Wege in die Menschenweihehandlung

IX. Friedvoll zur Welt stehen

Mit dem Übergang von der Wandlung zur Kommunion wendet sich die Messfeier aus dem intimen Bereich des hochzeitlichen Saals und der Berührung mit dem Geheimnis der Substanzverwandlung durch die Einwohnung Christi in die irdischen Opfergaben am Altar zur Wiederbegegnung mit der Alltagswelt. Die Folge der Gebete, die in der römischen Messe auf den Empfang des Abendmahls und die Aussendung am Schluss der Feier hinführen, stammt aus der mittelalterlichen Schicht der Überlieferung. Es sind Worte der Seele, die an Christus gerichtet werden, mit dem sie sich im heiligen Mahl verbinden will. Aus dem Raum der Heiligung gehen die Seelen der Feiernden anders hervor, als sie hineingegangen sind. Ihr Verhältnis zu Gott und zu sich selbst ist durch das, was in der Christengemeinschaft »Menschenweihe« genannt wird, durch eine tiefgreifende Erneuerung gegangen. Sollte von daher nicht auch die Welt, aus der sie sich für eine Stunde gelöst haben, in der neuerlichen Begegnung nach dem Mahl eine andere Seite ihrer selbst aufweisen können? Im ersten Kommuniongebet der Abendmahlsfeier spiegelt sich diese Frage in der Art, wie das Verhältnis Christi zur Welt angesprochen wird. Darauf soll in diesem Beitrag eingegangen werden.

Die Gemeinde als apostolische Gemeinschaft
In der römischen Liturgie wird das sogenannte Friedensgebet am Beginn der Kommunion an die Verheißung angeknüpft, die Christus den Jüngern vor der Feier des Abendmahls gegeben hat. Es heißt dort: »Herr Jesus Christus, der du zu deinen Aposteln gesprochen hast: ›Den Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch‹, sieh nicht auf meine Sünden, sondern auf den Glauben deiner Kirche« (Schott Messbuch 1924). Das hier zitierte Wort Christi findet sich in Johannes 14,27. In der vorangegangenen Berufung der Jünger sowie in den Aussendungen der 12 und der 72 Apostel war von der Vollmacht zum Verkünden des Evangeliums und zum Heilen die Rede, aber auch von dem Friedensgruß, den die Apostel den Häusern der Menschen spenden sollten. So zum Beispiel bei Matthäus: »Wenn ihr das Haus betretet, grüßt die Bewohner. Sind sie es wert, so soll der Friede, den ihr bringt, bei ihnen einziehen. Sind sie es jedoch nicht wert, so soll euer Friede zu euch zurückkehren« (Mt 10,12–13). In die große Dynamik, mit der Christus zunächst seine Schüler aus der Welt heraus und zu sich hin beruft, um sie später mit dem Auftrag zu christlichem Wirken wieder in die Welt zu entsenden, ist damit jede Abendmahlsgemeinde aufgenommen. Der sakramentale Strom der Heiligung geht von Christus durch die einzelnen Glieder der Gemeinde hindurch und findet seine Bestimmung in der durch sie beförderten Hinwendung der Welt zum Frieden.

Christus und sein »Stehen zur Welt«
Im Johannesevangelium lassen sich fünf Aussagen und drei Stufen im friedvollen Verhältnis Christi zur Welt unterscheiden. Alle Worte spricht Christus im Saal des Abendmahls – zwei vor seinem Durchgang durch Tod und Auferstehung, die drei anderen am Osterabend und eine Woche danach. Zunächst erscheint das in der römischen Messe zitierte Wort. Es weist auf eine gewisse Spannung zwischen Christus und der Welt, da von zweierlei Frieden die Rede ist: Der Friede Christi und der Friede der Welt wird ausdrücklich gegenübergestellt. Der in die Welt gesandte Gottessohn hatte zuvor seinen Auftrag so ausgesprochen: »Denn ich bin nicht gekommen, die Welt zu richten, sondern die Welt zu retten« (Joh 12,47). Es zeigt sich, dass der Welt etwas eigen ist, was noch nicht »christusgemäß« ist, sondern seiner Erlösungstat harrt.
Das zweite Wort vom Frieden kündet nun von einer Annäherung und zugleich von einer Wendung: »Dies habe ich zu euch gesagt, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt werdet ihr hart bedrängt; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt« (Joh 16,33). Er verspricht den Jüngern den Frieden »in Christus« und blickt darauf hin, dass er die Welt besiegt. Damit ist einerseits auf die Gemeinschaft verwiesen, die wir als Friedensbringer in und durch Christus finden, andererseits erscheint die Welt in unmittelbarer Beziehung zu dem, was Christus in seiner Menschwerdung »in der Welt« zu besiegen und überwinden hatte: den Tod. Eine ersterbende Welt kann offenbar noch nicht den Frieden hervorbringen, der ihr erst in ihrer Überwindung durch Christus einverleibt wird.
Das dritte Wort erklingt zunächst doppelt am Osterabend in die Runde der Jünger, die sich dort bei verschlossenen Türen versammelt haben, indem er zweifach den Friedensgruß entbietet »Friede mit Euch!« (Joh 20,19/20). Schon in dieser ersten Wiederholung klingt an, dass dieser nicht nur als der alltägliche Willkommensgruß (»Shalom«) verstanden werden muss, sondern dass darin im Sinne der vorherigen Stufen eine wesensmäßige Bekundung des österlichen Sieges über die Welt liegt, der er sich in Tod und Auferstehung neu verbunden hat. Als acht Tage später Thomas mit den anderen Aposteln versammelt ist, wiederholt sich noch einmal das Sichtbarwerden Christi bei verschlossenen Türen und das Zeigen der Wunden. Zu diesem dritten Wort des Friedens durch den Auferstandenen kommt noch ein nachösterliches Wort der Aussendung hinzu: »Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch« (Joh 20,21).

Das Friedvoll-werden von Mensch und Welt
In der Menschenweihehandlung wird das erste der drei Johannes-Zitate freier wiedergegeben als in der römischen Messe. Wenn dort gesagt wird, er habe »... zu den mit Dir Wandelnden ...« gesprochen: »Friedvoll stehe ich zur Welt«, dann umfasst diese Aussage alle drei oben angedeuteten Stufen: Der sich dem in der Welt entgegenstellt, was erlöst werden soll, der durch die Todesüberwindung die Welt besiegt, und der, der seinen Frieden mit dem Frieden der Menschen und der Welt verbinden will – immer ist er der, der »zur Welt steht«, der sich ihr gegenüber, ihr zugewandt und in ihr Frieden schaffend verbunden weiß.
Der zweite Teil des eingangs zitierten Satzes aus der römischen Messe »... sieh nicht auf meine Sünden, sondern auf den Glauben deiner Kirche« wird in der Menschenweihehandlung weiter gefasst. Christus wird um Erkraftung dessen gebeten, was sich im Betenden »... der Sünde Last entringt …«, damit es sich denkend und wollend mit Christus und seinem Frieden verbinden kann. Das Friedvoll-zur-Welt-Stehen erscheint hier als eine der Möglichkeiten, in der sich christlicher Glaube apostolisch betätigt. Indem wir seinen Frieden empfangen, so lässt sich diese Aussage umschreiben, kann auch sein Stehen zur Welt auf unsere friedeerfüllten Haltungen und auf unser friedensstiftendes Verhalten übergehen.
Ein neuer Ton, der über die Evangelienzitate hinausweist aber dabei den in ihnen liegenden Prozess fortsetzt, wird im nachfolgenden Motiv angeschlagen, wenn nun auch von einem Wandel der Welt selbst gesprochen wird. Ihrem Werden möchte sich der Betende einen, von dem es heißt, dass »... es geschehen kann durch Dich ...«. Damit bekennt das Friedensgebet der Menschenweihehandlung, dass Christus im Werden der Welt gegenwärtig sein kann und soll. Die Welt steht demnach in ihrer allmählichen Durchchristung nicht mehr als ein zu besiegender Gegen-Stand dem auf die Erde gesandten Messias gegenüber, sondern in ihr wird durch sein schöpferisches Wesen ein neues lebendiges Werden möglich, in dem sie die Überwindung und Erlösung ihrer Gottentfremdung erfährt. Dass wir daran teilnehmen dürfen, spricht sich in den Worten des ersten Kommuniongebets auf tröstliche Weise aus und führt zugleich auf die Vollendung des Abendmahls zu, wenn nach dem Empfang von Leib und Blut Christi das segnende Friedenswort erklingt »Der Friede sei mit dir«.


AutorIn: Ulrich Meier


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Ausgabe 10|2018


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