27. November bis 24. Dezember | Advent

Martin Luther

»Was aus der Taufe gekrochen ist, das mag sich rühmen, dass es schon Priester,
Bischof und Papst geweiht sei.«
(Martin Luther: An den christlichen Adel deutscher Nation, 1520)

Trotzig konnte er sein, dieser Martin Luther: Wenn ich selbst mit meinem Gott sprechen kann, wozu brauche ich dann Kirche, Priester oder Papst? Aber auch: Wenn ich vor meinem Gott nichts wert und ganz auf seine Gnade angewiesen bin, wozu brauche ich dann Kirche, Priester oder Papst?
Man könnte meinen, dass Luther mit dieser Argumentation die organisierte Kirche gleich ganz hätte abschaffen können. Wer aber so viel Freiheit forderte, wurde von ihm später als »Schwärmer« bezeichnet und bekämpft. So weit konnte und wollte er nicht gehen. An der Ordnung, auch der staatlichen Ordnung, war ihm viel gelegen, weshalb er auch das Bündnis mit den Fürsten suchte. Und die Menschen hielt er, mit einem gewissen Recht, auch noch für erziehungsbedürftig. So geht das Titelzitat auch noch einschränkend weiter: »… obwohl es nicht ­jedem ziemt, dieses Amt auch auszuüben.«
Und dass es mit dem Amt seine Ordnung ­haben sollte, auch das blieb wichtig. Nun wurde die oberste Kirchenautorität den Landesfürsten übertragen. Und die Lehre wurde wichtiger als Kultus oder Seelsorge. Die Kirche wurde eine Erziehungsinstitution, der Talar des Professors ersetzte nach und nach die Priestergewänder.
Das »Priestertum aller Gläubigen« ist für viele Menschen ein selbstverständliches Erlebnis. Jeder Beruf kann priesterlich verstanden und ausgeübt werden. Wenn wir nun aber versuchen, ein erneuertes Priestertum zu leben, darf es nicht hinter Martin Luthers Freiheitsimpuls zurückfallen. Es darf keinen inhaltlichen Zwang und keine künstliche Einmütigkeit unter den Priestern herrschen. Ein Priester ist kein »besserer Mensch«, sondern stellt sich zur Verwaltung der Sakramente zur Verfügung, von seiner Gemeinde anerkannt. So entsteht geistige Freiheit. Denn »... alle Christen sind wahrhaft geistlichen Standes, und ist unter ihnen kein Unterschied dann des Amts halben allein« (Martin Luther, ebd., 1520).


AutorIn: Michael Bruhn


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Ausgabe 3|2017


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