29. September bis 28. Oktober | Michaelizeit

»Mit dem Feuer spielen«

Zur Internationalen Pfingsttagung 2017

UM: Die gesamte Christengemeinschaft geht 2017 auf die große Tagung in den Niederlanden zu. Im Titel liegt das Motiv dazu: Was geschieht, wenn das pfingstliche Geistfeuer auf Menschen trifft, die sich im ernsten und zugleich freudigen Sinne als Spielende erproben wollen?
MD: Spielen heißt für mich: Kind, Humor, Selbst­relativierung, Mut, Verletzlichkeit, Bewegung, Fair Play, wechselnde Rollen, Ausprobieren. Der Geist bringt das Neue und braucht diese Tugenden. Geist hat zu tun mit Wahrheit, die aufflammen kann im Denken, im Fühlen und im Wollen. Letztendlich aber fühlt man, ob etwas wahr ist oder nicht. Wahrheit ist immer im Jetzt, immer neu erregt, aber auch irrtumsfähig. Spielen hilft, loszulassen und neu zu fühlen. Spielen hilft, die höchste geistig-moralische Einheit in der Seele zu erreichen; das, was wir im Christus finden. Man wird persönlich verantwortlich für das, was man auf diese Weise erkannt, verstanden, erfahren und gewollt hat. Und auch für die alten und neuen Fragen. Spielen braucht andere Menschen. Spielerisch-moralisch-geistiger Ernst bildet Gemeinschaft, in der Einheit in Verschiedenheit und Verschiedenheit in Einheit lebt.
UM: Wie gestaltete sich das Thema, als es im Vorbereiterkreis gefunden wurde und wie hat es sich inzwischen verwandelt?
MD: Der Vorbereitungskreis hat erstaunlich ­viele anregende und feierlich-freudige Ideen hervorgebracht. Als die Programmgruppe anfing, diese Ideen zu ordnen und auszuarbeiten, geschah, was geschehen musste: erst mal ging alles ins Sterben. Eine große Verzweiflung trat auf! Seltsamerweise folgte darauf die Krise mit dem Ortswechsel: Wir mussten Rotterdam loslassen und landeten in ’s-Hertogenbosch (Den Bosch), einer kleinen, freundlichen Stadt in der Mitte der Niederlande. Es ist aber auch die Stadt von Hieronymus Bosch. Sie liegt in einer Landschaft, die durch die Maas geprägt ist. Mit dem Zug ist sie in einer halben Stunde von der alten Domstadt Utrecht und in einer Stunde von Amsterdam oder Rotterdam aus erreichbar!
UM: Aus welchen Ländern werden Gäste erwartet und in welchen Sprachen werden sie sich miteinander verständigen?
MD: Wir erwarten Gäste aus sehr vielen Ländern, z.B. aus Georgien, Japan, Argentinien, Südafrika, Australien – und auch aus Deutschland! Es gibt vier offizielle Tagungssprachen: Niederländisch, Deutsch, Englisch und Spanisch. Es wird Simultanübersetzungen in diese Sprachen geben, aber auch Gelegenheit für »Flüsterübersetzungen« in die anderen Sprachen. Ansonsten kann man sich z.B. beim Kaffeetrinken mit »Händen und Füßen« und mit der Herzenssprache verständigen.
UM: Wie sieht der Tageslauf auf einer so großen Tagung aus – wird es Abwechslung geben, ruhige und bewegte Angebote, Gelegenheiten, selbst tätig zu werden? Zu welchen Gelegenheiten wird sich die Tagungsgemeinschaft als Ganze zusammenfinden? Kann man sich auch mal zurückziehen?
BH: Das Programm bietet sehr viel Abwechslung und – wir müssen es gestehen – es ist sehr voll. Trotzdem gibt es genügend Pausen. Es birgt viele hoffentlich erfrischende Inhalte und viel Bewegung. Besonders in den Arbeitsgruppen haben wir versucht, neben dem »Was« auch dem »Wie« durch kreative Prozesse viel Raum zu geben. Der Tag beginnt mit der Menschenweihehandlung – fünf zur selben Zeit in fünf verschiedenen Sprachen – und endet im Plenum mit dem kultischen Tagesabschluss. Einige von den Predigten und alle Ansprachen werden vor Anfang der kultischen Handlungen von einem Pfarrer in Zivil gehalten, elektronisch verstärkt und simultan übersetzt. Der kultische Tagesabschluss ist schon um 20:30 Uhr, um den Teilnehmenden ausreichend Zeit zu geben, ihr Quartier zu erreichen. Für die, die noch länger bleiben wollen, gibt es das Nachtcafé. Was während der Tagung alles passiert, was mitgemacht und ausprobiert werden kann, ist viel zu viel, um hier aufgezählt zu werden. Aber keine Sorge: Man kann sich immer die Freiheit nehmen, sich für eine Zeit zurückzuziehen und sogar in die Stadt zu gehen. Am Tagungsort wird auch ein Ruheraum mit Pritschen eingerichtet für die Mittagspausen. Auf der Website ist fast das ganze Programm schon zu finden, aber auch jetzt werden dort noch weitere neue Informationen erscheinen.
UM: Ich habe gelesen, dass es parallel eine Jugendtagung auf demselben Gelände geben wird. Sind Begegnungen zwischen den erwachsenen und jugendlichen Teilnehmenden möglich und geplant?
BH: Die Programmteile für die Erwachsenen finden im Tagungsgebäude statt, während die Programmteile für die Jugendlichen in ihrem eigenen Zeltdorf sein werden, das nebenan aufgebaut wird. Zwischen Jugend- und Erwachsenen-Tagungsorten ist ein gemeinsamer Innen- und Außenraum, wo sie sich jeden Tag während der Mahlzeiten und Pausen begegnen können.
MD: Von vornherein war es so gedacht, dass Erwachsene und Jugendliche zwar ihr eigenes Tagungsprogramm haben, aber viele Programmteile doch gemeinsam gemacht werden oder ­wenigstens gemeinsam gemacht werden können. Mahlzeiten, Menschenweihehandlung und ­Tagesabschluss werden gemeinsam gehalten, auch verschiedene Arbeitsgruppen sind ­gemischt.
UM: Wie kann ich den weltweiten Initiativen aus der Christengemeinschaft begegnen? Wodurch lässt sich erspüren, wie vielfältig sich die Christengemeinschaft in den unterschiedlichen Regionen entwickelt?
MD: Nach dem Mittagessen gibt es einen Basar. Dort kann man die Vielfalt der Christengemeinschaft erleben: Regionen und auch einzelne Gemeinden präsentieren sich, so auch die Seminare usw. Neu ist der »Feuerstellenmarkt« mit Initiativen, die etwas »wollen«. Es wird dort gezeigt, wie sie in der Welt wirken, und man kann sehen, ob andere sich daran entzünden lassen: anders umgehen mit Geld, neue Sterbekultur, etwas tun für die Seelen der »Ungeborenen«, die auf dem Weg zur Erde sind. Es wäre sehr schön, wenn Menschen, die ein ähnliches Ziel haben, an den Feuerstellen einander begegnen können und Ideen und Erfahrungen austauschen und sich wechselseitig begeistern. Leider haben wir bis jetzt verhältnismäßig wenig Anmeldungen dazu bekommen. Es geht nicht darum, wie groß und erfolgreich die Initiativen sind, sondern um den Willen, der Welt etwas Neues und Kostbares zu schenken: physisch – klar – aber auch geistig. Initiativen wie ein internationaler Gebetskreis gehören also auch auf unseren Feuerstellenmarkt!
UM: Das Tagungsthema trägt ja auch einen ­Untertitel: »Die Pfingstflammen – das Geschenk der Freiheit«. Was verbindet Ihr damit persönlich?
MD: Ich muss gestehen, dass ich eigentlich kein Liebhaber von großen Veranstaltungen mit vielen Menschen bin. Als das Schicksal mich dazu brachte, die Koordination der Programmgruppe zu übernehmen, habe ich gezögert und trotzdem »Ja« gesagt. Je mehr ich die Aufgabe bejahen konnte, desto mehr wurde mir geholfen und desto »feuriger« konnte und kann ich das Leiden daran (»Stress!«) akzeptieren.
BH: Für mich persönlich ist es eine fortwährende Erinnerung daran, dass es an uns Menschen selber liegt, ob sich das Pfingstfeuer entflammen kann. Das Geschenk ist da! Aber es zeigt sich nur, wenn sich ihm Menschen in Freiheit und mit gutem Willen zuwenden.
UM: Auf der Website habe ich die folgenden Fragen gefunden: »Wie springt der Funke über? Wie nähren wir die Flamme? Wie entzünden wir das Feuer?« Was wäre – für jeden von Euch – die schönste Antwort auf diese Fragen, die Teilnehmende von der Tagung mit nach Hause nehmen?
MD: Die Welt ist voll von moralischen Geistfunken. Man muss sie nur sehen und ergreifen. Im Vorbereiten dieser Tagung habe ich vielleicht zum ersten Mal ganz deutlich empfunden, dass ein Funke auch aus der Welt der Verstorbenen überspringen kann. Diese Tagung wird sehr gewünscht! Der Christus braucht uns! Dann können wir die Flamme ernähren durch Beten, Meditieren und Tätigwerden: Das Feuer verbreiten durch eine positive, freudige Ausstrahlung, um schließlich mit Vertrauen dranzubleiben und einfach geduldig zu warten, bis irgendwo, irgendwann, ein Funke überspringt – wie eine Saat, die vom Wind mitgenommen wird.
BH: Ich hoffe, dass die Teilnehmer nach dem ­gemeinsamen Erlebnis dieser Tagung in dem ­Gefühl wieder nach Hause gehen, dass sie ­wirklich Teil einer weltumfassenden Gemeinschaft sind. Wenn sie, jeder an seiner oder ihrer Stelle, aus diesem Geiste heraus zu leben und zu wirken versuchen, werden sie vielleicht fühlen können, dass sie in diesem Streben nie allein zu sein ­brauchen.



AutorIn: Ulrich Meier im Gespräch mit Myriam Driesens und Bart Hessen


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Ausgabe 3|2017


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