27. November bis 24. Dezember | Advent

Bewegungen des Glaubens

X. Heiliger und heilender Geist

Wenn ich mich zu etwas bekenne, vollziehe ich damit nicht nur etwas für mich und in mir selbst, sondern verbinde mich aktiv mit Inhalt und Wesen dessen, an den sich das Bekenntnis richtet. Als religiöser Akt ist das Glaubensbekenntnis demnach eine innere und sich äußernde Arbeit, die auf ein Wirksamwerden in der Welt zielt. Ein solches tätiges Bekennen stiftet eine Verbindung mit den göttlichen Wesen und ist zugleich ein Dienst, der in eine Mitarbeiterschaft des Menschen mit Gott münden will. Was an innerer Aufmerksamkeit und Hingabe, an Erkenntnis und Zuversicht, an Ergebenheit und Tatbereitschaft in der Seele des Bekennenden wächst, vereinigt sich mit dem göttlichen Walten in dem und für das Leben der Welt.

»Durch ihn kann der heilende Geist wirken.«

Der zehnte Satz des Glaubensbekenntnisses markiert mit seiner kraftvollen Fundamentalaussage den Beginn des dritten und letzten Credo-Teils, der dem Heiligen Geist zugewandt ist. Auch hier ist bei aller Kürze der Aussage eine eindrucksvolle Bewegung erkennbar, die das Wirksamwerden des Geistes an seine Verbundenheit mit Christus als dem Auferstandenen offenbart. Die dritte Art, in der Gott dem Menschen nahekommt, wird nicht einfach als Aufzählung an die beiden ersten angeschlossen. Was darin über den Heiligen Geist zum Ausdruck gebracht wird, findet sich an dieser Stelle des Bekenntnisses in Übereinstimmung mit dem Zeitgefüge des christlichen Entwicklungsweges, der von der Schöpfung zum Neuen Jerusalem führt. Durch die ungewöhnlich wirkende Wortwahl »der heilende Geist« wird deutlich, dass mit diesem Teil des Weges eine Umwendung des früheren Falls in die Sterblichkeit im Sinne einer Gesundung verbunden sein soll.

Die rätselhafte dritte »Person« Gottes

So stark die Bilder von Vater- und Sohn-Gott das religiöse Empfinden der Christen bestimmt haben und bestimmen, so sehr wird spürbar, dass sich ein solch eindeutiges Bild für den Geist-Gott nicht ergeben hat. Im Neuen Testament finden sich für ihn neben den Bildern der Taube und der Flammen Worte wie »Tröster« oder »Beistand« (griech.: parakletos). Seit dem Mittelalter wird in der christlichen Theologie darüber gestritten, wie der Geistgott in seinem Verhältnis zu Vater und Sohn zu verstehen sei: Geht er vom Vater und vom Sohn aus (gemäß dem filioque der westlichen Kirchen) oder vom Vater durch den Sohn (entsprechend der orthodoxen Theologie)? Der anglikanische Bischof John Vernon Taylor (1914 – 2001) fand einen der originellsten ­Namen für den Geistgott: 1972 veröffentlichte er sein entsprechendes Werk The Go-Between God. Ein solches Dazwischen-Gehen meint die Bewegung und Entwicklung, als die der Heilige Geist wirksam wird. Die geheimnisvolle, in der Vorstellung mancher Christen gar weibliche Seite Gottes erscheint einerseits weniger greifbar und andererseits gerade für diejenigen faszinierend zu sein, deren Sehnsucht sich auf die göttliche Verheißung der Vollendung richtet.

Heil als Zustand und Prozess

Das Heil zu verlieren bedeutet: aus einer umfassenden Ganzheit, aus der Gemeinschaft mit Gott, aus der gesunden Balance des Lebendigen herauszufallen und sich im Unheil einer getrennten, einseitigen, unvollkommenen und/oder kranken Existenz vorzufinden. Der Heilige Geist dagegen repräsentiert einerseits den Zustand des ursprünglichen göttlichen Heils, andererseits auch den Prozess, der auf die zukünftige Wiedergewinnung des Heils zielt. Im vierten Credosatz begegnete uns bereits das Wirken des »Heiligen Geistes«: Er bereitete aus dem Heil des Anfangs den Leib Jesu für die Vereinigung mit Christus. Am unheilen Leiblichen der Menschheit kann dadurch das Heil am Ende der Entwicklung erreicht werden. Nach dem Aufstieg des Auferstandenen in die Vatersphäre, der sich im Himmelfahrtsgeschehen zeigt, kommt es nun mit Pfingsten zu einer neuerlichen Berührung des Menschheitsweges mit dem »heilenden Geist«. Was spricht sich durch die beiden unterschiedlichen Namen des Geistgottes aus, die im vierten bzw. zehnten Satz des Glaubensbekenntnisses verwendet werden? Im zentralen Ereignis der Wende von Tod und Auferstehung wandeln sich auch die Bezüge der drei »Personen« des dreieinigen Gottes. Sie sind in ihrem »Heil-Sein« trotzdem andere geworden. Was sich im Laufe der Entwicklung in der Trinität verändert hat, würde mit sich bringen, dass sich auch für die Menschen das Heil des Anfangs vom Heil am Ende des Entwicklungsweges unterscheidet. Der Zustand anfänglichen Heils und der Prozess der schrittweisen Heiligung bzw. Heilung unterscheiden sich in ihrer Qualität und womöglich auch in ihrem Wesen.

Die »Sendung« des Geistes durch den Sohn

Zielte die Sendung des Sohnesgottes durch den Vater auf das einmalige historische Ereignis der Menschwerdung Gottes in der Menschheit, so liegt in der Sendung des Geistgottes durch den Sohn eine überzeitliche und vielfältige Wirkung des heilenden Gottes für Menschen und Gemeinschaften. Der trinitarische Hymnus, der mehrfach im Kommunionsteil der Menschenweihehandlung gebetet wird, nennt Christus denjenigen, der das Leben der Welt trägt und ordnet. Sein Verhältnis zum Vater und zum Geist wird durch die Worte vom Empfangen und Gesundmachen charakterisiert. Was wird damit ausgesagt? Auf dem Wege zur Gemeinschaft in und durch Christus wird uns der heilende Gott als Beistand verheißen. Im Pfingstgeschehen zeigt sich dies im Bild des Feuers: »Gleichzeitig sahen sie so etwas wie Flammenzungen, die sich verteilten und sich auf jeden Einzelnen von ihnen niederließen« (Apg 2,3). Die gemeinsame und gemeinschaftsbildende himmlische ­Quelle des Feuers wirkt in und mit der Vielfalt der Einzelnen im Sinne dessen, was Paulus in griechischer Sprache als koinonia, als Gemeinschaft durch Teilhabe bezeichnet hat.

Wo und wie wirkt der Geistgott?

Die Sündenkrankheit als der Zustand, in dem wir als Menschen nicht »heil« sind, wirkt sich für uns unter anderem auch darin aus, dass sich die Seele von der Welt getrennt fühlt. Was wir zum Beispiel wahrnehmen und denken, kann uns von daher als interne Verarbeitung dessen erscheinen, was uns als Welt »draußen« prinzipiell unerreichbar erscheint. Wir fühlen uns dann als bloße Zuschauer in einer Welt, die wir weder verstehen noch gestalten können. Auch die Ohnmacht, die wir angesichts der Weltereignisse erleben, die uns so erscheinen, als ob sie durch unser Tun nicht beeinflusst werden können, entspringt der Sündenkrankheit. Vom »heilenden Gott« spricht die sogenannte »trinitarische Epistel« der Menschenweihehandlung in Bildern des Leuchtens: Sein Licht kann in uns aufleuchten, unsere Wahrnehmung kann von diesem Licht erfüllt, unser Denken in sein »geistleuchtendes Leben« aufgenommen werden. Der Geistgott bewegt sich also im wahrsten Sinne des Wortes im »Dazwischen«, überwindet die unheilvollen Grenzen zwischen all dem, was uns getrennt erscheint: Geist und Materie, Ich und Du, Mensch und Gott. Er wirkt im Ungetrennten, aber nimmt das Getrennte darin auf. Aus der Perspektive der Menschen sieht es so aus, dass sein Wirken bereits gegenwärtig ist, aber von uns erfasst werden will, um auch in und mit uns zu wirken. So beginnt die Geist-Strophe der trinitarischen Epistel mit den Worten »Im Ergreifen des Geistes …«.


AutorIn: Ulrich Meier


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Ausgabe 10|2017


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