25. Mai bis 03. Juni | Himmelfahrt

Die Reformation vor 500 Jahren

Anliegen und Folgen eines Wandels im theologischen Denken

Es gibt wohl kaum ein historisches Ereignis, das von so vielen widersprüchlichen Faktoren bestimmt ist, wie die Reformation. Persönliche Frömmigkeit, edelste Absichten, krasser Egoismus, Machtstreben und Bereicherungsabsichten, politische und persönliche Ressentiments – all das bildet ein Konglomerat, das wir gewohnt sind, im Endergebnis als Reformation zu bezeichnen.
Die Thesen Luthers, die ja zunächst als universitäre Diskussionsgrundlage gedacht waren und eine »reformatio als regeneratio« (Erasmus von Rotterdam) – also eine Veränderung durch Wiederherstellung der verfälschten Vergangenheit – anstrebten, trafen den Nerv der Zeit. Sie sprachen sofort ebenso finanzpolitische Interessen der verschiedensten Fürsten an wie auch die Sehnsucht vieler Christen nach einer Veränderung in der Kirche. Die Forderung nach einem allgemeinen Konzil stand schon lange auf der Tagesordnung der Christenheit. So war mit den Thesen Luthers eine vielleicht so nicht gedachte oder gewollte Verknüpfung von Theologie mit Zeitkritik gegeben.
Mit seiner Berufung als Professor für biblische Theologie an die 1502 gegründete Uni­versität Wittenberg sah sich Luther vor neue ­Herausforderungen gestellt, war damit doch auch die Aufgabe als Prediger und Seelsorger an der Wittenberger Stadtkirche verbunden. Als Augustinermönch war er in die strenge Disziplin seines Ordens eingebunden – er nahm die Regeln ernst –, während ihn in der Stadtkirche die pastoralen und sozialen Fragen der Zeit unmittelbar zur Stellungnahme zwangen.
Er durchlebte in diesen Jahren eine tiefgreifende Wandlung seines theologischen Denkens: Nicht in der Werkgerechtigkeit, sondern in dem alleinigen Hoffen auf die Gnade Gottes ist das Heil zu finden. Dabei kann und muss sich der Christ allein auf die »Schrift« stützen, gerechtfertigt wird er nur durch den Glauben. »Sola scriptura, sola gratia, sola fide« (Allein durch die Schrift, allein durch die Gnade, allein durch den Glauben), wurde zur Grundlage seiner Überzeugungen und seiner weiteren theologischen Überlegungen.
Die Thesen verbreiteten sich in Windeseile in ganz Deutschland. Die neue Kunst des Buchdruckes ermöglichte eine bisher nicht gekannte Breitenwirksamkeit. Ein Jahr später erläuterte Luther seine Thesen in der Predigt »Sermon vom Ablass«. Diese Predigt erfuhr noch größere Verbreitung als die Thesen selbst.
Schnell verschob sich der Akzent von Luthers Kritik. Die Frage nach der Berechtigung der kirchlichen Autorität wurde die entscheidende. Auch hier galt für Luther das Schriftprinzip – jede theologische Aussage sollte sich einzig auf die Heilige Schrift berufen dürfen. So wurde 1518 ein Ketzerprozess gegen Luther eröffnet.
Hier kam die Politik ins Spiel. Luthers Landesherr, Friedrich der Weise, war Kurfürst von Sachsen und hatte bei der anstehenden Kaiserwahl eine wichtige Stimme. Außerdem war er finanziell dank der reichlich fördernden Freiberger Silberbergwerke relativ unabhängig. Der Ketzerprozess wurde zu einer politische Angelegenheit.
1520 veröffentlicht Luther drei große Schriften: »An den christlichen Adel deutscher Nation«, »Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche« und »Von der Freiheit eines Christenmenschen«. In der ersten Schrift zeigt sich der Anfang dessen, was später evangelische Staatskirche werden sollte – von den Herrschenden wurde Verantwortung und Handeln auch in Glaubensfragen verlangt, der einzelne Gläubige sollte aber Untertan der Obrigkeit sein (Zwei-Reiche-Lehre).
In der zweiten Schrift vollzog Luther den Bruch mit der bestehenden Institution Kirche: Stil und Wortwahl ließen eine konstruktive Auseinandersetzung zwischen ihm und Rom nicht mehr zu. Auch bei Sachfragen, Beschränkung auf drei Sakramente, Abschaffung des Zölibats und der Forderung nach der Prüfung von Konzilsentscheidungen anhand der Bibel, wurde deutlich, dass Luther so formulierte, dass ein Eingehen auf diese Punkte von Rom nicht zu erwarten war.
In der »Freiheit eines Christenmenschen« entwirft Luther eine neue christliche Ethik. Die im Glauben neu errungene Freiheit zeichnet sich durch eine große Verantwortung und Verbindlichkeit aus.
Auf dem Reichstag in Worms erwies sich der Gegensatz der Interessen von Kaiser, Kirche und Reichsständen als so groß, dass die übliche Verfahrensweise, auf eine Bannbulle des Papstes sogleich die Reichsacht folgen zu lassen, nicht ohne eine neuerliche Anhörung erfolgen konnte. Gleichwohl wurde auf dem Reichstag die Forderung nach einem allgemeinen Konzil zur Erneuerung der Kirche von den Reichsständen in aller Deutlichkeit formuliert.
Der weitere Verlauf ist bekannt: Luthers »Hier stehe ich ...«, die anschließende Schutzhaft auf der Wartburg mit der großartigen Folge der Bibelübertragung – nicht die erste in die deutsche Sprache, aber sprachlich genial und wegweisend für viele Übersetzungen auch in andere Sprachen.
Auf ganz anderem Weg kam Ulrich Zwingli zu ähnlichen Schlussfolgerungen wie Martin Luther. In Zürich kam es zu einer öffentlichen Disputation über Glaubensfragen in der Stadt. Die weltliche Obrigkeit hatte nach der Auffassung Zwinglis die Pflicht zur Neuordnung der Gesellschaft, andernfalls könne sie abgesetzt werden. Die kirchliche Gemeinde wird mit der Stadtgemeinschaft gleichgesetzt – und hat infolgedessen auch die Legitimation zum politischen Handeln.
1529 kam es zwischen Luther und Zwingli durch Vermittlung des hessischen Landgrafen Philipp zum »Marburger Religionsgespräch«. Deutlich traten hier die Unterschiede im Abendmahlsverständnis zutage: Für Zwingli war das Abendmahl eine Bekenntnishandlung der Gemeinde, für Luther war Christus beim Abendmahl real gegenwärtig. Eine Einigung der verschiedenen reformatorischen Bestrebungen kam nicht zustande.
Die weitere Entwicklung in Deutschland war von heftigen Kämpfen geprägt. Das Glaubensanliegen der Erneuerung wurde zur »Fürstenreformation«. Die Fürsten kämpften gegeneinander, mit und gegen den Kaiser. Erst 1555 kam es zum »Augsburger Religionsfrieden«, der den weltlichen Reichsständen die Religionsfreiheit gestattete, d.h. der Landesfürst entschied über die Religionszugehörigkeit seiner Untertanen. Wollten diese sich dem Entschluss der Fürsten nicht fügen, blieb ihnen nur die Auswanderung.
Luthers Anliegen war zunächst eine Wiederherstellung der Kirche, eine Besinnung auf ihre eigentliche Aufgabe. Er begann, Glaubensfragen zu denken, ohne die bisherigen und gegenwärtigen Autoritäten als Maßstab zu setzen. Seine persönliche Frömmigkeit führte ihn in einen unüberbrückbaren Gegensatz zur bestehenden Kirche. Neben allen Fehlern und Schwächen, die man bei ihm finden kann, bleibt sein Verdienst, den Glauben auf ein in dieser Form noch nie dagewesenes persönliches Fundament zu stellen. Seine Tragik war, dass sich verschiedenste Machtbereiche mit sehr unterschiedlichen Interessen der von ihm angeregten Entwicklung bedienten. So müssen wir die Reformation von vor 500 Jahren aus heutiger Sicht als ein sehr vielschichtiges und keineswegs nur religiöses Phänomen verstehen.
Das theologische Denken hat durch Luther weitreichende Impulse erhalten. Seitdem kann man wissen, dass auch theologische Gedanken umfassende gesellschaftliche Folgen haben können.
Die Problematik der Kirchenentwicklung in den evangelischen Ländern durch die Einheit von Landesherr und Kirchenoberhaupt haben wir in Deutschland schmerzlich durchlebt. Eine endgültige und konsequente Trennung von Staat und Kirche ist ein Schritt, der uns noch bevorsteht.


AutorIn: Thomas Kühnert


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Ausgabe 1|2017


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