27. November bis 24. Dezember | Advent

Mensch und Biene – ein Umgang mit Augenmaß

Ein Volk ist übrig geblieben. Alle anderen sind weg – eingegangen. Dass es meinen Bienen nicht gut geht, konnte ich schon im vergangenen Jahr deutlich bemerken. Sie entwickelten sich nicht. Ganz anders war es in 2015. Da war es eine Freude, zu sehen wie die Bienenvölker heranwuchsen – mit einer Dynamik und Entwicklungskraft, wie man es sich kaum vorstellen kann. Kleine Jungvölker vom Mai, Juni, die anfänglich kaum die Hälfte des Kastens besetzten, wuchsen bis zum Herbst zu starken gesunden Bienenvölkern heran, die den ganzen Kasten füllten, vor Lebenskraft strotzten und die mühelos einen starken Winter überstehen konnten. Was Bienen können, konnte ich in diesem Sommer hautnah erleben. Diese Erfahrung ist mir in gewissem Sinne auch zum Maßstab geworden, mit dem ich nun einschätze, ob die Entwicklung eines Bienenvolkes gesund verläuft oder ob sie gehemmt ist. 2014 war die Entwicklung ähnlich schlecht wie 2016. Es überlebten aber mehr Völker den Winter, so dass die Ausgangssituation in 2015 etwas besser war als in diesem Frühjahr.
Ein weiteres Phänomen kam dieses Jahr hinzu: Alle Völker waren betroffen. Egal ob es Naturschwärme, Kunstschwärme oder Begattungsableger waren, egal ob sie im Korb oder im Kasten lebten.
Dabei hatte ich doch vieles gemacht, was meiner Auffassung von einem guten Umgang mit Bienen entspricht: weitgehend Naturbau, Königinnen aus Schwarmzellen, die direkt in ihr Volk schlüpfen, großzügiger Umgang mit den Honigreserven des Volkes usw. Und trotzdem wurden sie dahingerafft. Insgesamt, so liest man in der Fachpresse, war es ein schwieriger Winter für die Bienen, und landesweit sind auch andere Imker mehr oder weniger von Völkerverlusten betroffen.
Woran liegt´s? Was ist da los? Was kann man tun?
Einen Teil der Schuld möchte ich übernehmen. Vieles hätte ich besser machen können bzw. habe ich, wider besseren Wissens, aus Zeitmangel unterlassen.
Wenn ich auf dem Markt gefragt werde, was denn die Ursache für das Bienensterben sei, nenne ich gerne drei Dinge. Einmal den Imker und seinen Umgang mit den Bienen, des weiteren die Landschaft als vom Menschen geschaffenes Land und dann noch die Varroa-Milbe, die seit gut 30 Jahren die Bienenvölker flächendeckend und ausnahmslos befallen hat.
Fangen wir mit der Varroa-Milbe an. Sie lebt im Bienenvolk, ernährt sich von »Bienenblut« und vermehrt sich in der Brut. Das eigentlich Tödliche für die Bienenvölker sind die Viren, die durch die Milben übertragen werden. Bei solchen Infektionen werden je nach Virusart die Flügel verkrüppelt, die Hinterleiber verkürzt, ein unkontrolliertes Zittern hervorgerufen usw. Wird der Infektionsdruck zu hoch und hält das Immunsystem und Selbstheilungssystem des Volkes nicht mehr Stand, erkrankt es. Das Volk siecht dahin bis es, spätestens im Winter, endgültig zusammenbricht. Die Völker werden behandelt mit mehr oder weniger »guten« Mittelchen. Ziel dieser Behandlungen ist es, möglichst viele Milben abzutöten und damit den Infektionsdruck so gering wie möglich zu halten. Unterlässt man die Behandlungen, sterben die Völker. Auf einen Nenner gebracht: Ohne medikamentöse Unterstützung sind unsere Bienen heute nicht mehr überlebensfähig.
Die große Hoffnung ist eine Biene, die es mit der Varroa-Milbe aushält. Ihre Verwandte, die Asiatische Honigbiene, kann das. Unserer Westlichen Honigbiene soll es beigebracht werden. Es wird versucht, eine varroatolerante Biene zu züchten, mit nach meiner Auffassung fragwürdigen Methoden – schnell soll es gehen!
Es gibt auch einen darwinistischen Ansatz: Wir lassen die Medikamente weg, fast alle werden sterben, aber die ganz wenigen, die überleben, haben dann die gewünschte Eigenschaft.
Dass man auch durch die Art der Haltung, durch eine besondere Pflege und Fütterung »züchten« kann, scheint vergessen. Ich sehe diese Art der Züchtung mehr als eine Art »Begabung« des anderen Wesens an, die durch eine besondere Hinwendung des Menschen an dieses geschehen kann. Begleitet von der Bitte, diese Hinwendung und Pflege anzunehmen, und von der Bitte, etwas zu geben. Das ist freilassender für das Gegenüber, sei es Tier oder Pflanze. Es kann die Hinwendung ablehnen und weiter selber vor sich hin wursteln und das Opfer, um welches man es bittet ablehnen. Manchmal kann man auch den Eindruck gewinnen, dass die Initiative von den Tieren ausgeht, durch die Art und Weise, wie sie die Nähe des Menschen suchen.
In der heutigen »Züchtung« aber schaut man beeindruckt und wie gebannt auf die anscheinend nahezu unglaublichen Möglichkeiten, die die Biotechnik bietet, in vergleichsweise kurzer Zeit und mit weniger Aufwand. Es kommt einem dabei die Frage, ob man alles machen darf, was man kann, und wenn nein, warum nicht?
Kommen wir zur Landschaft. Sie ist »ausgeräumt«. Eine Gliederung durch Hecken, Wasserflächen, Alleen, Böschungen, Mulden, Hügel, Wald, Wiesen, Moore, Weg- und Feld­raine, Streuobst – kurz, eine vielgestaltige, ausgewogenen Gestaltung der Landschaft verliert sich vielerorts mehr und mehr. Dazu kommt, in der industriellen Landwirtschaft, der höchst effektive und perfektionierte Einsatz von Agrarchemikalien in der Düngung und im »Pflanzenschutz« mit ­Insektiziden, Fungiziden und Herbiziden.
Nun zum Imker, zu mir. Was tue ich, was sind meine Impulse, aus denen heraus ich handle?
Einiges ist schon gesagt, aber vielleicht ist das Wichtigste die Auffassung der Biene als Haustier. Haustiere haben eine besondere Nähe zum Menschen, empfangen seine besondere Pflege. Und der Mensch empfängt wiederum von ihnen etwas. Von der Kuh beispielsweise Milch und Fleisch, aber auch, weniger beachtet, den Dung, der den Boden fruchtbar macht und die Pflanzen, die auf ihm wachsen, gedeihen lässt. Die Biene schenkt uns den Honig, aber auch, die Bestäubung und damit das Fruchten vieler Kultur- und Wildpflanzen, die einen wichtigen Teil unserer Ernährungsgrundlage bilden.
Es ist die ewige Frage nach Natur und Kultur, nach dem Zusammenhang der Natur mit dem Menschen. Der Mensch wird oft in der Rolle des großen Zerstörers gesehen. Dann sucht man Vollendung und Heil im Ursprünglichen, möglichst Wilden, vom Menschen Unberührten zu finden. Die Vorstellung von einem Urwald, in dem ein natürliches Gleichgewicht herrsche, das wie von selbst für größtmögliche Harmonie unter den Lebewesen sorgt, wird gerne gebraucht. Der Mensch kommt da nicht vor.
Tatsächlich ist es nicht von der Hand zu weisen, dass der Mensch Verursacher der großen Umweltprobleme, wie wir sie heute haben, ist. Fatal wäre aber der Schluss, er müsse deshalb ganz raus. Das ginge komplett in die falsche Richtung. Der Mensch trägt die Verantwortung und muss es wieder richten. Von selber geht es nicht. Es bedarf aber meiner Meinung nach eines frischen Blickes auf die Zusammenhänge. Dieselben Gedanken, die in die Misere führten, werden nicht aus ihr heraushelfen.
Meine Aufgabe als Imker sehe ich also nicht darin, möglichst die Finger von allem zu lassen, sondern im Gegenteil, mich möglichst intensiv einzubringen.
Natürlich will ich auch Honig ernten, aber nicht auf Teufel komm raus und mit allen Mitteln. Vielleicht könnte man von einem Recht der Biene sprechen, welches ich versuche empfindend zu ergründen, um es dann in meine Arbeit einfließen zu lassen.
Konkret und vielleicht mehr für die Bienenhalter unter den Lesern seien hier abschließend einige Kernideen genannt.
Die Biene muss sich wieder fortpflanzen dürfen. Arterhaltung als grundsätzliche und elementare Lebensäußerung muss ihr wieder zugestanden werden, d.h. sie soll wieder ein Recht auf das Schwärmen haben. Hier ist der Zwang in Form von Schwarmverhinderung deutlich herauszunehmen. Wenn sie dann, in welchem Ausmaß auch immer, in dem einen oder anderen Jahr auf das Schwärmen verzichtet, um ihre Kraft ganz auf das Honigeintragen zu konzentrieren, will ich dankbar sein und freue mich, dass sie meiner Bitte nachgekommen ist.
Wie ich das praktisch löse, muss ich mir eben überlegen, da gibt es verschiedene Ansätze. Es müssen aber Wege gefunden werden, die neben den einseitig egoistischen Ansprüchen des Imkers, auch das Wohl bzw. das Recht der Bienen zum Ziel haben. Das Wohl der Bienen nur im Hinblick auf einen maximalen Honigertrag anzustreben ist hier nicht gemeint.
Die Biene braucht eine vernünftige Wohnstätte und vor allem eine gute Innenausstattung. Das Wabenwerk, das sie erstellt, möge sie aus sich selber hervorbringen dürfen. Die übliche Verwendung von entseuchtem, recyceltem Wachs in Form von Kunstwaben (Mittelwänden) ist eine Zumutung für die Bienen. Der große Wert und die vielfältigen Geheimnisse im Zusammenhang mit dem Bienenwachs werden aktuell erst erforscht.
Die Fütterung ist eines der zentralen und mächtigsten Mittel und Werkzeuge, die uns zur Verfügung stehen, um auf ethisch vertretbare Weise auf die Entwicklung von Tieren Einfluss zu nehmen. Analyse der Inhaltsstoffe ist das Eine, wichtig ist aber, dass man auf die Qualität schaut. Zucker ist kein Honig. Verwendet wird beides von den Bienen, um Wärme zu erzeugen. Aber zu bedenken ist, dass es qualitative Unterschiede zwischen der Wärme aus Zucker und derjenigen, die aus Honig entsteht, gibt.
Für die Eiweißversorgung in Form von Blütenstaub (Pollen) sind wir alle verantwortlich. Es ist ein Gemeinschaftswerk, und jeder kann einen Beitrag leisten. Die Kuh frisst, was ihr in den Trog gelegt wird. Der Futtertrog der Biene ist die Landschaft im Radius von 1 km und auch noch darüber hinaus um ihren Stock. Wie wir diese Landschaft gestalten, liegt an uns. Nicht selten wandern die Imker mit ihren Völkern in Landschaften, z.B. in die Städte, in denen der Tisch für die Bienen reichlicher gedeckt ist. Nicht nur um Sortenhonige zu ernten, sondern auch, um durch eine vielseitige Nahrungsgrundlage für die gesunde Entwicklung ihrer Völker Sorge zu tragen.
Jeder geht seinen eigenen Bienenweg. Da muss über die einzelne Maßnahme gar nicht unbedingt ein Streit entbrennen. Aber, wenn wir versuchen, unserem Denken zur Klarheit Wärme zu schenken, wie es in einem Wochenspruch Steiners zu lesen ist, dann können vielleicht aus dieser Wärme die rechten Gedanken und Ideen fließen, die uns zu gedeihlichem Tun im Zusammenhang mit den Bienen führen.


AutorIn: Günther Klenota


« zurück

Ausgabe 7|2017


Weitere Artikel:

Der Streit zwischen Geist und Fleisch
Tabea Hattenhauer

Mitgeschöpf oder Ausbeutungsobjekt?
Mathias von Mirbach