27. November bis 24. Dezember | Advent

Abrahams Erbarmen

Man hat das Lachen der hochbetagten Sara noch im Ohr, dasselbe Lachen, an das der Name ihres gerade verheißenen Sohnes »Jizchak« erinnern wird, da bahnt sich das Grauen schon an. Vielleicht klingt auch, als Sara ihr Lachen dem HERRN gegenüber leugnet, jenes »Denn sie fürchtete sich« nach, ein unheimlich-rätselhafter Ton, der die Brücke schlägt zu.

Abrahams Fürbitte für Sodom

Es ist eine Geschichte, in der es, wie wir wissen, für »den Ort« kein Erbarmen gibt, Sodom und Gomorra werden vernichtet. Lot und seine Familie sind zuvor aus der Stadt geführt worden, das ist wahr, vielleicht sogar »gerecht«, entspricht aber nicht dem ungeheueren Ziel der Fürsprache Abrahams: Verschonung aller, der Frevler wie der Bewährten, der Gerechten wie der Gottlosen, Verschonung der Stadt – die ebenso gut für die Welt stehen könnte.
Immer wieder, ich erinnere mich vergangener Lektüren, ging ich mit Abraham die Stufen Bitte um Bitte hinab. Sie erinnern sich: Zu Gott spricht Abraham: »Willst du denn den Gerechten mit dem Gottlosen umbringen? Es könnten vielleicht 50 Gerechte in der Stadt sein; wolltest du die umbringen und dem Ort nicht vergeben um 50 Gerechter willen, die darin wären? Das sei ferne von dir, dass du das tust und tötest den Gerechten mit dem Gottlosen, so dass der Gerechte wäre gleich wie der Gottlose! Das sei ferne von dir! Sollte der Richter aller Welt nicht gerecht richten?« Der HERR sprach: »Finde ich 50 Gerechte zu Sodom in der Stadt, so will ich um ihretwillen dem ganzen Ort vergeben.«
Auch die folgenden Stufen kennen Sie: Abraham verhandelt mit Gott, fast wie ein Verhandlungsführer bei Geiselnahmen. Nach den 50 geht er auf 45 hinab, mindert die Zahl nochmals um 5 auf 40, geht tiefer noch: auf 30, mutig auf 20, auf 10 … Oft habe ich mich, in der Sekunde davor, beim Hoffen ertappt, diesmal, bei diesem Lesen, ginge es anders aus. Plötzlich stünde, nach den angesprochenen 10, die Forderung nach dem Einen im Raum. Und Gott, der jeder Forderung Abrahams doch immer wieder zugestimmt hatte, als verlange Ihn mehr nach Erbarmen als nach Zerstörung, würde auch diesmal antworten: »Ich will Sodom nicht verderben um des Einen willen.«
Es ist dieses Hoffen wider besseres Wissen – wir wissen ja, wie die Geschichte ausgeht –, dieses Hoffen, das sich zwischen die Zeilen schleicht, als würde bei beherztem Weiterlesen-wider-das-Wissen das Noch-nie-Gewusste eintreten, das Un-erhörte sich Wirklichkeit verschaffen, die Katastrophe noch abgewendet:
»Und Abraham sprach: Ach, zürne nicht, Herr, dass ich ein letztes Mal mich unterwinde, mit Dir zu reden. Man könnte vielleicht nur einen darin finden. Er aber sprach: Ich will sie nicht verderben um des einen willen.«
Dieser Vers fehlt uns sehr.
Das Hoffen-wider-Wissen, vor ein paar Tagen tauchte es nochmals auf, nicht beim Lesen, sondern beim Sehen. Nicht Abraham war es, der für die Welt sprach. Nur einer, der wie zufällig seinen mythischen Namen trug und der Welt, wie zufällig, etwas zeigte:
Jedes Mal hoffe ich, dass Kennedy, dessen Limousine Abraham Zapruder Sekunden vor dem Attentat am 22. November 1963 bei der Wende auf Elm Street zu filmen begann … dass Kennedy, dessen offener Wagen sich uns nähert … in letzter Sekunde doch noch unbeschadet passiert. So hofft man wider Wissen. Als müsste es diesen Film doch geben, als könnte er sich beim Zusehen, bei rechtem Zusehen ereignen. Es sind nur 486 Einzelbilder, die in 26 Sekunden wie oft schon an mir vorbeigezogen sind. Und doch ertappe ich mich manchmal dabei, dass ich um jede verstreichende Sekunde, um halbe, um Viertelsekunden hadere, im Innern um die Zahl der noch kommenden, noch anstehenden Einzelbilder verhandle – verhandle mit wem? −, höre, während sich Kennedys Wagen der Filmkamera nähert, das kaum hörbare: noch nicht … noch nicht … noch nicht … noch nicht … noch nicht …, das nur Erbarmen will, es beschwört: »Noch ist er am Leben … Hier grüßt er noch, hebt noch die Hand«, höre das rastlose Eleison-Geflirre, das wimmelt hinter den Bildern, nur um die folgenden, die nie gesehenen Bilder jetzt zu gebären, JETZT, da Hoffnung sich aufbäumt: Er wird am Leben bleiben! Und sofort einknickt, zerbirst.
Wie kann ich die eine Sequenz – die der Fürbitten Abrahams für Sodom –, die uns in mythisch hinabreichende Jahrtausende versetzt, mit der anderen vergleichen, die kaum mehr als 50 Jahre zurückliegt? Das menschliche Gefühl verfährt so. Die Seele – ist die Sequenz einmal ernst genommen – zählt mit, egal welcher Zeit die Bilder angehören, jetzt gehören sie ihr. Sie zählt und hält ihren zeitlosen Atem an, haucht ihn den nie gesehenen Bildern ein, die zwischen den Zeilen ins Leben gelangen. So erbarmt sich etwas in der Seele – erbarmt sich unser und der bis dahin ungesehenen Bilder –, das vom Verstand nicht ignoriert oder als bloße Phantasie abgetan werden darf.
Nochmals zum Anfang zurück: Was macht Abrahams Erbarmen, was macht die Ungeheuerlichkeit seiner Fürsprache für Sodom aus? Er will doch lediglich, dass der Gerechte nicht mit dem Ungerechten umkomme. Könnte man meinen. Abraham spricht aber nicht zu Gott: »Also sondere aus die Gerechten, führe sie aus der Stadt und zerstöre den Rest!« Er unterscheidet zwischen Gerechten und Gottlosen einzig mit dem Ziel, für die ganze Stadt un-unterschiedenes Überleben zu erlangen. Es ist, als wisse Abraham um die heilige Unschärfe der Gerechtigkeit Gottes und nutze sie hier als Mittel, auch den Gottlosen das Überleben zu sichern. Nicht nur kündigt sein Handeln hier wesentlich die jüdisch-legendär erhoffte Szene am Ende aller Zeiten an, von der noch die Rede sein wird. Abraham scheint mir in seinem Erbarmen auch »göttlich« – wie Jesus, der vom Vater im Himmel spricht: »Denn er lässt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.« Mit derselben göttlichen Unschärfe. Ist es doch, als habe Gott hier, in Urzeiten, den schon gefunden, den Er später vergeblich herbeisehnt, wenn Er spricht: »Ich suchte unter ihnen, ob jemand eine Mauer ziehen und in die Bresche vor mir treten würde für das Land, damit ich’s nicht vernichten müsste; aber ich fand keinen.«
Gut, da ist der Eine, Abraham, er steht »in der Bresche« vor Gott, so »göttlich« darin, dass die New Jerusalem Bible die Stelle (Genesis 18,22) »Aber Abraham blieb stehen vor dem HERRN« gemäß anderer Lesart sogar umkehrt und übersetzt: »Yahweh remained in Abraham’s presence«, »Jahwe verblieb in Abrahams Gegenwart«. Und Abraham redet, er verhandelt mit Gott, Zahl um Menschenzahl. So beredt, wie er später unberedt war, still blieb – still gemacht? – und kein Wort sprach, als es um den einzig verheißenen Sohn, um Isaaks Leben ging. Wie wäre das zu erklären? Und nochmals: Warum blieb Abraham stehen bei 10 – warum scheute er sich vor dem letzten Schritt?
Ich habe es mir einmal so erklärt: Die »10« wird im Hebräischen mit dem Buchstaben Jod bezeichnet, dem kleinsten Buchstaben, der »die Hand« – Hand Gottes – symbolisiert. Abraham kann es belassen bei »10«, die in Sodom gefunden werden müssen, weil sie bereits »vorhanden« sind, »eingezeichnet in die Hand Gottes« (Jes 49,16), aus der sie einst kamen, von ihr geformt. Als ende Abraham mit »10« und sage damit: Zehn, die von Dir kamen, aus Dir – sie haben sich nicht selbst geschaffen. Sie kamen wie der Rest der Stadt, wie wir alle: aus Deiner Hand.«
All das strenge ich an, nur um wieder, heimlich, beim Einen anzukommen, bei jener ungeschriebenen Erwägung Abrahams: »Man könnte vielleicht nur einen finden in Sodom«, anzukommen beim Einen, nach dem Abraham nicht fragt, den er aber eigentlich meint. Mit der »10« meint er »1«: den Einen-der-rettet.
Was wird hier impliziert? Vielleicht das Größte, was im Menschen liegt. Ein Wert, dem Opfertod Jesu vergleichbar. Denn in Abraham, der um Erbarmen redet mit Gott, liegt der sonst verborgene Schatz offenbar: das Wissen, dass eines Einzigen Tod den Tod aller, das ist: die Sünde aller aufhebt. Weil der Eine aber lebt, leben alle, die mit ihm starben. Das heißt: es kommt auf den Einen an. Heute würden wir sagen: Auf das Individuum, das sich erbarmt, sich vor Gott »in die Bresche« stellt und mit Ihm zu reden beginnt: um Sein Erbarmen.
Es ist im Übrigen bemerkenswert, dass das hebräische racham, im Deutschen meist mit »Erbarmen« übersetzt, das etymologische Kernbild mit dem Deutschen teilt. Beide Worte bezeichnen eigentlich den »Schoß«, die Gebärmutter. So dass einer, der sich eines »erbarmt«, ihn gleichsam im Schoße behütet, »in the womb«, wie ein englischer Kommentar weiß, »as cherishing the fetus«: »gleichsam die Leibesfrucht nährend«. Abraham, der um Erbarmen bittet für alle Menschen, die in Sodom leben, ruft dieses Bild auf – des Schutzgewährers »Schoß« –, er stellt es handelnd in den Raum, dass es von Gott, seinem Verhandlungspartner, wahrgenommen und Ihn an das erinnern würde, woran auch die »Zehn«, Jod, jene »Hand«, schon gemahnte: den Ursprung, aus dem alle, über die hier verhandelt wird, kamen.
Und doch erbarmt sich Gott nicht.
Das, genau das, ist zu fürchten. Bereits im »Denn sie fürchtete sich« Saras klang es an. Timor Dei. Gottesfurcht darf nicht einfach weggeredet, umgangen, in ihrem dunklen Aspekt verdrängt werden. Ebensowenig das »Führe uns nicht in Versuchung«. Hölderlins hymnische Zeile aus »Patmos«: »Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch«, müsste heute eher warnen: »Wo aber das Rettende ist, wächst / die Gefahr«.
Es sind aber die Midraschim, auch die Legenden, die sich mancher Geschichte erbarmen, sie aufwiegen, sie ergänzen, uns Neues, gar Unerhörtes über ein altes Faszinosum berichten. Denn sofern der Mythos noch lebt, lebendig ist, so lebendig wie »lebendiges Wort Gottes«, zeugt er, wächst er zum Ganzen. So fand sich auch folgende Legende, die vom Ende des Gesprächs zwischen Abraham und Gott anders berichtet. Vielleicht auch den Grund liefert für Abrahams späteres Schweigen um Isaak. Denn hier heißt es doch tatsächlich:
»Auf einen hatten sie sich geeinigt, der HERR und Abraham. Kaum aber kehrte Abraham wieder um an seinen Ort, wurde ihm schwarz vor Augen. Denn noch in der Kehre fiel ihm ein: ›Was, wenn Gottes Engel keinen dort finden? Keinen Gerechten in Sodom. Denn wer ist gerecht? Und wer, wäre er denn gerecht, wäre gerecht vor IHM?‹ Da verschloss es die Augen dem Abraham, war es Nacht um ihn, denn der Erblindete wusste: Vor IHM ist niemand gerecht, nicht einer. Da fiel er hin, blindgeschlagen darüber, dass er Sodom so gut wie ins Feuer befohlen hatte mit seiner Wette, es gäbe den einen Gerechten, um dessentwillen Gott werde verschonen. Und bei sich sprach Abraham: ›Sodom hat Er heute tausendfach Tod verheißen, mir aber tausendfach Nachkommenschaft. Hätte Er mir’s versprochen, wenn ich dort unten lebte, bei Lot?‹ Da entstand der Funke eines Gedankens, der aber nicht weiter sehen konnte, weil nichts zu sehen war. So jammerte Abraham blind. Zeit war vergangen, da hörte er die Stimme eines vorüberziehenden Fremden, der anbot, den Blinden aufzurichten, ihn zurückzuführen an seinen Ort. Abraham aber wusste vor blinder Verzweiflung die Richtung nicht mehr. Da sprach der Fremde: ›Ich kenne dich, alter Mann, weiß auch, wohin du willst,‹ und er führte ihn bei der Hand. Als aber die Hand einmal losließ, kehrte Abrahams Augenlicht zurück: Es war Nacht, und er fand sich in Sodom wieder. Da sah Abraham seinen heimlichen Wunsch erfüllt, denn er dachte still: ›Wie hat der HERR mir tausendfach Nachkommenschaft verheißen und will sie fordern von mir, selbst den Einen fordern, den Sara gebären soll um diese Zeit übers Jahr, wenn Er mich hier mit den andern zernichtet? Um den Einen, auch wenn ich in Seinen Augen nicht mehr gerecht sein sollte, um den Einen muss Er nun alle verschonen.‹ So wurde Sodom gerettet. Jenes Sodom nämlich blieb unzerstört bis heute. Weil Abraham darin lebt, weil er ausharrt darin, und mit ihm ein Teil der Verheißung.«
Wie alles letztlich von Einem abhängt, auch einem Menschen vielleicht, wohl weil er letztlich um seinen Wert als Individuum weiß, noch im Angesicht Gottes, das bekräftigt eine jüdische Legende, die vom Tag des Großen Gerichts handelt – und dem letzten Erbarmen. Da heißt es, dass David am Ende aller Zeiten an einem großen Bankett-Tisch sitzen wird mit allen Gerechten im Paradies. Gott selbst sitzt am anderen Ende auf Seinem Thron. Zum Abschluss des Mahls wird Gott den Weinkelch, über den der Segen gesprochen werden soll, an Abraham reichen mit den Worten: »Sprich den Segen über den Wein, Du Vater aller in der Welt, die treuen Glaubens sind.« Abraham wird antworten: »Ich bin es nicht wert, den Segen zu sprechen, denn ich bin auch der Vater der Ismailiten, die Gottes Zorn entzünden.« Gott bietet daraufhin den Kelch der Reihe nach Isaak, Jakob, Mose und Josua an, von denen ein jeder sich für unwürdig hält. Schließlich wird Gott sich an David wenden mit den Worten: »Nimm den Kelch und sprich den Segen, du herrlichster Sänger in Israel und Israels König.« Und David wird antworten: »Ja, ich werde den Segen sprechen, denn ich bin der Ehre würdig.« Dann wird Gott zur Torah greifen und verschiedene Passagen daraus lesen, und David wird einen Psalm singen, auf den hin die Gläubigen im Paradies und die Sünder in der Hölle zusamt laut ausrufen: »Amen.« Dann wird Gott seinen Engeln befehlen, die Sünder aus der Hölle zu führen ins Paradies.


AutorIn: Patrick Roth


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Ausgabe 3|2017


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