29. September bis 28. Oktober | Michaelizeit

»Es wird gesät in Schwachheit, auferweckt wird in Kraft« (1. Kor 15,43)

»Der ist chronisch gesund« – so hörte ich einmal jemanden über einen anderen Menschen sagen. Die Formulierung brachte mich zum Nachdenken. Normalerweise bringen wir »chronisch« in Verbindung mit »Krankheit«. Könnte es sein, dass »chronische Gesundheit« eine besondere Form von Krankheit ist?
Könnte es sein, dass es zu einem gesunden Menschen gehört, dass er auch krank werden kann? In der Medizin ist bekannt, dass es z.B. in besonderer Weise für bestimmte Erkrankungen disponiert, wenn ein Mensch nie Fieber bekommt. So könnte eine fiebrige Grippe – die wir gemeinhin für den Ausdruck einer Erkrankung halten würden – aufs Ganze gesehen eher ein Zeichen von Gesundheit sein.
Dennoch: wer richtig Fieber hat, fühlt sich nicht gut. Ist schwach. Möchte sich hinlegen. Hat ein verändertes Zeitempfinden. Möchte loslassen. Braucht die Hilfe anderer.
Alles, was schon verabredet und geplant war, kommt durcheinander. Der Terminkalender kommt ins Wanken, und wir sehen, dass unser Kranksein sofort auch andere betrifft, soziale Auswirkungen hat.
Mitten im durchorganisierten Alltag – der ja durch eine Fülle von Sachzwängen und Eingebundenheiten wie eine Betondecke hart und unbeweglich sein kann – bricht etwas auf. Das kann uns ärgern und verunsichern, wir haben den Eindruck, das Eigentliche zu versäumen, oder wir lösen den Blick von dem, was nun nicht sein kann, und erwachen für das Andere, Neue, das dadurch sein kann, dass wir aus allem Gewohnten und Erwarteten herausgerissen werden.
»Es wird gesät in Schwachheit«, sagt Paulus. Das klingt so, als wenn Schwachheit eine Vorbedingung für die Aufnahme der Saat wäre. Warum?
Vielleicht, weil das Erleben der eigenen Schwäche den festgetretenen Ackerboden der Seele aufbricht und öffnet, empfänglich macht? Den Hochmut vertreibt und die Illusion der Autonomie zerplatzen lässt? Weil wir unsere Hilfsbedürftigkeit vor Augen geführt bekommen?
Ein Mensch, der nie Schwäche gefühlt hat, könnte in der Empfindung leben: »Ich kann alles, ich habe alles im Griff, ich brauche niemandes Hilfe« – eine Seelenhaltung, die oft als Stärke ausgelegt wird und als erstrebenswert gilt, aber keine gute Voraussetzung zu sein scheint, um die Saat, von der Paulus spricht, zu empfangen.

Für gewöhnlich blicken wir auf die Schwäche bzw. Schwachheit als auf einen Zustand, der zu überwinden ist, einen Makel, der eigentlich nicht zu uns gehört.
Im religiösen Sinn geht es aber darum, zu erkennen, dass die Schwäche Teil unserer Existenz ist, notwendiger Begleiter unseres Schicksalsweges und in der Tat: Entwicklungshelfer.
Damit ist nicht gemeint, die kleinen und größeren Schwächen unseres Charakters als gottgegeben und unveränderbar hinzunehmen, jedes »Schwach-Werden« angesichts alltäglicher innerer oder äußerer Verlockungen als unabwendbar anzuschauen. Im Gegenteil. Doch die Arbeit an uns selbst, die Selbsterziehung im besten Sinne, verspricht gerade dann fruchtbar zu werden, wenn wir lernen, die eigenen Schwächen ehrlich in den Blick zu nehmen und schrittweise zu verwandeln. Wenn ich in der Illusion lebe, ich hätte keine Schwäche, wird es sehr schwer, sie zu verwandeln.
Einzelne Schwächen können wir mit der Zeit zu überwinden versuchen. Die Schwachheit an sich ist nicht so leicht zu überwinden. Sie ist Kennzeichen unserer Erdenexistenz, und es ist heilsam, sich dies zum Bewusstsein zu bringen.
Im Passionsgebet der Menschenweihehandlung erklingt das Wort von der versuchenden Macht unserer Schwäche. In der Opferung machen wir uns klar und bekennen, dass unsere Schwächen Bestandteil der Welt sind und über den persönlichen Umkreis hinaus eine Wirkung bis in die göttliche Welt hinein haben. Zu Pfingsten schließlich hören wir, wie die Wirksamkeit des Heiligen Geistes sich auch darin offenbart, dass er die Schwachheit der Seelen heilt, d.h. überwindet; nicht an uns vorbei, ohne unser Zutun, sondern mit uns und durch uns, die wir aufgerufen sind, den Geist zu ergreifen.
Alles dieses lässt deutlich werden: Die Schwachheit ist zunächst und in ferne Zukünfte hinein erst einmal konstitutionell. Sie kann aber im Laufe der Zeit und mit Hilfe dessen, der »in Kraft auferweckt« überwunden bzw. geheilt werden.
Dass wir innere und äußere Schwachheit erleben hat eben auch seinen guten Sinn. Es ist so, wie bei Licht und Finsternis. Ohne die Finsternis könnte sich das Licht in seinem Wesen und seiner Wirkung nicht offenbaren.
Durch die Schwäche kann sich das Tor bilden, der Punkt, an dem ich berührbar werde, wenn ich Hilfe empfange, und berühren darf, wenn ich helfen kann.
Durch das Erleben der eigenen Schwäche kann sich das Mitgefühl und Mitempfinden (Empathie) dem anderen gegenüber, der unter innerer oder äußerer Schwachheit oder Krankheit leidet, entwickeln.
Wer selber Einsamkeit und Angst erlebt hat, kann ganz anders zum Begleiter und Helfer dessen werden, der unter solchen Seelenqualen leidet, als jemand, dem jede Erfahrung in dieser Richtung abgeht. Das Erleben von Schwachheit und Ausgeliefertsein kann sich im Fortgang zu einer segensreichen Fähigkeit und Kraft umbilden. »Es wir gesät in Schwäche, auferweckt wird in Kraft«.
Der größtmöglichen Ohnmachts- und Schwäche-Erfahrung im Tod am Kreuz entringt der Christus Jesus in der Auferstehung die stärkste Kraft unvergänglichen Lebens. Und wie viel Gutes kommt in die Welt, indem Menschen Nächstenliebe und Mitleid üben, gegenüber denen, die ihrer bedürfen, weil sie schwach oder in Not sind. Und wie wird unser eigenes Leben bereichert dadurch, dass wir lernen, Hilfe und Zuwendung anzunehmen, wenn es uns schlecht geht, wenn wir Schwachheit erleben. Es entsteht ein Fließen der Lebenskräfte zwischen den Menschen, aus dem eine höhere Gemeinschaft entsteht, eine höhere Leiblichkeit, in die jeder Einzelne seine Kraft hineinströmen lassen kann und aus der er selbst Kraft empfängt, die ihn trägt und in seiner Entwicklung fördert.
So können wir Schwachheit und Schwäche als eine Ingredienz unseres Erdendaseins denken und erfahren. Sie gehören zu uns und können zu einem Entwicklungsferment werden, aus dem die eigentlich christliche Stärke und Kraft entstehen kann.
In den Worten des Apostels Paulus: »Am allerliebsten will ich mich also meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi sich auf mir niederlasse. Darum bejahe ich die Schwächen, die Beleidigungen, die Notlagen, die Verfolgungen und Drangsale, die ich um Christi willen erleide; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.« (2. Kor 12, 9-10).


AutorIn: Christward Kröner


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Ausgabe 10|2017


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