29. Oktober bis 02. Dezember | Herbst

Zentrum und Umkreis der Gemeinde

Wie bleibt Christengemeinschaft lebendig?

Es gab sie ja und gibt sie ganz selten auch heute noch: die alten Bauernhöfe, in deren Zentrum, der Küche, der gemauerte Herd steht, in dem das Feuer nie ausgeht … Draußen dann der Garten, die Felder, die Wiesen und Weiden, die Obstflächen und schließlich der Wald.
Ist Gemeinde nicht auch so etwas wie eine Hofstelle mit einem Zentrum, um das sich die verschiedenen Lebensfelder gruppieren, ein lebendiger Organismus? Ein solcher Organismus hat sehr unterschiedliche Organe, manche sind unverzichtbar und müssen stabil und dauerhaft arbeiten, andere Funktionen sind vielleicht nur zeitweise aktiv, können sich verändern, auf- und auch wieder abgebaut werden. Unverzichtbar – um im Bild zu bleiben – ist die zentrale Feuerstelle, das sakramentale Leben mit der regelmäßigen Zubereitung des Mahles von Brot und Wein in gegliederter Zusammenarbeit von Priester und Gemeinde.

Und drum herum das von daher erwärmte Gemeindeleben, das sich von der Mitte her entzündet, aber seine eigentliche Wirksamkeit ausstrahlen lässt. Je nach der »Persönlichkeit« der Gemeinde werden sich dafür sehr unterschiedliche Arbeits- und Verantwortungsbereiche ergeben: Gemeinderat, Finanzkreis, Ministrantenkreis, Musikerkreis, vielleicht gibt es sogar einen Gemeindechor, eine Gruppe, die verantwortlich ist für die Jahresfeste, eine für Ordnung und Sauberkeit, eine Gartengruppe, eine für den Blumenschmuck in der Kirche, einen Verantwortungskreis für die Gemeindenachrichten, einen für Kultur- und Öffentlichkeitsarbeit, die Gruppe der Religionslehrer, die Menschen, die als Delegierte an den Körperschaftsversammlungen teilnehmen und so den Zusammenhalt mit der Gesamtchristengemeinschaft pflegen … Das lässt sich je nach lokalen Gegebenheiten und Initiativen beinahe beliebig verändern und erweitern. Man muss ja auch nicht alles gleich festschreiben, sondern darf dem Leben durchaus ein bisschen Vorsprung geben.
Vielleicht weiten sich manche Arbeitsbereiche auch so aus, dass es günstig ist, sie in einem separaten Verein zu strukturieren, etwa die Kultur- oder die Sozialarbeit. Das ist ja ein weites Feld, Caritas, Sozialarbeit im weitesten Sinne. Caritas meint ja nicht nur Mildtätigkeit – die hat leicht den üblen Beigeschmack, dass sie kaschiert, wo die sozialen Strukturen der Gesellschaft versagen – sondern lateinisch ­»caritas« heißt auch so etwas wie »Hochachtung« oder »Wertschätzung«. Also dieser Bereich der tätigen, wertschätzenden Liebe – der soziale Ausgleich gehört auch dazu, ist aber längst nicht ­alles – dieser Bereich, der im frühen Christentum so stark gewirkt hat, scheint mir heute in unseren Gemeinden etwas unterbelichtet zu sein. Ist die Christengemeinschaft heute wirklich Quellort für Toleranz und Menschenverständnis, oder ist nicht manche überlieferte und bewahrte Form menschlich doch auch eng und für neue Interessenten eher abweisend – oder noch schlimmer: vereinnahmend?

Wie die anderen christlichen Gemeinschaften auch stehen wir in der Christengemeinschaft vor der Herausforderung, in einer immer stärker individualisierten Kultur und Zivilisation verstehen, erklären und leben zu lernen, welchen Sinn die Pflege des Religiösen in Gemeinschaft haben kann. Kein Mensch fragt heute nach einer neuen Konfession, gar mit neuen Dogmen und Katechismen, geschriebenen oder ungeschriebenen. Es gehört zum Selbstverständnis der Christengemeinschaft, dass der Mensch eben gerade nicht auf ein Bekenntnis verpflichtet oder einer von außen bestimmten religiösen Verpflichtung unterliegt. Es geht uns um religiöse Übung und Erfahrung, die der Entwicklung unserer Zivilisation standhalten und unsere aktuelle Lebenspraxis durchdringen kann. Da sind die Zugänge natürlich ganz individuell und verschieden.
Religionsfreiheit kann heute nicht mehr nur darin bestehen, dass man frei ist, sich einem Bekenntnis und den sich daraus ­ergebenden Verpflichtungen anzuschließen oder auch davon abzuwenden, sondern echte ­Religionsfreiheit muss auch einen ganz eigenen und vielleicht einsamen Zugang zu Gottes­erfahrung ermöglichen. Wie und wo der Einzelne sich in diesem persönlichen Prozess in dem Lebensorganismus Gemeinde an­siedelt, kann ihm von niemandem vorgeschrieben werden. Dieser Lebensorganismus Gemeinde dürfte also nicht begrenzt sein durch eine nach außen gebildete und womöglich starre Haut, sondern er reicht so weit, wie die ­Wärmestrahlung aus seinem Zentrum spürbar ist. Dann kann immer ­wieder im Moment der Begegnung – und nicht nur sonntags in der Kirche – aktuell Gemeinschaft, Christen­gemeinschaft entstehen.
Wie leicht verwechselt man die in den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen selbstverständlich notwendige Institutionalisierung mit Gemeinde und hofft auf Wachstum der Institution, statt auf Erweiterung der Gemeinschaft. »Die Gemeinden wachsen nicht, die Täuflinge und Konfirmanden verschwinden aus unserem Gesichtsfeld«, das sind ja wohlbekannte Klagen. Liegt das vielleicht daran, dass wir uns zu sehr auf Haus und Hof konzentrieren, aber Wiesen und Äcker im Umkreis unbestellt bleiben?
Vielleicht kann man unter dem Gesichtspunkt, dass Gemeinde nicht institutionell besteht, sondern in der Begegnung mit dem Göttlichen immer neu entsteht – sei es im Gottesdienst oder sei es im menschlichen Miteinander – neu fragen: Muss man erwarten, dass die Menschen immer kommen oder kann man auch mal hingehen? Denken wir heimlich doch, dass die, die kommen, die besseren Christen sind? Entspricht unsere Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in der Gemeinde und im Religionsunterricht der Schule, entspricht unsere Art zu predigen und Vorträge zu halten, Arbeitskreise zu leiten und Altennachmittage zu organisieren wirklich den Bedürfnissen und den Erfordernissen unserer Zeit?
Das ist vor allem eine Frage nach dem Selbstverständnis der Priester. Betrachten sie sich nicht nur als Weltbürger, sondern sehen sie sich immer auch als Mitmenschen innerhalb der weltlichen Gemeinschaften der politischen Gemeinde, der Stadt, der Region und deren Bewohner. Müssen sie in jedem Fall »Vollzeitgeistliche« sein – mit der Gefahr, betriebsblind und lebensfremd zu werden als Vorsitzende einer mehr oder weniger geschlossenen Gesellschaft? Oder dürfen sie, wie der Apostel und Zeltmacher Paulus, weitere Aufgabenstellungen übernehmen und dadurch die Kluft überbrücken helfen, die seit dem Mittelalter immer wieder den Klerus von den sogenannten »Laien« trennt? Vielleicht ist noch zu entdecken, dass die Aufgabe der Gemeindepfarrer gerade nicht darin besteht, einen Platz zu besetzen, sondern Raum zu schaffen. Dass Gemeinde nicht »gemacht« werden kann, sondern ermöglicht werden will.
Denn Gemeinde ist auch wie ein Fluss, in dem man bekanntermaßen nicht zweimal baden kann, ohne dass er ein anderer geworden ist; es kommen neue Menschen dazu – durch Geburt und Taufe oder durch die verschiedensten Begegnungen und Wechselfälle des Lebens –, andere sterben oder verlassen den Ort oder wenden sich anderem zu. Manche Persönlichkeit prägt sich stark ihrem Umkreis ein, andere bleiben äußerlich unscheinbar. Mancher lässt sich gern für das Vorhandene begeistern, andere suchen nach Neuem und nehmen am Alten Anstoß – vielleicht hat er oder sie noch nicht die richtige Aufgabe gefunden. Manche trifft man nie, obwohl sie sich zutiefst dazugehörig fühlen, andere, die immer kommen, sind sich ihrer Zugehörigkeit gar nicht so sicher …
»Ein bisschen komisch und behindert ist jeder«, war ein geflügeltes Wort in einer Konfirmandengruppe. Man kann sie bewundern und mögen – die Menschen – in ihrer merkwürdigen Einmaligkeit. Aber können wir unsere Verschiedenheit als Organe am Organ Gemeinde schon großzügig genug ertragen? Können wir dankbar sein für die, die auch wirklich da sind, sonntags konkret auf den Stühlen oder Bänken an der Feuerstelle des Altars sitzen und den Bezugspunkt für das Leben im Umkreis warm halten, auch wenn sie vielleicht gar nicht ahnen, wie groß dieser Lebensumkreis ist? Und können wir das Befremdende ertragen, dass die »selteneren Gäste« und die Neuen in der Gemeinde in uns auslösen?
Bleiben wir offen für das Außen, das wie im Bild des Bauernhofs vom Zentrum gehalten wird und sich zugleich in den weiteren Umkreis auswirkt? Und binden wir uns immer wieder aus eigener Kraft neu an den lebendigen Mittelpunkt unseres religiösen Lebens an? Gemeinde lässt sich an ihren Außengrenzen nicht erkennen oder definieren, aber an ihrem oft ganz heimlichen Bezug zu dem Wärmezentrum, das auch weit im Umkreis als Gemeinde gefühlt werden kann.


AutorIn: Martin Kühnert


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