29. September bis 28. Oktober | Michaelizeit

Mitgeschöpf oder Ausbeutungsobjekt?

Zur Entwicklung der Nutztierhaltung in der Landwirtschaft

Im Verhältnis zur Gesamtentwicklung menschlicher Kultur ist die Geschichte der Nutztierhaltung noch nicht wirklich lang zu nennen. Es wird allgemein davon ausgegangen, dass die Haustierwerdung der eigentlichen landwirtschaftlichen Nutztiere erst 8000–9000 Jahre alt ist. Sie ist eng mit dem Sesshaftwerden der Menschen bzw. mit dem Übergang von den Jäger- und Sammlerkulturen zu den nomadischen Viehhirten- und später den Ackerbaukulturen verbunden. In der Regel wurde zuerst über das Einfangen von Wildtieren – durch Zähmung und regelmäßige Fütterung – versucht, die einstige Jagdbeute näher an die Menschen zu binden. In Mitteleuropa wurde so der Auerochse domestiziert, der mit den heutigen Rinderrassen eng verwandt ist. Daher ist eine Rückzüchtung des bereits ausgestorbenen Auerochsen aus heutigen Rindern möglich gewesen. Das sogenannte Heckrind ist im Körperbau dem Ursprung unserer Rinderrassen zumindest recht ähnlich. Auch das Hausschwein konnte auf diesem Wege aus dem Wildschwein entwickelt werden.

Mensch und Tier als Gefährten
Dies wurde durch einen Beziehungswechsel zum Tier möglich: Aus der geachteten Jagdbeute wurde durch intensive Zuwendung ein Hausgenosse. Die Jägerkulturen haben über lange Zeiträume eine innige, zugewandte Beziehung zur Gruppenseele der Tiere entwickelt. Die Büffeljägerkulturen der nordamerikanischen Prärien sind dafür ein gutes Beispiel. Vor jeder Jagd wurde getanzt – meist mit Schmuck, der aus Teilen der erlegten Tiere von früheren Jagden gefertigt war. Diese Tänze wurden durch die Schamanen geführt, die mit der Tierwesenheit in spirituellen Kontakt kommen konnten. Und auch nach einer erfolgreichen Jagd wurde die Tierwesenheit geehrt. Die Beziehungen des Menschen zu den Tieren wird auch in den steinzeitlichen Höhlenmalereien deutlich. Dort sind die Künstler in die dunklen Höhlen gegangen und haben ihrem seelischen Eindruck in Bildern Ausdruck geben können. Welche Schönheit und innige Verbundenheit zwischen Mensch und Tier kommt dort zum Ausdruck! Es gibt ähnlich bewegende Zeugnisse auch in den Felsmalereien der Buschmänner im südlichen Afrika wie auch in Aus­tralien in den Ahnentafeln der Aborigines.
Die Veränderung der Beziehungsebene im Übergang zur Domestikation hat sowohl den Menschen wie auch das Tier verändert. Eine Vertrauensebene entstand, die beiden Vorteile brachte. Die Tiere erfuhren Fürsorge durch den Menschen, der sie vor Fressfeinden schützte, sie mit Futter und Tränke versorgte und auch seelisch eine neue Beziehung zu ihnen einging. Der Mensch profitierte im Gegenzug von der Nähe der Tiere: Sie gaben ihm Milch, Fleisch, Blut, Wolle und Häute, waren als Trag- und Lasttiere dienstbar und machten Sesshaftigkeit möglich, weil tierische Nahrung in der Nähe war. Daraus haben sich sehr unterschiedliche Formen der Tierhaltung entwickelt. So unterscheiden sich bis heute nomadische Hirtenkulturen von sesshaften Tierhaltungen. In Mitteleuropa hat die ortsfeste Tierhaltung die Landschaften, gerade in Gebirgsregionen, stark geprägt. Man vergleiche die Almwirtschaften in den Alpen mit der Rinderhaltung bei den Massai oder den Gauchos in den früheren Pampas in Argentinien. Die fruchtbarsten Ackerböden der Welt sind letztendlich aus der Beweidung durch wildlebende Wiederkäuer entstanden.

Kain und Abel
Es gab zwei Strömungen, deren Urbilder im Buch Genesis als Kain und Abel wiederzuerkennen sind: Kain ist der moderne Mensch, der Ackerbau betreibt und seine Früchte opfert. Abel erscheint als der Hirte, der den Göttern ein blutiges Opfer aus seiner Herde bringt. Sein Opfer wird angenommen, das von Kain nicht. Wenn wir heute nach Entsprechungen dieser Strömungen suchen, können wir z.B. in die Mongolei blicken, wo in der riesigen Grassteppe immer noch nomadische Hirten ihre Weidegründe pflegen. Um die Vegetation der Steppe sinnvoll zu nutzen, halten die Hirten fünf Tierarten: Pferde, Rinder, Schafe, Ziegen und Kamele. Sie sagen, dass das Zusammenhalten dieser fünf Tierarten sich in der Nutzung der Futterpflanzen so ergänzt, dass es zu einem Gleichgewicht und nicht zu Einseitigkeiten kommt. Die Hirten kennen ihre Tiere, und ihre Tiere kennen sie. Es ist fast nicht vorstellbar, wie viele Kenntnisse ein guter Hirte von seinen Tieren hat – und welcher Wert guten Zuchttieren beigemessen wird. Wenn ich Berichte lese, wie z.B. die Massai über ihre Rinder sprechen und was sie aus der Fellzeichnung der Kühe lesen können, denke ich immer, ich verstehe nichts von Kühen. In Genesis 30 ist zu lesen, wie Jakob, der Sohn Isaaks, zu Reichtum gekommen ist. Es ist eine Geschichte von der gezielten Zucht auf bestimmte Merkmale der Vererbung, der genaue Beobachtung vorausging. Jakob züchtete als geschickter und gewiefter Diener Labans aus dessen Herde seine eigene, da er ein guter, scharf beobachtender Hirte war. Schließlich wurde seine Herde weit größer als die Labans. Das Bild des Ackerbauern hingegen begegnet uns überall in der Welt, wo intensiver Pflanzenbau betrieben wird. Es wird heute meist großflächig geackert, große Maschinen kommen zum Einsatz, und durch einen hohen Einsatz von synthetischen Düngemitteln und Pestiziden werden mengenmäßig große Ernten eingebracht. Leider geht mit diesen Methoden die Fruchtbarkeit der Böden zurück, es kommt zu Verdichtungen, verschiedenen Formen der Erosion und bei Bewässerungsfarmen zu Versalzungen. Wenn ich diese Art von »reinem Pflanzenbau« betrachte, entwickelt sich mir ein Bild von Kain.

Verbindung von Tierhaltung und Pflanzenbau
Der Bauer steht in der Mitte zwischen Kain und Abel, er ist sesshaft, er hält Tiere und bestellt den Boden. Er kann durch eine geeignete Fruchtfolge und die Düngung mit dem Mist seiner Tiere eine sich steigernde Spirale der Fruchtbarkeit entwickeln. Rudolf Steiner hat in seinem Landwirtschaftlichen Kurs (GA 340) von der »landwirtschaftlichen Individualität« gesprochen, die aus dem Zusammenspiel von Ackerbau und Viehzucht in dem für den jeweiligen Ort passenden Verhältnis entwickelt werden kann. Biologisch-dynamisch wirtschaftende Bauern haben seit mehr als 90 Jahren weltweit zeigen dürfen, wie viel Segen in der Verbindung von Tierhaltung und Pflanzenbau ist.
In dem Film »10 Milliarden, wie werden wir alle satt?« von Valentin Thurn gibt es eine Szene, die ein Interview mit einem indischen Kleinbauern zeigt. Dieser Bauer berichtet, wie er als Erster im Dorf die neuen Methoden der chemischen Landwirtschaft angewendet hat und nach einigen Jahren erkennt, dass sein Boden stirbt. Er findet zum biologischen Anbau und berichtet, dass er von zwei Hektar bewirtschafteter Fläche inzwischen seine Familie gut ernähren kann und dass er genug zum ­Verkaufen hat, um gut zu leben. Der Kameraschwenk geht dabei über seine Tiere und dann – besonders beeindruckend – auf seine Füße, die er durch seinen fruchtbaren Boden schiebt. Das Motiv der Überwindung von Armut durch Haustiere und deren gute Pflege findet sich auch in vielen, gerade auch russischen Märchen. Die Beziehung zum Haustier wird dort zur Quelle von Wohlstand.
Aber in was für ein Elend ist die Tierhaltung heute geraten – und wir Menschen mit den Tieren! Tiere werden heute im Wesentlichen als Produzenten dessen angesehen und behandelt, was wir brauchen – obwohl mir dabei oft das Wort »missbrauchen« näherliegt. Der Mensch hat das Tier vom Mitgeschöpf zum Wirtschaftsfaktor degradiert, das er nach den gleichen Regeln behandelt wie Maschinen in industrieller Be- und Verarbeitung. In einer industrialisierten Landwirtschaft geht es einseitig und ohne Rücksicht auf das Lebendige um immer höhere Leistungen. Was aus dieser Art Ausbeutung folgt: Die Preise für Erzeugnisse verfallen, Tiere und Tierhalter verlieren ihre Würde. In den Intensivregionen der Tierhaltung in Deutschland sind die Böden stark überdüngt, das Grundwasser ist mit Nitrat belastet, und es muss eine Verfrachtung der überschüssigen Nährstoffe in Ackerbauregionen ohne Tierhaltung erfolgen, um den gesetzlichen Bestimmungen zu genügen. Tierkrankheiten breiten sich aus und gehen über auf Wildtiere und über die Mutationen von Virenstämmen auch auf den Menschen. Der durchschnittliche Fleischkonsum liegt laut Zahlen des Bundesverbandes der deutschen Fleischwarenindustrie für 2015 bei 86,6 kg pro Einwohner und Jahr. Die Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung geht von 300 bis maximal 600 g wöchentlichem Fleischkonsum aus, was einen Verzehr von ca. 15–30 kg im Jahr bedeuten würde. Ähnlich sieht es mit dem Konsum anderer tierischer Lebensmittel aus. Bei der Tierhaltung in den Staaten des Nordens handelt es sich heute bei Weitem nicht mehr um eine bodengebundene Tierhaltung. Etwa 30 % aller verfütterten Futtermittel werden aus Ländern der Südhemisphäre importiert. Dort bedeutet das Reichtum für wenige und Hunger für viele. Der Anteil der hungernden Kleinbauern an den Hungrigen dieser Welt ist erschreckend hoch.

Fazit: Die Entwicklung ist dabei, gründlich schiefzugehen. Es bedarf dringend neuer Konzepte und vor allem neuer Praktiken für Landwirtschaft und Tierhaltung. Bedrückend an der momentanen Krise der Landwirtschaft ist die Ideenlosigkeit gegenüber Lebensvorgängen und daraus folgend die zu langsame Umsetzung von bereits erkannten Möglichkeiten zur Wende in eine achtsame landwirtschaftliche Kultur. Anhaltende Dynamiken von Massenproduktion und übermäßigem Konsum halten einen globalen Kreislauf von Ausbeutung und Zerstörung in Gang. Veränderungen dagegen können immer da gelebt werden, wo erst Einzelne und dann auch Gemeinschaften ihre Haltungen und Gewohnheiten ändern. Mut machen mir Bewegungen überall auf der Erde, die konkrete Netzwerke schaffen, um positive Veränderungen zu ermöglichen. Christian Morgenstern hat vor über 100 Jahren in seinem Gedicht »Fußwaschung« eine Gesinnung gegenüber der belebten und unbelebten Natur angeregt, die jedem Menschen – Bauern, Händlern und Verbrauchern – eine Stärkung auf dem Weg zu einem neuen Umgang von Mensch und Tier werden kann. Mit diesem Gedicht möchte ich schließen.

Ich danke dir, du stummer Stein
Und neige mich zu dir hernieder:
Ich schulde dir mein Pflanzensein.

Ich danke euch, ihr Grund und Flor
Und bücke mich zu euch hernieder:
Ihr halft zum Tiere mir empor.

Ich danke euch, ihr Stein, Kraut und Tier,
und beuge mich zu euch hernieder:
Ihr halft mir alle Drei zu mir.

Wir danken dir, du Menschenkind,
und lassen fromm uns vor dir nieder:
weil dadurch, daß du bist, wir sind.

Es dankt aus aller Gottheit Ein-
Und aller Gottheit Vielfalt wieder.
Im Dank verschlingt sich alles Sein.


AutorIn: Mathias von Mirbach


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Ausgabe 7|2017


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