Der Umgang mit Besitz als Entwicklungschance

Schon wenige Jahre nach der Geburt be­ginnt die Auseinandersetzung des Menschen mit der Frage des Besitzes. »Meine Puppe – deine Puppe, meine Schaufel – deine Schaufel.« ­Spätestens im Sandkasten, wenn es Spielgefährten gibt und zugleich Dinge, die dem einen oder dem anderen Kind zugehören, bricht eine Problematik auf, die uns durch das ganze weitere Leben begleitet: Was gehört uns – und wie gehen wir damit um? Und in welchem Verhältnis steht unser Umgang mit dem Besitz zu der uns umgebenden Menschengemeinschaft? Auch wenn diese Frage in besonderer Weise die Menschen in den Wohlstandsgebieten betrifft – im Kern berührt sie eine Schicht, mit der sich jeder Mensch zeitlebens auseinandersetzen muss.
Vom Blickpunkt der Ewigkeit her gesehen scheint gerade diese Frage unseres Umganges mit irdischem Besitz eine große Bedeutung zu haben. Vor der Geburt und nach dem Tode sind die Verhältnisse ganz andere. Nur hier auf Erden gibt es die Möglichkeit und die Notwendigkeit, in der Auseinandersetzung mit diesem Daseinsbereich seelisch zu wachsen – oder seelisch unfrei zu werden und zu verkümmern.
Die Tatsachen sprechen eine deutliche Sprache: Wir treten ohne jeden Besitz ins Erdenleben – und wir verlassen es wieder, indem wir allen in diesem Leben angesammelten Besitz zurücklassen. Das Leichenhemd hat keine Taschen – wie der Volksmund so schön sagt.
Zwischen Geburt und Tod liegt also die einzigartige und kostbare Chance, durch die Art und Weise unseres Umgangs mit irdischen Gütern etwas zu lernen, das wir nur hier unter den irdisch materiellen Bedingungen lernen können – dessen »Lernfrucht« aber für das Leben jenseits des Irdischen von großer Bedeutung zu sein scheint.
Entsprechend spielt diese Frage auch im Neuen Testament eine entscheidende Rolle. Man denke an den reichen Mann, der immer größere Scheunen baut, um für seine Zukunft vorzusorgen, und dann unerwartet stirbt; an den Reichen, der seine Freudenfeste feiert, während der arme Lazarus vor seiner Tür hungernd dahinvegetiert; an die arme Witwe und ihr Scherflein; an die Arbeiter im Weinberg; an die Wegweisung zum überzeitlichen Leben: verkaufe alles, was du besitzt, und verschenke den Erlös ... und folge mir nach; an den barmherzigen Samariter und wie er seinen Besitz zum Segen des Nächsten einsetzt; an die Bergpredigt: sammelt nicht Schätze auf Erden ...; an die Aussendung der Jünger; und schließlich an die Schilderung der alles und zugleich nichts besitzenden Gemeinschaft zu Pfingsten in der Apostelgeschichte des Lukas.
Eine wichtige Lektion in dieser Frage lernte ich in den ersten Jahren meiner Tätigkeit als Pfarrer, als ich eine hochbetagte, schwer krank und verkrümmt im Bett liegende adelige Dame zu besuchen hatte. Ihre jämmerliche körperliche Situation stand in bemerkenswertem Kontrast zu ihrer königlich-aufrechten Ausstrahlung.
Sie war kurz zuvor von ehemaligen »Untergebenen« besucht worden, um die sie sich als vermögende Gutsbesitzerin im heutigen Polen bis zu ihrer Flucht in den Westen gegen Ende des Zweiten Weltkrieges gekümmert hatte. Die ehemals bei ihr Beschäftigten hatten versucht, sie zu überreden, die verlorenen Ländereien nun, nach dem Fall der Mauer, auf dem Klageweg zurückzufordern. Sie hatte entschieden abgelehnt und sagte mir, ohne das geringste Bedauern in der Stimme: »Alles, was wir besitzen, ist uns nur auf Zeit anvertraut, geliehen. Der Herr hat´s gegeben – der Herr hat´s genommen.« Das war keine Redensart für sie, sondern gelebte Wirklichkeit. Da ahnte ich, aus welcher Quelle die lichtvoll königliche Ausstrahlung kam, die ich an ihr wahrnahm.
Unsere Welt sähe sehr anders aus, wenn diese Gesinnung unser menschheitliches Handeln prägen würde: Aller Besitz ist nur auf Zeit anvertraut und sollte der größtmöglichen Wohlfahrt der Gemeinschaft dienen. Weithin wird unser Globus jedoch von einer ganz anderen Denkungsart beherrscht: Die Schwäche meines Nächsten ist für mich die Gelegenheit, einen eigenen Vorteil daraus zu ziehen.
Stetig wachsender, unermesslicher Reichtum auf der einen Seite – bittere Armut für Milliarden von Menschen auf der anderen Seite. Und damit verbunden: nach wie vor neo-koloniale Verhältnisse der Ausbeutung. Das »wertvollste« Unternehmen der Welt (Apple) scheffelt quartalsweise Milliardengewinne, die kaum oder gar nicht versteuert werden, auf dem Rücken von unzähligen Arbeitern, die in Fernost die Geräte zusammenbauen, teilweise weniger als 10 Dollar am Tag verdienen und unter unmenschlichen, an Sklavenarbeit erinnernden Bedingungen leben müssen. Die existentielle Not anderer wird zur eigenen Bereicherung hemmungslos ausgenutzt.
Auch in der Debatte um die Geflüchteten in Deutschland geht es jetzt darum, diejenigen, die gut ausgebildet sind, bevorzugt aufzunehmen. Das klingt vernünftig und ist doch sehr kurzfristig und selbstbezogen gedacht. Denn gerade diese Menschen wären doch für den Wiederaufbau der Länder, aus denen sie stammen, so nötig. Eigentlich geht es deshalb darum, mit größtem Einsatz die Ursachen der Flüchtlingskrise zu benennen und zu bekämpfen. Wird dies nicht getan, werden diese Länder auf Jahrzehnte hin nicht wieder auf die Beine kommen, insbesondere, wenn die gut Ausgebildeten das Land dauerhaft verlassen haben. Wollen wir dazu beitragen?
Die Frage unseres Umganges mit Besitz und Reichtum ist eine derjenigen, an denen sich die Zukunft der Menschheit und das Überleben der Erde entscheidet.
Natürlich kann der Einzelne nach seinen Möglichkeiten Wohltätigkeit üben, anderen in ihrer Not helfen. Und das tun ja auch viele. Das ist anerkennenswert und gut. Und dennoch: solange sich an den Verhältnissen im Ganzen nichts ändert, stabilisiert auch dieses Verhalten die bestehenden Ungleichgewichte.
Der großartige Kabarettist Georg Schramm hat vor einiger Zeit ein Wort von Pestalozzi in Erinnerung gerufen: »Wohltätigkeit ist das Ersäufen des Rechts im Mistloch der Gnade«. Dieses – zugegeben recht derbe – Wort besagt im Kern: Es müssen Strukturen geschaffen werden – durch menschliche Fantasie und persönlichen Einsatz und Ideen erleuchteter Menschen –, die es jedem ermöglichen, ein menschenwürdiges Leben zu führen, ohne dass er der Wohltätigkeit – oder eben auch Nicht-Wohltätigkeit – seiner Mitwelt ausgeliefert ist.
In der Erklärung der Menschenrechte heißt es in Artikel 1: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.
Und in Artikel 3: Jeder hat das Recht auf ­Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.
Unsere neoliberal-kapitalistische Gesellschaftsordnung verstößt weltweit gegen diese Erklärung.
»Gleich an Rechten« – was heißt das, wenn der eine bestenfalls auf Almosen hoffen darf und trotz harter Arbeit nah am Verhungern ist, während der andere die Erträge seines Kapitalvermögens auch in Jahrhunderten nicht verfuttern kann? Und welches »Leben« und welche »Freiheit« bleiben mir noch, wenn ich etwa bei Foxconn oder Pegatron in Fernost Computer oder Smartphones an bis zu 7 Tagen in der Woche zusammenschraube, jeden Tag 10 Stunden oder mehr, und von dem Lohn kaum überleben kann?
Die Armut, der ich nicht entrinnen kann, die ich als Verhängnis empfinde, ist grundsätzlich etwas anderes als die selbstgewählte Armut oder Genügsamkeit, wie sie etwa ein Franz von Assisi vorgelebt hat. Als Besitzender kann ich verzichten – und vielleicht die darin liegende Befreiung erleben, besonders, wenn ich auch die andere Seite kennengelernt habe, dass mein Besitz mich besitzt, dass ich in die Dynamik des »immer mehr haben Wollens« hineingeschmeckt habe. »Zufrieden sein mit dem, was man hat« sei eine der wirksamsten Methoden zur Bekämpfung Ahrimans in der eigenen Seele, sagt Rudolf Steiner einmal.
Es wird sich im Großen der Welt nur etwas ändern können, wenn immer mehr Menschen in ihrem ganz persönlichen Schicksal die Verantwortung für das Ganze empfinden und daraus Handlungsimpulse empfangen. Die dringend notwendige Überwindung des Egoismus – auf persönlicher, familiärer und schließlich nationalstaatlicher Ebene – liegt, so Rudolf Steiner, darin, dass der Egoismus immer größer wird und schließlich das Ganze umfasst. Dass ich die Bedürfnisse und Rechte meines Nächsten – und lebte er auch am anderen Ende der Welt – als genauso berechtigt und dringend erlebe wie meine eigenen.
Dann ist es auch nur noch ein kleiner Schritt bis zum Erleben der Bedürfnisse und Notwendigkeiten der Erde als lebendigem Organismus sowie der Wesen der geistigen Welt, der Engel und Erzengel, der Hierarchien, bis hin zur Trinität.
Die Frage unseres Umgangs mit irdischem Besitz, die zu unserer leiblichen Existenz untrennbar dazugehört und bereits im Sandkasten beginnt in das Bewusstsein zu dringen, begleitet uns durch das ganze Leben. Es ist zugleich die Frage nach der Gemeinschaft und dem lebendigen Christentum. Es ist die Frage nach dem Sinn unserer Inkarnation. Wir sind herausgefordert, jeden Tag neu eine Antwort zu finden, die das Bestehende in uns und in der Welt verwandelt.


AutorIn: Christward Kröner


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Ausgabe 10|2018


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