23. Juli bis 28. September | Sommer

Worte, die etwas ausmachen

Der Weg zur vollen Teilnahme an der Messe war in der frühen Kirche ein gestufter. In vielen Kirchen wurde man als noch-nicht Getaufter zunächst nur bis zum Evangelium zugelassen (die Taufe war ursprünglich vorwiegend für Erwachsene). Dann wurden die auditores – die Hörer – hinausgeführt, um an dem Unterricht teilzunehmen, der sie darauf vorbereiten sollte, in das volle Mysterium einzutreten. Das war eine strenge Unterweisung mit dem Ziel einer Lebenswandlung. Der Eintritt in die neue Gemeinschaft bedeutete, Abschied zu nehmen vom alten Leben und sich dem neuen Leben, das mit der Taufe beginnen würde, zu verpflichten.
Die lange Vorbereitung spitzte sich auf die Wache in der Nacht von Karsamstag auf Ostersonntag zu. Im Morgengrauen legten die Täuflinge ihre Kleidung ab und schworen dabei Satan und all seinen Werken ab. Dreimal wurden sie unter Wasser getaucht; dreimal wurden sie beim Auftauchen aus dem Wasser gefragt, ob sie an den Namen des Vaters, dann des Sohnes, dann des Heiligen Geistes glaubten. Dreimal antworteten sie: »Credo! Ich glaube!« Cyril, ­Bischof von Jerusalem († 387), beschreibt im 4. Jh. diesen Vorgang in seinen Mystagogischen Katechesen an die Neugetauften in schöner Weise:

Und jeder einzelne wurde gefragt, ob
er an den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes glaube. ­Jeder legte das heilsame Bekenntnis ab und tauchte dreimal in das Wasser unter und wieder auf, hierdurch das dreitägige ­Begräbnis Christi sinnbildlich andeutend. … Im ­gleichen Augenblick starbt ihr und wurdet ihr geboren; jenes ­heilsame Wasser wurde für euch zugleich Grab und Mutter.
( Mystagogische Katechesen , II, 4)
Die Täuflinge waren von Hörenden zu Sprechenden geworden; durch die Taufe und das Wort, das sie selber aussprachen, wurden sie in die Gemeinde aufgenommen. Das war die rettende Kraft ihres Wortes.
Der Begriff Glaube, glauben hat eine Entwicklung durchgemacht, die ihn weit weggeführt hat von der Bedeutung, die er zu Lebzeiten Jesu hatte. Schon die Wurzeln des lateinischen Verbums credere , glauben, zeugen davon. Credo ist abgeleitet von der indo-europäischen Wurzel, kerd-, was »Herz« bedeutet. »Glauben« im Sinne des Evangeliums hat wenig zu tun mit der modernen Bedeutung, die eine schwächere Art des Erkennens meint. Es heißt vielmehr sein Herz nach etwas richten. Das haben wir noch in dem Ausdruck »sein ganzes Herz an jemanden bzw. etwas hängen«.
Seinem Glauben in einem Bekenntnis Ausdruck verleihen, das war eine Tat, und sie konnte in den frühen Jahrhunderten schlimme Folgen haben:

Nun erduldete Sanctus tapfer und mit vortrefflichem und übermenschlichem Mut alle Qualen, die ihm von Menschenhand zugefügt wurden … er wollte nicht einmal seinen eigenen Namen nennen oder den seines Volk oder seiner Stadt oder der Familie, aus der er herstammte, noch ob er Sklave oder Freier war. Auf jede Frage antwortete er lateinisch: »Ich bin Christ.«
(Bruno Chenu und andere: The Book of Christian Martyrs, London 1990, p. 47, Übersetzung T.R.)

Auch wenn die Beschreibungen der Märtyrer der ersten drei Jahrhunderte manchmal etwas stereotyp und vielleicht übertrieben sind, bezeugen sie doch eine unglaubliche Gewissheit, die sie durch schrecklichste Folterungen trug. Justin der Märtyrer (* um 100; † 165) erzählt, dass er einer Christenmisshandlung und ­-ermordung beigewohnt hatte und von dem festen Glauben der Opfer tief beeindruckt war. Nach einer seiner Erzählungen war das der Anfang des Weges, der mit seiner Bekehrung endete. Danach wurde er getauft. Und schließlich wurde er einer der großen Lehrer der zweiten Generation nach Christus. Er wusste, dass sein Glaube ihn der Gefahr der Verfolgung aussetzte; und tatsächlich wurde er verhaftet, verurteilt und hingerichtet. Von seinem Prozess sind die Akten noch vorhanden:

Rusticus [der Präfekt, sagte]: »Wenn ihr nicht gehorcht, so werdet ihr gnadenlos bestraft.« Justin sagte: »Durch das Gebet können wir mit Hilfe unseres Herrn Jesus Christus gerettet werden, auch wenn wir bestraft worden sind.« Sagten auch die anderen Märtyrer: »Tut, was ihr wollt, denn wir sind Christen und opfern nicht den Götzen.«
( The Martyrdom of the Holy Martyrs ­Justin Martyr, Chariton, Charites, Paeon, and ­Liberianus ; Übersetzung T.R.)

Hier sehen wir, wie das griechische Wort martys in den Christenverfolgungen eine neue Bedeutung gewinnt. Ursprünglich hieß dieses Wort »Zeuge«. Ganz ähnlich wie im heutigen Sprachgebrauch, war damit jemand gemeint, der etwas gesehen oder gehört hat, der erkannt hat, was er gesehen hat, und der bereit ist, davon zu erzählen. Doch ein Zeuge des Christus zu sein, der sich zu ihm bekannte, war zu bestimmten ­Zeiten lebensgefährlich, wie das auch heute noch in manchen Gegenden der Welt der Fall ist. Das rettende Wort des Bekenntnisses konnte schlimme Folgen haben. Als Cyril seine Schüler in die Taufe einführte, waren die letzten Christenverfolgungen der Römer eine ferne Erinnerung. Doch konnte er noch anknüpfen an das tiefe Gefühl, dass mit der Taufe ein neues Leben beginnen sollte, was durch die Kraft ihres rettenden Wortes eingeleitet wurde: Ich glaube – ich richte mein Herz nach den Wahrheiten des Evangeliums, die mir eine existentielle Wirklichkeit geworden sind.
In der Menschenweihehandlung werden die Sätze, die den Varianten des alten Credo entsprechen, ohne credo – »ich glaube« – ausgesprochen. Auch spricht die Gemeinde nicht mit. Es fällt zudem auf, dass der Priester diese Sätze als einzige in der ganzen Weihehandlung ohne Casula – das »kleine Haus« des Zelebrierens – und auch ohne Stola – das Zeichen seiner Würde – spricht. Das heißt, er steht mit der gleichen Gewandung da, die er beim Eintritt in die Priesterweihe getragen hat. Auch einmalig bejaht er das, was er ausgesprochen hat, mit »Ja, so ist es!« und nicht mit »Ja, so sei es!«, wie es sonst der Fall ist. All das macht verständlich, was Rudolf Steiner als Erklärung für die Tatsache anführt, dass das Bekenntnis während der Priesterweihe nicht gelesen wird: Es braucht nicht ausgesprochen zu werden, weil die Kandidaten es verkörpern.
Wir haben schon gesehen, dass credo im alten Sinn vielmehr damit zusammenhängt, etwas durch Taten real zu machen, als etwas für wahr zu halten. Nun kann man sich vorstellen, dass, wer Priester werden soll, zu den Grundwahrheiten des Christentums in viel aktiverer Beziehung steht als zu Lehrsätzen, die er für wahr hält. Das gibt die Kraft, das alte Leben abzulegen und auf die Weihe zuzugehen. Wenn der Priester in der Gemeindeweihehandlung nachher das Credo spricht, sagt er nicht »ich glaube, dass …«, sondern bezeugt immer neu die Wahrheiten, die zu einem Teil seines Wesens geworden sind, und bestätigt sie mit dem Ja-Wort.
Gleiches gilt auch für die Gemeinde, die in besonderer Weise dem Sprechen des Credo zuhören kann. Denn was auf das Credo folgt, ist die Verwirklichung des Evangeliums. Wenn auch das » Ja, so ist es! « der Mitglieder ein stilles Echo ist, bedeutet doch der Übergang zum nächsten Teil der Weihehandlung, zur Opferung, den Augenblick, in dem man von einem Empfangenden zu einem Gebenden fortschreiten darf. Man hat das Evangelium gehört; nun wird man existentiell vor die Frage gestellt: Will ich den alten Menschen mit seinen Gewohnheiten und Schwächen ablegen? Und dann, wenn Wein und Wasser eingeschenkt werden, kommt die Frage, inwiefern will ich dem Christuswort folgen: »Verkaufe alles, was du hast, und schenke es …« Will ich die höchsten Seelenkräfte mit in den Kelch hineinfließen lassen?
Cyril spricht zu seinen Lehrlingen, im Anklang an Paulus:

Niemand glaube, der Zweck der Taufe sei nur Nachlassung der Sünden und Ver­leihung der Sohnschaft … Man möge sich genau merken, dass die Taufe nicht nur von Sünden reinigt und die Gabe des ­Heiligen Geistes verleiht, sondern auch ein Abbild der Leiden Christi ist. Daher hat Paulus soeben ausgerufen: »Oder wisset ihr nicht, dass wir alle, die wir in Christus Jesus getauft wurden, in seinen Tod getauft wurden? Mit ihm wurden wir begraben durch die Taufe in den Tod.«
( Mystagogische Katechesen , II, 6)

Das können wir anfänglich in der Opferung erleben. Indem wir vom alten Leben Abschied nehmen und die höchsten Kräfte unserer Seele dem Opferfeuer anvertrauen, sterben wir ein wenig. Das wird noch verstärkt im stillen Herzen der Weihehandlung, in der Wandlung. Da tauchen wir noch einmal in die Sphäre des Evangeliums ein, wenn der Priester die Worte des Abendmahles ausspricht, indem er Brot und Kelch nimmt und sie aufhebt, während er niederkniet. Die Worte werden so gesprochen, als wären sie eine Erinnerung an ein Vergangenes. Doch hat hier die Erinnerung eine besondere Bedeutung, eine Bedeutung, die mit der Wurzel dieses schönen Wortes zusammenhängt: Was wir erinnern, machen wir innerlich. Wahrlich erinnern heißt nicht, einen Dokumentarfilm anschauen, der Interessantes von der Vergangenheit berichtet, sondern das Vergangenheitsgeschehen wird unsere Gegenwart. Die verschiedenen zeitlichen Horizonte, die sonst Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft trennen, verschmelzen in einem prophetischen Geschehen, das zeigt, was es bedeuten kann, wenn Evangelium nicht mehr Geschichte ist, nicht mehr »his story«, sondern unsere Gegenwart wird. Das wird im Fortgang verstärkt, wenn gesagt wird, dass die Passionsereignisse in uns zu denken beginnen. Völlig anders ist das, als wenn wir über sie denken würden; dann bleibt Vergangenheit Vergangenheit und ist das Objekt unseres Denkens. Wenn aber das Abendmahl innerlich gegenwärtig geworden ist, dann beginnen wir in ihm und aus ihm heraus die Welt zu erleben, zu denken und zu handeln.
In der Osterzeit hören wir gleich nachdem der Priester das Bekenntnis gesprochen hat, eine Aufforderung: Das »Ja, so sei es«, das die Gemeinde zuvor still mitgesprochen hat, soll Tat werden: »Ja, so ist es!« Wir werden aufgefordert, uns zum Tod und zur Auferstehung Christi als dem Erdensinn zu bekennen. Ich pflegte eine Zeitlang gegen Ende der Osterzeit in den Gemeinden zu fragen, wie es den Mitgliedern mit ihrem Missionsauftrag ergangen sei. Wer sechs Wochen lang den starken Ruf gehört hat, mag sich diese Frage stellen. Meist fühlen wir – auch zu Recht – eine gewisse Scheu, direkt über unsere Christus-Erfahrungen zu reden. Wir erleben vielleicht, dass das Feld besetzt ist und dass viele Worte zu Phrasen geworden sind. Auch als Pfarrer habe ich noch keine befriedigende Antwort auf die Menschen gefunden, die an meiner Tür klopfen und mich fragen, ob ich gerettet worden bin. Trotzdem erleben wir unzählige Situationen, in denen das richtige Wort ein Trost für Menschen sein kann, die sich von der scheinbaren Sinnlosigkeit ihres Leidens oder des Weltgeschehens überrollt fühlen. Viel Taktgefühl ist gefragt; wir werden vielleicht lange warten, bevor wir den Christusnamen nennen. Doch wenn wir mit stammelnden Worten versuchen, den Menschen, denen wir begegnen, ein Gefühl dafür zu vermitteln, dass es einen Sinn gibt, dass das Universum nicht distanziert unserem Leiden zuschaut, dass der Tod der Ort neuen Lebens sein kann – dann erfüllen wir unseren Auftrag, Verkünder des Erdensinns zu sein. Und wenn wir uns ungenügend fühlen oder einen Fehltritt gemacht haben und Ablehnung erfahren – lohnt es sich dann nicht, diese kleine Peinlichkeit auf uns zu nehmen, indem wir die große Aufgabe angehen, uns zu dem Christus zu bekennen in einer Welt, die meint, über ihn hinausgewachsen zu sein?
Eine Hoffnung der Reformation war, dass die Kirche keine Institution für sich oder für ihre Priester sein sollte, sondern, dass sie das Potential ihrer Mitglieder stärken sollte, selber in der Welt priesterlich zu handeln. In einer Kultusgemeinschaft wie der Christengemeinschaft kann dies immer einmal wieder aus dem Auge verloren werden. Aber spätestens zur Osterzeit dürften wir merken, dass die Erfüllung der Menschenweihehandlung in ihrer Ausstrahlung in die Welt liegt – in dem Wort des Bekenntnisses zum Erdensinn, der aus dem Mund der Gemeinde klingen will.


AutorIn: Tom Ravetz


« zurück

Ausgabe 5|2017


Weitere Artikel:

Martin Luther
Günther Dellbrügger

Bekenntniskraft als Lebensquell
Christward Kröner