23. Juli bis 28. September | Sommer

Was ist Lehrfreiheit – und was kann sie bedeuten?

Anthroposophie und christliches Bekenntnis

An vielen Orten der Welt würden die Menschen gerne sagen, was sie denken, dürfen es aber nicht. Sie würden sich oder andere in Gefahr bringen, meistens, weil Machthaber Angst um ihre Macht haben. Hier bei uns ­dürfen wir zwar, aber können wir es auch?
Den immer auf- und abgeklärter werdenden Menschen wird es zunehmend schwerer, noch an kirchliche Lehren, wie zum Beispiel die Jungfrauengeburt zu glauben. So ging es auch der katholischen Theologin Uta Ranke-Heinemann, die sich dementsprechend und noch dazu an einem Marien-Wallfahrtsort äußerte. Einige Monate später wurde ihr die Lehrerlaubnis entzogen. Denn was sonst in der wissenschaftlichen Welt eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist, die Forschungs- und Lehrfreiheit, unterliegt im Bereich der Religion bzw. der Kirchen Einschränkungen. Ebenso waren Eugen Drewermann und Hans Küng Opfer einer eingeschränkten Lehrfreiheit. Grundlage für solche Ausschlüsse aus kirchlichem Lehrbetrieb ist, dass man die Glaubensinhalte festgeschrieben hat, um den Menschen und der Institution Kirche inneren Halt zu geben.
Das gibt es bei uns in der Christengemeinschaft, modern wie wir sein wollen, nun gerade nicht. Die Priester, und noch mehr alle anderen, haben »Lehrfreiheit«, die für die Priester nur mit der verständlichen Einschränkung versehen ist, dass die Lehre nicht den Inhalten der vollzogenen Sakramente widersprechen soll. Die Freiheit der Priester in ihrer Verkündigung entspricht der Bekenntnisfreiheit der Gemeindemitglieder. Aber geht das – ein bekenntnisfreies Christentum? Christentum lebt ja gerade dadurch, dass Menschen sich dazu bekennen. Aber das macht den Unterschied aus: Ob es ein Bekennen zu festgeschriebenen Glaubensinhalten sein muss, das zu einem bestimmten Zeitpunkt stattfinden soll, auch wenn ich noch nicht sagen kann, dass ich die entsprechenden Inhalte fertig verstanden habe. Dadurch würde der Glaube zur Annahme dessen, was ich nicht weiter befrage – und er würde mich somit von weiterer Erkenntnis abhalten. Oder kann ich darin vielmehr einen Prozess sehen, sich frei an dem Wirken des Christus, wie es in verschiedener Weise mitgeteilt wurde, zu orientieren und sich mit ihm immer mehr zu verbinden. Das würde möglich machen, in Freiheit – und so gut man es eben jeweils vermag – aus seinem Geist zu handeln.
Auch wenn Priester nicht, wie es manchmal geschieht, zum Dozieren neigen würden, könnte Lehre schon vom Wort her insofern missverstanden werden, dass ein feststehendes Wissenssystem zu vermitteln wäre. Zwar handelt es sich neben dem Ausüben der Sakramente und der Seelsorge um eine der hauptsächlichen Tätigkeiten im Pfarrerberuf. Aber hier ist Lehren mehr in dem Sinne zu verstehen, dass man den Menschen das Wort zu vermitteln sucht, den Logos, der im Evangelium und den Kultustexten Sprache und Buchstabe geworden ist, und sich in der Kunst zu Bildern gestaltete, indem man es jeweils neu schöpft und hervorbringt. Es ist der Versuch, in Predigten, Vorträgen und Gesprächen etwas von der Begeisterung, die man für das heilende Wirken des Christus in der Welt empfindet, anderen mitzuteilen. So handelt es sich dabei um etwas, das nicht nur den Priestern vorbehalten ist, sondern seit den Anfängen in jedem vom Christentum Begeisterten Bedürfnis werden kann.
Je weiter sich aber die Menschheit in ihrer Bewusstseinsentwicklung von den Quellen der Evangelien und der persönlichen lebendigen Weitergabe der christlichen Begeisterung entfernt hat, erschien es ab dem dritten Jahrhundert nötig, die christlichen Inhalte in Gedankenformen zu bewahren, d.h. auch schriftlich zu fixieren. Da aber das Erleben der christlichen Tatsachen und damit auch das Greifen in Begriffen persönliche Färbungen hatte, gab es Auseinandersetzungen, bei denen es teilweise nicht zimperlich zuging, wenn man auf einheitliche Formulierungen der Theologie kommen wollte. Wo das geschehen ist, gab es somit eine Grenze, innerhalb derer man dann von Rechtgläubigkeit sprach und außerhalb derer etwas als Irrlehre oder Ketzerei bezeichnet und als unchristlich abgelehnt wurde. Die verschiedenen Kirchen und Gruppen, die sich aus der ursprünglichen Einheit der Christen wegen unterschiedlicher Sichtweise in den Glaubensfragen ausdifferenziert haben, bauten dann ihre Identität zum großen Teil auf die fixierten Glaubensinhalte, aber auch auf verschiedene Kultusformen auf.
Mit seinen geistigen Einblicken hat Rudolf Steiner insbesondere dem Christentum seine Quellen neu zu erschließen versucht. So konnte er zu wesentlichen Fragen der Religion Aussagen machen und Geheimnisse aufschlüsseln, wie es das Alltagsbewusstsein und der weit entwickelte intellektuelle Verstand nicht mehr vermochten. So konnten im Verstehen Brücken zu den jahrtausendealten Inhalten der Bibel gefunden werden. Die erfordern aber ein besonderes Einlassen auf die Formen und Kenntnisse der damaligen Mysterienbilder und der Prinzipien spiritueller Einweihungsprozesse. Die vielen Anregungen, sich den Evangelien und dem Alten Testament aufzuschließen, sind aber weniger als fixierte Glaubensinhalte anzusehen, sondern als Forschungsergebnisse, die man zur Kenntnis nehmen, aber auch prüfen soll und verstehen kann, oder um deren eigene Erschließung man sich bei weiterem Interesse bemühen kann.
Darin kommen Motive und Gedanken auf, die sich von den bis dahin tradierten teilweise stark abheben und manchen Theologen als unvereinbar mit der christlichen Lehre galten. So z.B. die Beschreibungen zweier Jesusknaben oder die Gedanken über Reinkarnation und Karma, die sich in Steiners Auffassung durchaus mit der christlichen Entwicklungsidee verbinden lassen.
Durch die Bedeutung, welche die Anthroposophie für die Christengemeinschaft hat, wird teilweise angenommen, sie sei im Sinne eines feststehenden Weltdeutungssystems das, was für anderen Kirchen Lehrgebäude, Dogmatik und Theologie sind. Es geht dabei aber eher um methodische Anregungen für die Art und Beweglichkeit des Denkens und Vertiefens, mit denen die religiösen Inhalte aufgenommen werden können.
Allerdings nennt Rudolf Steiner bei der Gründung der Christengemeinschaft die ­Anthroposophie einmal die »lehrende Seele« der Priesterschaft. Dies kann vor allem auch als Hinweis darauf verstanden werden, dass das »Anschauungswissen« der Anthroposophie eine Wesensbegegnung vermitteln will, die der ­eingangs erwähnten Bekenntnisbemühung nicht als fertiges Gedankengebilde ent­gegentritt, sondern deren Inhalte im Sinne ­einer fortwährenden Begegnung selbst geprüft und erschlossen und – wenn für gut befunden – auch verinnerlicht werden wollen. Das ist etwas anderes, als von anderen stammende Inhalte gläubig an­zunehmen oder für wahr zu halten, zu denen Zugang zu finden man sich selber nicht zutraut.
An dieser Stelle kommt der religiös suchende, aber modern und wissenschaftlich denkende Mensch sonst in Schwierigkeiten, weil er die Forderungen des einen Weltbildes mit denen des anderen nicht in Einklang zu bringen vermag. Dabei spielt es für die innere Zerrissenheit, die dadurch entstehen kann, keine Rolle, ob das gläubige Für-wahr-Halten in den sich modern meinenden Wissenschaften oder in den religiösen Gemeinschaften gepflegt wird. Das aber genau ist Ideal und Anspruch in der Christengemeinschaft, auch wenn es nicht jeder voll auszufüllen vermag. Jeder kann versuchen, seinen Möglichkeiten entsprechend, diese Ideale zu verwirklichen.
Wie lebt aber die Lehr- und Glaubensfreiheit in der Christengemeinschaft konkret? Wie frei handhaben wir unser religiöses Denken, Glauben und Bekennen heute, mehr als 90 Jahre nach der Gründung? Gibt es nicht auch »bei uns« die Gefahr einer sich innerlich entleerenden Tradition in Lehre und Verkündigung? Wie steht es um den Mut zur Irrlehre, wie ihn nach Erzählung älterer Kollegen der 1995 verstorbene Pfarrer Siegfried Gussmann regel­mäßig auf Synoden gefordert hat?
Das Schöne an dieser Freiheit ist ja, dass ich mich zwar an das, was andere aus ­Freiheit ­hervorgebracht haben, anlehnen und mich ­davon anregen lassen kann, mich aber nicht ­darauf abstützen muss. Dann würde ich ­nämlich die Äußerungen festzurren und ­ihnen ihre Keimkraft nehmen. Denn jede wirklich christliche Aussage hat mehr oder weniger Evangelienqualität, die man daran bemerken kann, dass sie den Menschen in seinem Ringen um ­Moral und in seinen ureigenen Erkenntnisfähigkeiten herausfordert und bestärkt. Das kann dann ­objektive Wirklichkeit werden, wenn der Mensch an sich glaubt und danach handelt.


AutorIn: Tarik Özkök


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Ausgabe 1|2017


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