25. Mai bis 03. Juni | Himmelfahrt

Das zweite Leben der Natascha Kampusch

Versuche der Rettung und Hingabe des Ich

Zehn Jahre nach ihrer Selbstbefreiung aus der von ihr so bezeichneten doppelten ­Gefangenschaft – einem äußeren Kellerverlies und einem inneren Beziehungsgefängnis – hat Natascha Kampusch in einem zweiten autobiografischen Bericht von ihrem Leben nach der Flucht erzählt. Sie lässt daran Anteil nehmen, welche Auswirkungen es für die junge Frau und ihre Entwicklung hat, die Jahre zwischen 10 und 18 in einer Zwangsgemeinschaft mit einem Entführer zu leben, der ein fremdes Mädchen in einem unterirdischen Bunker einsperrte, um sich dadurch mit Gewalt eine Art »Familie« zu verschaffen. Der Bericht macht deutlich, wie beschwerlich es war und ist, mit dem Hintergrund der erlittenen Verletzungen als Opfer dieses einzigartigen Verbrechens ins neu erlangte Leben zu finden. Eine besondere Schwierigkeit besteht darin, dass es außer ihr keine Zeugen für die Einzelheiten der achtjährigen Gefangenschaft gibt, da sich der Täter am Tage der Befreiung seines Opfers selbst das Leben genommen hat. Natascha Kampusch muss auch mit der Bewältigung ihrer Erinnerungen allein fertig werden.

»Alles waß du dir von anderen antun läst, sollte nicht dein Proplem sein, befreie dich«
In kindlicher Orthografie hatte Natascha Kampusch unter anderem diese Ermutigung mit einem Buntstift auf die Rückseite eines Wandkalenders in ihrem winzigen Kellergefängnis geschrieben. Sie ist ein Dokument dafür, wie sich die Seele des eingesperrten und misshandelten Kindes schließlich aus eigener Kraft befreien konnte. In einem Interview hat sie 2006 ausgesprochen, wie sie ihre Befreiung mit sich selbst vorbereitet hat: »… ich war etwa zwölf Jahre alt, ich war also schon zwei Jahre in Gefangenschaft. Da habe ich meinem zukünftigen Ich versprochen, irgendwann werde ich groß und stark. Ich habe also meinem zukünftigen Ich abgerungen, dass es mir hilft und dass es mich befreit. Und jetzt bin ich groß genug und stark genug, und jetzt habe ich das zwölfjährige Mädchen von dort befreit. Ich war stärker als er.« Auf dieser innerseelischen alchemistischen Operation, die sie auch einen »Pakt mit meinem späteren Ich« genannt hat, basiert die Umwendung ihres Opferseins, an der Natascha Kampusch bis heute arbeitet. Wie sehen die Bedingungen einer solchen Verwandlungsbemühung im Einzelnen aus?

Relativ bald nach der Entführung realisierte das zehnjährige Mädchen, dass es in einem besonderen seelischen Dilemma zu bestehen hatte: Sie musste sich einerseits von »dem Täter«, wie sie ihn bis heute beharrlich nennt, abgrenzen. Was ihr geschah, wurde ihr ohne ihr Einverständnis angetan – sie war ein ohnmächtiges und hilfloses Opfer des Verbrechers, der ihr die Freiheit und letztlich acht Jahre ihres Lebens geraubt hat. Schläge, Einsamkeit, Dunkelheit und Hunger waren die am deutlichsten spürbaren äußeren Grausamkeiten, die sie zu erleiden hatte. Ein Opfer solcher körperlichen und seelischen Übergriffe muss sich vom Täter distanzieren, um die eigene Identität zu retten: »Wenn er dich zerfäzt oder gemein anders ist, es ist nicht dein Proplem, sondern das seine« lautet ein weiterer Ermutigungssatz vom Wandkalenderrücken. Andererseits sagte sich das entführte Kind, dass es zu diesem einzigen ihm zugänglichen Menschen eine positive seelische Verbindung eingehen müsse. Auch dies war ein Gebot des inneren Überlebens. Damit ist der schmale Grat beschrieben, auf dem sich das Opfer über die endlos langen Tage, Wochen, Monate und Jahre zu halten hatte – mit ungewissem Ausgang in jeder Hinsicht: Sich auf die Spitze des eigenen, erst im Werden begriffenen und am Werden gehinderten Ichs zu stellen – und sich zugleich in einer Art abgemessenen Hingabe an den einzig verfügbaren Menschen zu versuchen, ohne sich dabei zu verleugnen oder zu verlieren.

Zwischen »Kaspar Hauser« und »Weltsensation«
Was unter diese Kapitelüberschrift des neuen Buchs gehört: Hilfloses Agieren der zuständigen österreichischen Stellen, erneuter Missbrauch durch beispiellose Behauptungen seitens der Sensationspresse und vergebliche Bemühungen um die sogenannte »Normalität« einer jungen Erwachsenen mit ihrer Familie – das sind wesentliche Elemente im Leben von Natascha Kampusch in der Zeit nach der Flucht. Es ging für sie zuallererst darum, sich die Wahrheit ihrer Geschichte nicht nehmen zu lassen. Wieder ein seelischer Spagat: Die acht Jahre währende Opferrolle als Teil des eigenen Lebens zu akzeptieren und zugleich das in der Gefangenschaft ersehnte andere Leben konkret zu versuchen. Die erlittenen seelischen Verwundungen werden lebenslange Folgen zeitigen – und dennoch muss sich das Ich als unantastbar und stark behaupten, um nicht wieder gefährdet zu werden. »Das Verbrechen, das an mir begangen wurde, aus welchen Motiven auch immer, war ein Verbrechen an vielen Menschen. Es hat einer ganzen Gesellschaft ein Trauma zugefügt, sie aus dem Gleichgewicht gebracht. Weil das Böse tatsächlich in Form einer Allerweltsexistenz dahergekommen ist.« Solche Sätze erwarteten viele Menschen nicht von einem Verbrechensopfer – und wunderten sich über die Klarheit und Kraft, mit der die Befreite vor die Welt trat. In einem der ersten Interviews sagte sie bereits: »Ich weiß irgendwie – ich weiß auch nicht, woher ich das weiß, aber ich weiß das – dass alles, was Sie an bösen Absichten haben könnten, dass das auf Sie zurückfallen wird.«

Es verwundert vor diesem Hintergrund nicht, dass Natascha Kampusch zwar das Verbrechen verurteilt, das an ihr begangen wurde, aber an keiner Stelle die von manchen erwarteten Rache- und Vergeltungswünsche äußert. Offenbar gelingt es ihr, der naheliegenden Dynamik zu widerstehen, die erlittenen Verletzungen mit Hass zu beantworten. Sie habe, so hat sie es in ihrem ersten Buch dargestellt, im Umkreis ihres 18. Geburtstags dem Täter in einem besonderen Gespräch deutlich gemacht, dass sie stärker sei als er – und es war ihr in einer Schicht der Seele klar, dass sie den Machtkampf mit dem Willen des Täters bestehen und überleben würde. Die Einlösung des Vertrags zwischen dem kindlichen und dem späteren erwachsenen Ich rückte ­näher. Auf der anderen Seite ist es bewegend, daran Anteil zu nehmen, wie sich Tochter und Mutter nach dem Beginn des zweiten Lebens erst wieder behutsam aneinander annähern mussten – es gab kein Zurück in die alten Verhältnisse. Tragisch ist, wie sich Natascha Kampusch in einem Interview zu ihrem zweiten Buch bekannte, dass es wohl leider eine Illusion gewesen sei, was sie sich in der Gefangenschaft ausgemalt hatte: Dass die Menschen nur darauf warten würden, dass sie wieder ins Leben kommen und sich in Gemeinschaft mit anderen für Leidende und Traumatisierte stark machen würde. Sie habe einsehen müssen, dass die Überlebensstrategie der Gefangenschaft offenbar auch für das Leben in Freiheit gelten würde: Sich selbst die Nächste zu sein.

Vor allem durch die Auseinandersetzung mit den zahlreichen Unterstellungen seitens der Presse und im Internet veröffentlichten Leserbriefen und Kommentaren, die bis in die jüngste Zeit anhalten, erfährt die junge Frau immer neue Anfechtungen. In einer bemerkenswerten Parallele zu Kaspar Hauser werden ihr die absurdesten Vorwürfe gemacht – bis hin zu der Behauptung, sie trage Schuld am Tod ihres Peinigers. Auch muss sie sich immer wieder eingestehen, dass die geraubten Jahre – beispielsweise bei dem Versuch, die Schul- und Studienbildung zügig nachzuholen – unwiederbringlich verloren sind. Auch die Folgen der seelischen und leiblichen Traumatisierungen machen ihr nach wie vor zu schaffen. Dennoch gibt sie nicht auf, sondern tritt kämpferisch nicht nur für ihre eigene Wahrheit, sondern auch für Menschen ein, die ähnlich schwere Kindheitsschicksale erlitten haben. All dies beweist die innere Kraft und Stärke, die sie den widrigen Verhältnissen abgetrotzt hat. Eine ihrer Initiativen ist durch die Begegnung mit Upali Sirimalwatta entstanden, der in Wien 31 Jahre lang bei der UNO die Interessen seiner Heimat Sri Lanka vertreten hat. Im Oktober 2011 konnte sie zur Eröffnung der »Natascha Kampusch Children’s Ward«, einer Klinik für notleidende Kinder und deren Mütter, nach Bulathsinghala reisen. Ihr zweites Leben nach der Befreiung ist nun genauso lang wie das erste vor der Entführung: 10 Jahre. In dem achtjährigen Ausnahmezustand rangen Verhinderung und Vorbereitung des neuen biografischen Schritts aus dem eigenen Selbst miteinander. Wie wird sich dieser Lebenslauf ­weiter entwickeln?

»Eine Frage des Anstands«
Merkwürdig konventionell begründet Natascha Kampusch mit diesen Worten ihr soziales Engagement. Das eigene überwundene Leid wird ihr dabei zu einem Wahrnehmungsorgan für die Initiativen, denen sie ihre Unterstützung angedeihen lässt: »Während meiner Gefangenschaft habe ich mir so dringend Hilfe gewünscht – und sie nicht bekommen. Ich weiß, wie es sich anfühlt, Hilfe zu brauchen, und am Ende doch auf sich allein gestellt zu sein. Deshalb war und ist es mir ein Anliegen, mich in dem mir möglichen Rahmen für andere zu engagieren.«
Wie verlief der Weg, den ihr Ich gefunden hat? Der erzwungenen Vereinsamung ringt sie zunächst die Gemeinschaft ihres prophetisch gesetzten späteren Ichs mit dem in Not befindlichen Kinder-Ich ab, das schließlich mit vereinten Kräften der Bedrohung durch den Täter widerstehen kann. Aber dieses starke Ich des gewesenen Verbrechensopfers wendet sich nach der geglückten Befreiung aus dem Zentrum der Findung in die Peripherie der Hingabe. Einfühlsam machte sie sich bereits während ihrer ­Gefangenschaft Gedanken über den Täter, seine Motive und biografischen Hintergründe: »Ein Versager in der wirklichen Welt, der seine Stärke aus der Unterdrückung eines Kindes zog.« Er habe womöglich unter der Dominanz seiner Eltern gelitten und habe deshalb versucht, »… dies in der Kellerwelt durch eine Umkehrung der Verhältnisse mit Gewalt herbeizuführen.« Was als instinktive Übung während der Gefangenschaft begann, wird nun zur freien Tat aus Mitleid mit anderen Leidenden. Am Schluss des Vorworts schreibt sie dazu in ihrem Buch: »Vor allem die vergangenen zehn Jahre haben mir ­gezeigt, dass die Freiheit in unserer Seele ­beginnt und sich langsam von innen nach außen arbeitet.«


AutorIn: Ulrich Meier


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