29. Oktober bis 02. Dezember | Herbst

Hoffnung - Melancholie und Zuversicht

»Jetzt wollen wir mal hoffen, was da wohl drin ist«, sagte ein kleiner Junge fast jedes Mal, wenn er etwas geschenkt bekam, bevor er das Päckchen auswickelte. Offen blieb für den Erwachsenen dabei, ob sich diese Stimmung freudiger Erwartung auf einen bestimmten, ersehnten Inhalt richtete oder auf die Tatsache der Überraschung selbst.
In ähnlicher Weise kommt oft das Schicksal auf den Menschen zu, fast immer als Geschenk, aber zunächst verhüllt und seinen Sinn verbergend. Erst wenn das »Auswickeln« beginnt, wenn sich ein Ergreifen des Gegebenen ereignet, wird erkennbar, was »drin« ist.
Schließt das Auswickeln die Hoffnung ein, so bin ich an dem, was da kommt, selbst schöpferisch beteiligt. Wer hingegen nur noch darauf wartet, dass die Lösung, das Erfüllende oder gar das Glück von außen kommt, ist leicht zu enttäuschen. Er kann sogar alsbald in Resignation oder sogar in Verbitterung versinken, denn sinnlos wird dann die im Warten so mühsam zu ertragende Zeit.

Hoffnung
Hoffnung ist eine große Kraft. Ihr Geheimnis besteht darin, dass sie nicht von außen gegeben werden kann, sondern zu jenen Tugenden gehört, die tief im Innersten selbst zu erzeugen sind. Ich bin für alles, was ich erhoffe, selbst verantwortlich. Mein gesamtes Daseinsgefühl verändert sich, wenn ich in einer bestimmten Situation noch etwas erhoffe, d.h. auch ermögliche oder nicht. Vielleicht wird diese Kraft im Menschen von Engeln wahrgenommen, denn die so erfüllte Seele bringt Schicksalsrohstoff hervor, den geistige Wesen brauchen. Diese Kraft ist eine sich selbst übersteigende Tat gegenüber der Zukunft. Sie erweitert das ganze Leben, auch oder gerade, wenn ihr Ziel oder konkreter Inhalt noch gar nicht genau benannt werden kann wie bei dem Kind mit dem Päckchen.
Wer von einer solchen Hoffnung mit besonderem Nachdruck gesprochen hat, ist Paulus: »Hoffnung auf etwas, das schon vor unserem Blicke liegt, ist keine echte Hoffnung. Wie kann einer seine Hoffnung auf etwas lenken, was schon vor seinem Blicke liegt? Haben wir also auf etwas zu hoffen, das erst zukünftig wird und wächst und sich erfüllt, so lasst uns seiner in Geduld warten«. (Röm 8,24)
Wer sich in Hoffnungslosigkeit befindet, ist wie ein Wesen ohne Flügelkraft; seine Schwingen sind gelähmt, hängen an ihm herab wie welk geworden und nehmen ihm die Spannkraft, sich aufzurichten. In einem berühmten Kupferstich hat Albrecht Dürer 1514 ein solches Wesen dargestellt. Es wird ein Erzengel sein, der manchmal sogar als Michael gedeutet worden ist. Das Haupt aufgestützt sitzt er zwischen geheimnisvollem Gerümpel und sinnt. Dürer nennt dieses Wesen »Melencolia I «.

Melancholie
Dem Wesen der Melancholie ist vieles zu verdanken. Sie bewirkt oft eine Vertiefung des Erlebens und erreicht dadurch Bereiche, die eine oberflächliche Genuss- oder Spaßwelt nicht kennt. Sie kann auch ein Weg zum Mitfühlen mit anderen sein, eine Verwandte der Traurigkeit, aber nicht der Depression. Es ist sogar die Frage, ob es nicht Depressionen befördern kann, wenn eine natürliche Traurigkeit unterdrückt wird, und eine »Unfähigkeit zu trauern« (Mitscherlich) an deren Stelle tritt.
Philosophisch ausgedrückt: der Mensch kann melancholisch werden, weil und wenn er wahrnimmt, dass er unvollständig, unfertig und fehlbar ist. Das gerade ist aber mit der menschlichen Existenz nicht nur verbunden, sondern ihr eigentlicher Sinn: ein Werdender zu sein, auf eine größere Zukunft bezogen und zu ihr unterwegs.
In früheren Zeiten waren die religiösen Grundkräfte oft noch so stark, das Vertrauen zu Gott so unvermindert, dass selbst in tiefster Verzweiflung der Glaube trug. Könnte es sein, dass in der Gegenwart sich manches umkehrt und dass – wie auf dem Bild von Dürer – heute die Engel auf die Überwindungskräfte des Menschen warten und auf diese angewiesen sind für den Fortgang der Weltgeschichte?

Zuversicht
Ein ähnliches Reich wie das der Hoffnung, das viele Menschen immer wieder bezeugt und in schweren Zeiten kennengelernt haben, ist dort gelegen, wo auf einmal und gänzlich unerwartet etwas klar wird: eine besondere Möglichkeit, ein unbeschreiblicher Augenblick im Schicksal.
Da ist ein Abgrund, unermesslich tief, eine absolute Ausweglosigkeit ohne jeglichen Mut. Doch plötzlich erscheint ein Schimmer wie die allererste Ahnung eines Lichtaufgangs. Ein Lichtfalter in der Dunkelheit zittert seiner ersten Bewegung entgegen. Allein schon diese Ahnung macht es möglich, auch in der schlimmsten Verlassenheit stehen zu bleiben, sich nicht fallen zu lassen und in der Aufrechte zu erleben: die Zuversicht. Sie ist inneres und äußeres Licht zugleich, in dem sofort das Vertrauen wieder da ist, den nächsten Schritt zu tun, zur Rettung.
So kann man diese beiden, die Melancholie und die Zuversicht, als Ministranten der Hoffnung erfahren und erleben. In ihnen kommen Engelwirken und Menschenkräfte in Berührung.
Damit sei noch einmal auf Dürers Bild geblickt: Wenn ein solch hohes Wesen wie dieser Erzengel melancholisch wird, muss das wohl mit den Menschen zusammenhängen, mit solchen, die ihm nicht genügend Hoffnung unter die Flügel geben, mit der er sich aufschwingen könnte. Engel erlauben sich keine Resignation, aber ein Stillhalten. Mit dem kleinsten Luftzug auch nur eines einzigen positiven Gedankens eines Menschen in einer verzweifelten Situation kann er wieder auf-leben.
Was für den Menschen wie eine Geburt des Lichtes aus einer seelischen Finsternis ist, mag für ein solches hohes Wesen geistiger Aufschwung sein. Ganz weit hinten, am Ende des Tunnels einer Ausweglosigkeit, beginnt es zu dämmern: Zuversicht leuchtet auf, wegweisend, richtunggebend.

Zukunft
Eines seiner berühmtesten Worte spricht Paulus am Ende seines ersten Briefes an die Korinther aus, wo er in apokalyptischer Weise vorausschaut auf das, was bleiben wird, wenn die vergängliche Welt vorüber ist: Glaube, Hoffnung, Liebe. Letztere wird dann die Größte unter ihnen sein.
Rudolf Steiner erkannte die Bedeutung dieser Worte und gab ihnen einen zusätzlichen Sinn. Er ordnete diese drei Kräfte dem dreigliedrigen Menschen zu und änderte dabei die Reihenfolge in Glaube (Seele), Liebe (Leben) und Hoffnung (Leib). Der physische Leib kann auch das Sterbliche am Menschen genannt werden, und gerade darin liegt die Auferstehungshoffnung. Sie liegt immer in dem, was stirbt. So nennt Steiner den physischen Leib in diesem Zusammenhang unseren »Hoffnungsleib«. Mit ihm sind wir auch insofern am tiefsten mit der Zukunft verbunden, als es bis zum Ende der Erdenzeit dauern wird, bis wir ihn in immer wiederholten weiteren Erdenleben ganz verwandelt, ganz durchgeistigt haben werden. So weit kann die Hoffnung reichen, auch sie »höret niemals auf.«


AutorIn: Mechtild Oltmann-Wendenburg


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Ausgabe 11|2017


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