geistiges, was er nicht bloß nach rein äußerlichen, mathematisch-mechanischen Gesetzen begreifen und erklären kann, würde er von etwas Wunderbarem sprechen. In diesem Sinne konnte der alte Grieche nicht von etwas Wunderbarem sprechen. Denn ihm war klar, dass der Geist alles macht, was in der Natur geschieht ... So sehen Sie, wie sich diese Begriffe geändert haben. Daher ist es auch etwas wesentlich unserer Gegenwart Angehöriges, dass das geistige Eingreifen in die äußeren Ereignisse des physischen Planes wie etwas Wunderbares empfunden wird, wie etwas, was herausfällt aus dem gewöhnlichen Gang der Ereignisse. Es ist nur unserer modernen Empfindung eigen, eine scharfe Grenze zu ziehen zwischen dem, was man von Naturgesetzen beherrscht glaubt, und dem, wo man ein unmittelbares Eingreifen der geistigen Welten anerkennen muss.«
Dennoch hat diese moderne scharfe Trennung zwischen Natur und Geist, die uns erst das Problem des Unerklärlichen und Kontingenten macht, so dass wir auf jenen Begriff des Wunders stoßen, den die Naturwissenschaft nur mehr als ein eigenes Ungenügen erlebt, eine ganz andere und positive Kehrseite. Diese positive Seite der Trennung von Natur und Geist, die verantwortlich ist für die ansonsten als peinlich empfundene Existenz des Wunders, lässt uns die vornehmste Eigenschaft im Wesen des Menschen erkennen: die Freiheit. Ohne die Trennung von Natur und Geist könnten wir uns nicht als frei erfahren. Und unsere Freiheit liegt in der Fähigkeit, Wunder zu vollbringen. Diese Wunder gehen über alles Gewöhnliche hinaus und können doch ihren Platz in unserem Alltag haben. Hannah Arendt hat diese Fähigkeit in jedem eigentlichen Handeln des Menschen gesehen, denn dieses ist ein anfängliches, neues Tun, in dem der Mensch von keiner Ursache in der Vergangenheit oder Zukunft bestimmt ist:
»Dass es in dieser Welt eine durchaus diesseitige Fähigkeit gibt, ›Wunder‹ zu vollbringen, und dass diese Wunder wirkende Fähigkeit nichts anderes ist als das Handeln, dies hat Jesus von Nazareth (dessen Einsicht in das Wesen des Handelns so unvergleichlich tief und ursprünglich war wie sonst nur noch Sokrates’ Einsichten in die Möglichkeiten des Denkens) nicht nur gewusst, sondern ausgesprochen, wenn er die Kraft zu verzeihen mit der Machtbefugnis dessen verglich, der Wunder vollbringt, wobei er beides auf die gleiche Stufe stellte und als Möglichkeiten verstand, die dem Menschen als einem diesseitigen Wesen zukommen.« – Es ist schön, auf diese Weise das Verzeihen als ein Wunder betrachten zu können, denn dieses setzt einen neuen Anfang. Es ist der Austritt aus der Vergeltung, die so natürlich wirkt wie die Schwerkraft. Verzeihen ist wie fliegen, ohne dass es dafür eine andere Erklärung gibt als die der Freiheit des Menschen.


AutorIn: Ruth Ewertowski


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Ausgabe 7|2018


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