23. Juli bis 28. September | Sommer

Der Streit zwischen Geist und Fleisch

»Dieses Leben ist keine Frömmigkeit, sondern ein Fromm-Werden.
Keine Gesundheit, sondern ein Gesund-Werden. Kein Wesen, sondern ein Werden.
Keine Ruhe, sondern ein Üben. Wir sind es noch nicht; werden es aber.«
Grund und Ursach, 1521

Am 15. Juni 1520 droht Papst Leo X. in einer Bulle Martin Luther den Bann an und verurteilt exemplarisch 41 Sätze seiner Lehre. Im April 1521 – der Bann ist inzwischen ausgesprochen – wird Luther vor den Reichstag in Worms geladen. Er hofft auf eine inhaltliche Auseinandersetzung, während Kaiser Karl V. ihn vergeblich auffordert, seine Schriften zu widerrufen. Auf der Rückreise von Worms nach Wittenberg erfolgt ein Überfall, und Luther wird auf die Wartburg gebracht und dort versteckt. Neben seiner Bibelübersetzung nutzt er die Abgeschiedenheit des Versteckes auch, um – statt eines Widerrufs – eine theologische Bekräftigung zu den päpstlich verurteilten Sätzen zu verfassen. So entsteht die Schrift »Grund und Ursach«.

Luther erläutert darin, dass der getaufte Christ nicht frei sei von jenen tief im Menschen wurzelnden Affekten wie Zorn oder Begehren, die den Geboten Gottes zuwiderlaufen. Der Christ trage in sich den Zwiespalt zwischen dem, was er einerseits glaubend – das heißt im »Geist« – durch Christi Sündenvergebung als Heil für sich empfange, und dem, was ihm bei sich selbst – in seinem »Fleisch« – als sich ständig regende Grundsünde zu schaffen mache. Beides gehöre im Leben des Christen zusammen. Beides erlebe der Christenmensch als einen Streit des Geistes wider das Fleisch, das wiederum dem Geist widerstreite. Eine intensive Auseinandersetzung mit Paulus wird deutlich, etwa mit dem Brief an die Galater (Gal 5,17) und an die Philipper (Phil 3,13). Für Luther ist der Christ in dem Streit zwischen »Geist« und »Fleisch« hineingestellt in den Gegensatz zwischen Heil und Unheil; zwischen dem Heil durch Gottes Wort im Evangelium und dem Unheil der in ihm selbst sich regenden Gottesentfremdung, die ihn am vollkommenen Erfüllen von Gottes Geboten hindere. Er legt dar, dass der alte Mensch »in uns durch tägliche Reue und Buße« sterben und »täglich herauskommen und auferstehen« solle »ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinigkeit vor Gott ewiglich lebe«.


AutorIn: Tabea Hattenhauer


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Ausgabe 7|2017


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