25. Mai bis 03. Juni | Himmelfahrt

Das Opfer geht aufs Ganze

Das Opfer gehört in die Sphäre des Heiligen wie in die des Profanen. Es ist Ausdruck von Sinnsuche, wenn es dargebracht wird, und trauriges Erlebnis von Sinnlosigkeit, wenn ein Wesen, durch welche Gewalt auch immer, zu einem Opfer wird. Es steht im Bezug zur Gottheit und ist in anderem Zusammenhang Tatbestand einer Katastrophe oder gar eines Verbrechens. Es kann spirituell und es kann gewaltsam sein und – es kann dies beides zumal sein. Das Opfer hat eine aktive und ein passive Seite. Es meint den Akt der Darbringung eines Opfers (sacrificium) und es bezeichnet das »Objekt« (victima), das geopfert wird. Und dieses war ursprünglich nicht zu unterscheiden von den Opfern, die eine Katastrophe »kostet«, denn »victima« war der lateinische Ausdruck für beides. So war einst bei lebendigen Opfern, die einer Gottheit dargebracht wurden, von »victimae« die Rede. Heute verstehen wir unter »victims« (englisch) bzw. »victimes« (französisch) aber allein jene Wesen, die einer Naturkatastrophe, einem Unfall, einem Krieg oder einem Verbrechen zum Opfer gefallen sind. Aus heiligen Handlungen sind sie verschwunden, die victimae. Die noch junge Disziplin der Viktimologie gehört der Kriminologie an und befasst sich mit der Täter-Opfer-Beziehung bei Straftaten.
In der Zweideutigkeit von heiliger Handlung und dem Objekt einer Gewalt liegt eine schwergewichtige Problematik, die auch auf den heiligen Vorgang eines Opfers abfärbt: Das Opfer, das gebracht wird, erleidet unter Umständen eine vernichtende Gewalt. Und das gehört möglicherweise sogar zum Wesen des Opfers, insofern es ganz Hingabe ist und nichts für sich behalten will. Denn erleidet das Opfer die es zerstörende Gewalt nicht, haftet ihm ein gewisser Vorbehalt an: Man will der Gottheit doch nicht alles geben. Das könnte einer der Gründe gewesen sein, weshalb das Tieropfer Abels Gott gefällig war, Kains Opfer von den »Früchten des Feldes« aber nicht. Das Töten eines Lebewesens ist ein unwiderruflicher Akt, mit ihm ist etwas für immer dahin. Davon hat man nichts mehr. Das pflanzliche Opfer, das ja so viel »humaner« wirkt, hat nicht jene rückhaltlose Qualität der hingebenden Gewalt wie im Tieropfer. Es ist ein Verzicht, aber es hängt kein Herzblut dran, denn es werden neue Früchte reifen. Fehlt das Moment des Gewaltsamen und des Unwiederbringlichen, so fehlt auch das der vollkommenen Hingabe. Das ist heikel.
Zudem muss das vorbehaltlose Opfer auch noch untadelig sein: das unschuldige Lamm, die reine Jungfrau sind seine Inbegriffe. Wenn etwas mit einem Makel behaftet ist, so kann seine Opferung schon fast in die Richtung eines Loswerden-Wollens oder einer Bestrafung des Unreinen gehen. Jedenfalls fällt es leichter, etwas Unvollkommenes dahinzugeben, aber es ist zugleich ein Betrug an dem, dem es gebracht wird, weil man ihm das Eigentliche vorenthält.
Abrahams Bereitschaft, Isaak zu opfern, dessen Geburt wegen des hohen Alters von Abrahams Frau Sarah ja schon etwas ganz Besonderes war, ist absolut vorbehaltlos. Er ist bereit, das ihm Teuerste hinzugeben, so sehr fühlt er sich seinem Gott verbunden. Er hat die rechte Opfergesinnung, die das Erhabenste im Menschen ist. – Aber: Was wäre das für ein Gott, der ein solches Opfer annehmen würde?
Das ist das Eigenartige am sakralen Opfer, dass es für eine Beziehung zwischen Mensch und Gott steht, die das Tiefste und zugleich Empörendste ist. Ein Gott, der das Teuerste nicht nur fordern, sondern auf der Erfüllung seiner Forderung bestehen würde, wäre ein Moloch. So steht zu vermuten, dass es schon bei diesem Opfer inbegrifflich um etwas anderes geht, nämlich um die Gesinnung, die Haltung, den Willen des Menschen, die sich alle im Opfer artikulieren. Es ist der Ausdruck einer Seelenhaltung, die zu einer Tat gehört, die nur die Modalität eines Als-ob haben darf. Allerdings darf man sich nicht schon vorab damit beruhigen, dass es zum Letzten gar nicht kommen wird. Denn es ist dieses »Letzte«, was das Opfer ausmacht. Der Schmerz dabei ist zugleich das Glück des reinen Bezugs.

Das Opfer »lohnt« sich nicht
Das Opfer muss aufs Ganze gehen, nur dann ist die Beziehung zu Gott echt. Die Verfehlungsmöglichkeiten dabei sind vielfältig. So kann es auch ein tatsächlich substantiell dargebrachtes Opfer an dieser aufs Ganze gehenden Haltung fehlen lassen, und zwar nicht nur durch die falsche Opfersubstanz, die etwa nicht makellos oder auch leicht wieder zu beschaffen ist, sondern durch die falsche Zielsetzung. Was in archaischen Gesellschaften einer ganz unmittelbaren Gottesnähe möglich war, gehört in Zeiten des individuellen Gottesbezugs, zu den größten Missverständnissen des sakralen Opfers: die Meinung nämlich, dass sich ein Opfer »lohnen« könnte. Das Opfer steht in einem Verhältnis zur Ökonomie, aber in einem, das diese durchkreuzt. Immer dann, wenn ein Opfer mit der Vorstellung gebracht wird, dass man etwas dafür bekommt, ist es verfehlt, dann also, wenn man um eines größeren Vorteils willen einen kleineren »aufopfert«. Oder wenn man aus Vorsicht oder Dank opfert, um die göttliche Macht günstig zu stimmen – prophylaktisch oder um die Rechnung auszugleichen. Dagegen hat sich schon der Gott des Alten Testaments im Wort seiner Propheten verwahrt: »Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich keinen Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder, denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach« (Amos 5,22ff; außerdem Hos 6,6; Sir 35,1ff). An die Stelle des materiellen Opfers sollen Gerechtigkeit, Liebe und Gotteserkenntnis treten. Platon schon hatte die Vorstellung kritisiert, dass die Götter bestechlich seien und durch Opfer dazu bewegt werden könnten, etwas für den Opfernden zu tun.
Es ist noch kein wirkliches Glück aus einem Geschäft entstanden. Im Gegenteil: die Depressionen unserer Zeit haben vielleicht gerade damit zu tun, dass der Sinn für das Opfer verloren gegangen ist und alles den ökonomischen Verhältnissen, die auf Gewinn zielen »aufgeopfert« wird. Der Verlust des Opfersinns hat freilich mit dem Missbrauch des Opfergedankens zu tun, der sich in Geschichte und Gegenwart in schrecklichster Gestalt bezeugt – so etwa in ­Joseph Goebbels Aufforderung zum totalen Krieg, in dem der Einzelne nichts ist, oder im IS-Terror und der Motivation seiner Selbstmord­attentäter. Die Menschen, die hier ein Opfer »bringen«, sind die, die ein Opfer werden.

Verwandlung des passiven ins aktive Opfer
Es ist der absolute Hohn gegenüber der Würde des Menschen, von jemandem das Selbstopfer für einen »höheren« Zweck zu fordern. Gleichwohl verdienen Märtyrer zu Recht die höchste Anerkennung. Dabei kommt es aber entscheidend auf die Motivation zur Tat an. Märtyrer ist nicht, wer ein Held sein will und deshalb sein Leben preisgibt. Aber Märtyrer ist, wer sein Leben für andere oder im Widerstand gegen Barbarei dahingibt. Es sind jene, die die an ihnen verübte Gewalt verwandeln: Sie wenden das Unglück, das ihnen zustößt und das sie gewiss nicht gesucht haben, in reine Hingabe – wie z.B. Maximilian Kolbe oder Dietrich ­Bonhoeffer. Freiwillig das auf sich nehmen, was unabwendbar geschehen wird; nicht fliehen, sondern in einem »Hier stehe ich, ich kann nicht anders« auf ein Ganzes gehen, in dem die Einheit mit dem Göttlichen bezeugt wird, das ist das Märtyrertum, das diesem ­Begriff ­gerecht wird. Denn μαρτύριον, ­martýrion, bedeutet »Zeugnis«, und ein Märtyrer legt Zeugnis für das Höchste ab, indem er dieses nicht verleugnet, auch wenn es sein Leben kostet. Aber daraus darf man keine Forderung machen. Das ist keine Norm.
Sich noch in der größten Not zu bekennen und nichts zu verleugnen – ein solches Opfer steht in der Nachfolge Christi, indem es auch den letzten Schritt noch geht. Wie schwer das ist, hat Petrus gezeigt, dem all unser Verständnis gelten kann.
Es ist die Tat Christi, mit der das rituelle Opfer, bei dem die Opfersubstanz zerstört wird, aufhört. Darin liegt keine Verneinung des Opfers, sondern seine Spiritualisierung, das volle Bekenntnis. Das hat etwas von Wiedervereinigung mit der Welt – mit der Welt, die eine Zumutung ist. Wer zum Opfer (victima) dieser Welt wird, erfährt ihre Fremdheit, denn er steht, zum Opfer geworden, in Zwietracht mit ihr. Wer aber die Zumutung, die die Welt für ihn bedeutet, überwinden kann, der bringt ein Opfer (sacrificium), das es der Welt ermöglicht, anders zu werden.
Der biblische Opferbegriff ist vielfältig, aber wir können eine Art Entwicklung darin beobachten: Wenn das Opfer Abels dem des Kain vorgezogen wird, weil er die unersetzbaren »Erstlinge« seiner Herde darbringt, dann liegt hier der Akzent auf der tatsächlichen substanziellen Durchführung eines Opfers, das nicht zu ersetzen ist. Abrahams Sohn Isaak ist dem gegenüber sicher ein noch größeres Opfer. Hier geht es aber ganz um die innere Bereitschaft, auch das Teuerste noch hinzugeben, ohne dass sie faktisch erfüllt wird. Es geht ganz um die Seelenhaltung des Hingebenden. Die Propheten dann legen den Akzent auf die falsche Seelenhaltung im Opfer, nämlich auf jene, die mit Gott ein Geschäft zu machen sucht. Dem wird jene so ganz andere Haltung der wirksamen Zuwendung zur Welt entgegengehalten: das Streben nach Gerechtigkeit, Liebe und Gottes­erkenntnis. Und schließlich erhält der Opferbegriff eine radikal neue Bedeutung in der Tat auf Golgatha: Christus vollzieht eine ungeheure Verwandlung. Er wendet das Verbrechen, das an ihm begangen wurde, in die Darbringung ­eines Opfers. Das ist das Schwerste.
In dem Zusammenfall beider Opferbedeutungen – der passiven und der aktiven – und dem »Nicht wie ich will, sondern wie du willst« liegt eine Überwindung, mit der das Alte in einen neuen Anfang verwandelt wird. Das ist der höchste Begriff von Initiation. Die Verwandlung der Kreuzigung in die Darbringung eines Opfers ist die erlösende Tat Christi. Mit ihr wird die Koinzidenz von victima und sacrificium, von Geopfertem und Opferndem zum Paradigma der Einweihung. An diese Koinzidenz können wir nur rühren, z.B. mit Hilfe des Karmagedankens: Im Karma werden wir immer wieder zu Opfern, die wir aus der Sicht unseres höheren Selbst auch zu bringen bereit sind. In der Koinzidenz beider Opferbedeutungen liegt letztlich eine neue Einheit von Ich und Welt, von Moral und Natur, von Geist und Materie. Die Einwilligung in das, was zugemutet wird, ist zugleich die Verwandlung der Zumutung, die allmähliche Verwandlung der Gewalt in der Welt.

Literaturhinweis:
Ruth Ewertowski: Das Opfer, Zwischen Schicksalsschlag und heiliger Handlung, Stuttgart 2005


AutorIn: Ruth Ewertowski


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