23. Juli bis 28. September | Sommer

Bekenntniskraft als Lebensquell

Wozu bekennen wir uns? Warum bekennen wir uns? Oder andersherum gefragt: warum vermeiden wir es möglicherweise, uns zu bekennen? Warum zögern wir, halten etwas lieber im Vagen?
Blicken wir zunächst auf den Vorgang des Bekennens, dann kann deutlich werden, dass immer ein apokalyptisches, offenbarendes Moment dazugehört: Im Bekennen – sei es in einem Wort, sei es durch eine Tat – tritt etwas aus dem Verborgenen ins Offenbare, es wird für ein Gegenüber oder den Umkreis wahrnehmbar. Darin liegt etwas Entscheidendes, und dafür braucht es in der Regel Mut. Indem ich mich zu einem Menschen, einem Ideal, einer Weltanschauung bekenne, gebe ich etwas von mir preis, mache mich wahrnehmbar, aber auch verletzbar. Jedoch ohne das geht es nicht; ohne ein Gegenüber als »Empfänger« des Bekenntnisses oder ohne Zeugen, die das Bekenntnis hören, würde es gar nicht ein Bekenntnis sein können, sondern allenfalls ein Selbstgespräch oder eine Selbstvergewisserung. Echtes Bekenntnis kann nur da sein, wo im Bekennen auch Beziehung entsteht.
Und noch etwas: In jedem Bekenntnis ereignet sich eine Art Geburt. Es tritt wesenhaft etwas in Erscheinung, das dann in der Welt ist, für das man Verantwortung hat, das in gewisser Weise ein Eigenleben zu haben beginnt und dennoch ein Teil von mir bleibt. Es drückt sich ab und lebt weiter in den Seelen all derer, die Zeugen geworden sind. Es wird fortan identifiziert mit mir, der ich es ausgesprochen oder getan habe. Das Bekenntnis macht so einen Teil meiner Persönlichkeit sichtbar bzw., indem ich mich zu einem Bekenntnis durchringe, formt und konturiert sich ein Teil meiner Persönlichkeit.
Im Bekenntnis schwingt aber auch Glaubenskraft mit, die auf die dem Bekennen innewohnende Zukunftsdynamik hindeutet. Eltern glauben an ihre Kinder – und sie bekennen sich zu ihnen. Dabei ist das nur ein schwaches Echo von der Kraft, mit der die Kinder an die Eltern glauben und sich existentiell zu ihnen bekennen, indem sie sich durch die Geburt vollständig ihnen ausliefern.
Stets ist das Bekenntnis für den »Empfänger« eine Wohltat, hat etwas Stärkendes, Segnendes, ja Heiligendes und Zukunft Vorbereitendes.
Indem in der Trauung die Eheleute das Ja-Wort aussprechen, legen sie ein Bekenntnis zueinander ab, offenbaren ihren Glauben an das gemeinsame Leben – vor den Augen und Ohren aller Anwesenden und der göttlichen Welt – und schaffen so die Grundlage für den in der Trauung wirkenden Segen. Auch dieses Bekenntnis stiftet Verbindung und Verbindlichkeit.
Wenn der Vatergott unmittelbar nach der Taufe Jesu im Jordan ausspricht: »Du bist mein geliebter Sohn …«, so ist das Ausdruck einer göttlichen Glaubens- und Bekenntniskraft, die sich erdwärts richtet, das Leben Jesu Christi begleitet und durchdringt. Sie wird durch den Glauben und das Bekenntnis des Sohnes zum Vater erwidert. Diese bilden sich dann weiter zum »neuen Glauben« und zum »neuen Bekenntnis«, von denen in der Menschenweihehandlung gesprochen wird: das Bekenntnis Gottes zum Menschen, in der letzten Konsequenz anschaubar geworden im gekreuzigten Leib, der Glaube Gottes an die Menschheit, anschaubar geworden in dem vom Kreuz herab fließenden Blut, das sich mit der Erde verbindet. Dieses göttliche Bekenntnis entfaltet sich durch die in der Weihehandlung benannten drei großen Stufen: Christi Leidenstod, seine Auferstehung und seine Offenbarung, die – so wird es ausgesprochen – in uns zu leben und zu denken beginnen können. Bekenntnis und Glaube Christi werden in uns zu handelnden »Subjekten«, indem sie in unseren Gedanken ein eigenes Leben entfalten – wenn wir die Voraussetzungen dafür schaffen und es zulassen.
Darin zeigt sich auf der höchsten Stufe die Dynamik, die oben zu beschreiben versucht wurde: dass das Bekenntnis einem Geburtsvorgang gleicht und etwas in die Welt tritt, das ein Eigenleben zu entfalten beginnt und doch seine Identität der Quelle verdankt, aus des es hervorgegangen ist. Und das zugleich die Lebensrealität dessen verwandelt, zu dem hin das Bekenntnis ausgesprochen bzw. gelebt wurde, der es gewissermaßen empfangen hat.
Jedes Bekenntnis enthält implizit auch die Frage, ob es angenommen – und ob es erwidert wird. Erst dadurch kann es sich ganz entfalten und erfüllen.
So erfüllt sich das Bekenntnis Gottes zum Menschen erst in der Beantwortung durch das freie Bekenntnis des Menschen zur göttlichen Welt. Dabei geht es nicht um ein einmaliges Geschehen, sondern um ein sich immer erneuerndes Hin und Her.
Auf diese wechselseitige Verbindung deuten die Evangelienworte: »Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will auch ich bekennen vor meinem himmlischen Vater« (Mt 10), oder in der Apokalypse (3. Kap.), wo es heißt: »Wer überwindet, der soll mit weißen Kleidern angetan werden und … ich will seinen Namen bekennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln.«
Im ersten Drittel des Wandlungsteiles der Menschenweihehandlung begegnen wir einer Stelle, durch die in einzigartiger Weise zum Ausdruck kommt, dass die Segenskraft des Bekennens nicht nur vom Himmel auf die Erde, sondern auch von der Erde zum Himmel fließt. Im ersten sich direkt zu dem Christus wendenden Gebet dieses Teiles, bitten wir darum, dass er unser Bekenntnis fühlen und unser Beten (er)hören möge. Dabei wird dieses Fühlen näher beschrieben in der Art und Weise, wie der Christus es empfinden möge: »Fühle segnend das Bekenntnis zu dir.« Wir hatten oben beschrieben, wie ein Bekenntnis für den Empfänger eine Wohltat, etwas Stärkendes, Segnendes bedeuten kann. Hier wird es nun direkt ausgesprochen, erbeten, erhofft, dass das, was von »seinen Bekennern« ihm entgegenströmt, eine segnende Kraft entfalten möge.
So kann am Horizont des menschlichen Denkens eine Ahnung von dem tiefen Zusammenhang auftauchen, der besteht zwischen der Leben spendenden Bekenntnis- und Segenskraft Gottes, die uns Menschen zufließt, und dem, was sich in der Seele des mit Christus verbundenen Menschen – vielleicht ganz anfänglich und zart – antwortend regt als segnende Bekenntniskraft, die auch der göttlichen Welt neues Leben zuströmen lässt.


AutorIn: Christward Kröner


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Ausgabe 5|2017


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