29. Oktober bis 02. Dezember | Herbst

»Grüß Gott, Herr Pfarrer!«

Allzu oft freut sich dieser oder jener Pfarrer über einen solchen Gruß – zu Recht! Da ist die Welt noch in Ordnung. Aber schwingt da nicht auch mit: »Sie werden es schon machen!« und »Wie Sie es machen, so ist es gut!« In den vergangenen Diskussionen um das Priestertum wurde verschiedentlich gesagt, Pfarrer sei deswegen heute kein rechter Beruf mehr, weil er in eine Welt der Spezialisierungen nicht hineinpasst, in der man jemand nicht haben kann, der für alles im Leben da ist, und es wurde des weiteren gesagt, wenn Pfarrer noch ein Beruf sein solle, dann müsse er auch zu einem Spezialisten werden: für Alte, für Kinder, für Jugendliche, für Erwachsene, für Frauen, für Männer, für Kranke, für Behinderte, für Gesunde, für Friedensbewegte, für Umweltaktivisten usw.; der Pfarrer als Spezialist: Theologe – Seelsorger – Prediger – Berater – Lehrer – Manager – Unterhalter. Stimmt das oder ist das ein Irrtum? In erster Linie ist er Priester.
Gewiss: das Wesen des Priesters lässt sich nicht aus dem deutschen Wort (von presbyteros = der Älteste) verstehen, sondern eher aus dem lateinischen pontifex = Brückenbauer. Der Priester baut eine Brücke von Gott her zum Menschen, er handelt nicht aus sich selbst, sondern kraft göttlichen Auftrags und göttlicher Vollmacht. Nur so kann er wirklich Pfarrer sein für alle. Das Große und immer Notwendige des Pfarrers besteht doch gerade darin, dass er in einer Welt, die in Spezialisierungen zerfasert ist und daran krankt und leidet und zerfällt, der Mensch für das Ganze bleibt, der das Menschsein von innen und von Gott her zusammenhält. Dies ist das eigentlich Schöne, tief Menschliche und zugleich Heilige und Sakramentale am Priestertum, dass der Pfarrer bei aller Schulung, die er braucht, letztlich nicht einer unter vielen Spezialisten ist, sondern Diener des Geschöpfseins, des Menschseins, der uns über die Zerspaltung des Lebens zusammenführt in die Einheit des Leibes ­Christi hinein. Aber in dieses Priestertum sind alle Getauften, also alle Christen mit hineingenommen; sie sind alle zu Priestern geworden, zu dem priesterlichen Amt berufen, geistliche ­Opfer darzubringen, nämlich sich selbst, ihr Herz und ihr Leben in der Hingabe an Gott und an die Menschheit. Diese Verantwortung der Christen in der Welt und für die Welt ist das eigentliche Wesen des »allgemeinen Priestertums«. Wenn also auch die Teilnahme an dem priesterlichen Amt Christi keineswegs auf die Träger des geistlichen Amtes beschränkt ist, so ist doch die Bereitschaft zu diesem geistlichen Priestertum die unentbehrliche Voraussetzung alles dessen, was dem Pfarrer in seinem besonderen Beruf anvertraut und befohlen ist.

Was bedeutet nun »Ponfifex« und »Kiezpfarrer« für mich?
Katholischer Pfarrer auf St. Pauli zu sein, heißt für mich zunächst ein Erbe wahrzunehmen. In Alt-Hamburg waren Katholiken laut »Bugenhagenscher Kirchenverfassung« nicht erlaubt. Bereits Mitte des 17. Jahrhunderts erhielten die Katholiken in Altona ein »Religionsprivileg«. Darauf zielt der Name der Straße, an der unsere Kirche liegt: »Große Freiheit«, nämlich auf Religions- und Gewerbefreiheit. Das heutige, sehr spezielle Gewerbe siedelte sich dort erst sehr viel später an. Das damalige Privilegium war uns Katholiken gegenüber als ein Akt der Toleranz gemeint. Dieses Erbe zu bewahren und konkret zu gestalten sehe ich als meinen Auftrag an. Das heißt für mich eine Pastoral der offenen Türen!
Jeden ersten Samstag im Monat öffnen wir nachts unsere Kirchentür hin zur Großen Freiheit und gestalten eine »St. Joseph by Night«. Menschen aller Couleur, ob als Gläubige, als Suchende, als Andersdenkende oder Fragende, sind uns willkommen. Als Kiezpfarrer suche ich Kontakt zu allen auf dem Kiez lebenden Christen. Ökumene ist daher für mich ein gelebtes Muss! Vom 7. Januar bis zum 9. Februar 2017 waren viele Menschen (ca. 5000) bei einem Besuch in der Kirche St. Joseph erstaunt und überrascht, den Bildern der 10 Gebote des in Hamburg lebenden Musikers und Malers Udo Lindenberg zu begegnen. An diesem Ort, mitten auf dem Kiez, und in dieser speziellen Form, regten sie an und auf. Diese Ausstellung in unserer Kirche ermöglichte Begegnungen, Gespräche, Diskussionen zwischen vielen Menschen bis hin zum Protest: So wurde ich z.B. aufgefordert, eine »Sühnemesse« für diese »Gotteslästerung« zu feiern. Ich wurde sozusagen als ein Spezialist gefordert, der gleichzeitig organisieren, kommunizieren, ausgleichen und aufnehmen soll – und ich tat es, so gut ich es konnte. Kiezpfarrer bedeutet für mich, im Viertel präsent zu sein. Zu den Menschen, den Institutionen, Vereinen, Clubs und Gemeinden Kontakt zu haben; dazu gehören zum Beispiel die berühmte Davidwache der Polizei oder der Fußballclub FC St. Pauli genauso wie die Schwestern von Mutter Theresa im Haus Bethlehem, die »Alimaus« (Tagesstätte für Obdachlose), die Heilsarmee, die Nachbargemeinden oder meine Lieblingsrestaurants: die litauische »Teigtasche« in der Hein-Hoyer-Straße oder die italienische »trattoria 500« in der Paul-Roosen-Straße sowie mein Friseur »pauli-schnitt« vier Häuser weiter. Kiezpfarrer bedeutet für mich, dass ich die exponierte Lage als Herausforderung annehme und mich bewusst als Botschafter des Christentums inmitten einer bunten Stadtlandschaft verstehe. Kiezpfarrer bedeutet für mich, dass ich diesem bunten Stadtteil die Verkündigung der Frohen Botschaft schulde. Dass ich mich gesandt weiß in eine Welt, die gerade in Altona mit ihrer Fremdheit der christlichen Botschaft und speziell der katholischen Kirche gegenüber nicht geizt. Dass ich Brücken baue von hier nach dort und dass ich Brücken erkenne und begehe, die andere bauen oder gebaut haben von dort nach hier. Kiezpfarrer zu sein bedeutet für mich ein Privileg, auch noch nach sieben Jahren. Mit allen Bewohnern auf dem Kiez, gleich ihrer Herkunft, bin ich Bürger. Mit allen Getauften, gleich ihrer Konfession, bin ich Christ. Für alle Katholiken bin ich Pfarrer. Nie hat mein Lebensgefühl eine solche Heimat gefunden. Deshalb: Jedes »Grüß Gott, Herr Pfarrer!« oder »Padre, buona sera!« gereicht mir zur Ehre.


AutorIn: Karl Schultz, Kiezpfarrer


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