29. Oktober bis 02. Dezember | Herbst

»Wenn meine Dunkelheit für irgendeine Seele Licht ist ...«

Die unbekannte Seite der Mutter Teresa

Als die junge Albanerin Agnes Gonxha Bojaxhiu (das ist der Geburtsname von Mutter Teresa) ihre Heimat verließ, hatte sie große Zuversicht, das Richtige zu tun. Sie wollte als Dienerin Jesu Christi in Bengalen als Missionarin arbeiten. Als Schwester des Loreto-Ordens (besser bekannt als Englische Fräulein) arbeitete sie als Direktorin der Mädchenschule innerhalb des Ordens. Immer mehr fielen ihr die Ärmsten der Armen auf, die sich rund um das Kloster aufhielten. Auf einer Zugfahrt nach Darjeeling geschah es dann, dass Schwester Teresa eine Vision, ein Christus-Erlebnis hatte, das lebensentscheidend für sie werden sollte. Es war eine Berufung innerhalb der Berufung, die sie bereits zum Loreto-Orden geführt hatte. In ihrem Inneren vernahm sie eine Stimme: »Meine eigene Kleine – Meine Kleine komm doch – trage mich in die Löcher der Armen – Komm sei mein Licht, ich kann nicht alleine gehen. Komm du – geh mitten unter sie – Trage mich mit dir zu ihnen« (2, S. 27). Teresa bat um Freistellung von ihrem Orden, um das Kloster verlassen zu dürfen und so diesem Ruf nachzukommen. Nach zähem Ringen und geduldigem Warten bekam sie schließlich die Erlaubnis. Am 18. August 1948 war es dann so weit. Sie begann ihre Arbeit in den Slums Kalkuttas, mit nichts ausgestattet als dem Vertrauen: »Gott geht mit mir, es ist sein Werk!«

Eine Frau allein in den Slums. Welch ein Wagnis, sich allein in die Siedlungen der Stadt zu wagen, in denen pure Armut, das Elend und Entsetzen zuhause waren. Sie kannte niemanden, und niemand kannte sie, und doch ging sie unbeirrt Tag für Tag zu den Armen, Kranken, den Einsamen und Leidenden. Bald sollte sich all das, was ihr da unter den Menschen begegnete, auch in ihrer eigenen Seele einstellen. Sie fand auf den Straßen Kalkuttas ein lebendiges Abbild ihres eigenen spirituellen Lebens. So schrieb sie: »... Heute – mein Gott – welche Einsamkeit. Ich frage mich, wie lange mein Herz dies noch leiden kann …« (1, S. 162). Doch Teresa arbeitete weiter, mit dem starken Willen, Leid zu lindern und Christus hinzutragen in die dunklen Löcher der Armen. Die Erfahrung, die sie dabei machte, war frappierend. Sie bemerkte, dass sie ihn gar nicht dorthin trägt, sondern, dass sie ihn dort in den Ärmsten der Armen findet. Sie fand ihn in diesen geplagten Menschen anwesend, so wie Christus selbst es ausgesprochen hatte: »Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan« (Mt 25,40). Für Mutter Teresa stand fest, dass sie in jedem Kranken, Verkrüppelten, Leprösen, ausgesetzten und weggeworfenen Menschen Christus sah. Sie kümmerte sich um die Wunden Christi, wenn sie die Striemen und Wunden der Menschen versorgte. Sie sagte einmal, wenn sie nicht wüsste, dass es der Leib Christi sei, könnte sie keine Macht auf der Welt dazu bewegen, einen von Würmern zerfressenen Körper anzufassen. So sei es aber ganz einfach. »Wenn wir Jesus in der Gestalt von Brot und Wein sehen können, dann können wir ihn auch in den geschundenen Leibern der Armen sehen.«

Die Arbeit Mutter Teresas wuchs. Nach zwei Monaten kam ihre erste Helferin dazu, ein bengalisches Mädchen, dann nach einem Jahr arbeiteten bereits 26 junge Frauen an ihrer Seite. Sie waren ihre ganze Freude. Mit welcher Hingabe und Überzeugung lehrte Mutter Teresa ihre jungen Schützlinge, wie sie ihr inneres Leben führen konnten, wie sie beten und meditieren sollten, um so immer heiliger und gottgefälliger zu werden. Keine von ihnen spürte jemals einen Zweifel. Wer Zweifel hatte, der wurde von Mutter Teresa getröstet. Wer konnte je ahnen, dass in der hart arbeitenden, immer Zuversicht ausstrahlenden Mutter Teresa ein innerer Kampf von nie gekanntem Ausmaß stattfand. Ihr war versagt, was sie ihren Mitschwestern so bereitwillig gab: geistige Ernährung und Trost. Während des Prozesses der Selig- und Heiligsprechung durch die katholische Kirche sammelte man alle erhaltenen Dokumente von Mutter Teresa. Ihre damaligen Seelsorger hatten manches von der Korrespondenz aufbewahrt. So wurden 2007 viele ihrer Briefe und Notizen veröffentlicht, die einerseits ihre Gottverbundenheit und die Motivation für ihre Arbeit wiedergeben. Andererseits aber finden wir in diesen Aufzeichnungen v.a. Hinweise auf ihr verzweifeltes Ringen mit Gott, mit sich selbst. Wir finden ihre Auseinander­setzung mit der unendlichen Dunkelheit in ihrer Seele, der Leere und der Sprachlosigkeit.

»Der Gedanke daran, dass ich all seiner Gaben an mich und an seine Kinder unwürdig bin, tritt immer stärker und deutlicher in mein Bewusstsein. In meinen Meditationen und Gebeten, die heutzutage so voll Ablenkung sind, wird einiges überdeutlich – meine Schwachheit – seine Größe. Von meiner Schwachheit fürchte ich alles – doch seiner Größe vertraue ich blind« (1, S. 167). Mit dem Erlebnis der eigenen Schwäche und Unwürdigkeit mag es begonnen haben, was sich dann im Laufe der Zeit immer mehr steigerte. So schrieb Mutter Teresa am 18.3.1953 an Erzbischof Perier: »Eure Excellenz, … bitte beten Sie für mich, dass ich sein Werk nicht verderbe und dass unser Herr selbst sich zeigt. Denn in mir ist eine solche Dunkelheit, als ob alles tot wäre. Dieser Zustand besteht mehr oder weniger seit dem Zeitpunkt, als ich mit dem Werk anfing ...«. Es sollte aber nicht nur bei der Dunkelheit in der Seele bleiben. Bald äußerte Mutter Teresa, dass sie keinen Trost und keine Hilfe mehr durch die geistliche Führung empfangen würde. »Beten Sie für mich, denn in meinem Inneren ist es eiskalt. Einzig dieser blinde Glaube trägt mich, denn in Wirklichkeit ist alles nur Dunkelheit.« Eiseskälte hatte sich in ihr ausgebreitet, während sie nach außen stets ein großes ­Feuer der Begeisterung leuchten ließ. Dieses Feuer war deutlich sichtbar und wurde in der ganzen Welt wahrgenommen. Die Bekanntheit Mutter Teresas wuchs, ihre Arbeit dehnte sich aus, von der Kälte und Dunkelheit wussten nur ihre Beichtväter.

Hinzu kam nach einiger Zeit auch das Gefühl des Getrenntseins von Gott. Sie nannte es: die Abwesenheit Gottes und das Gefühl einer furchtbaren Leere, die damit einherging. Dabei war ihre Sehnsucht nach Gott, nach seiner Nähe und Gegenwart so groß, dass sie von einer »Agonie der Trostlosigkeit« und dem »Martyrium der Sehnsucht« sprach. Es klingt paradox, aber je mehr die innere Leere und Trostlosigkeit zunahm, um so mehr strengte sich Mutter Teresa in ihrer täglichen Arbeit für die Armen an. Ihnen wandte sie sich liebevoll zu und verbreitete selbst Trost und Freude. Ihren Mitschwestern legte sie immer wieder ans Herz: »Jeder Mensch, zu dem ihr geht, der soll, wenn ihr wieder weggeht, ein bisschen froher, ein bisschen heiler ein bisschen besser geworden sein.« In einem weiteren Brief heißt es: »Ich möchte Jesus anlächeln und damit, wenn es möglich ist, meinen Schmerz und meine Dunkelheit vor ihm verbergen.« Damals hatte ihr innerer Schmerz noch nicht seinen Höhepunkt erreicht. Das geschieht erst, als sie ihren Zustand mit den Qualen der Hölle vergleicht. »Beten Sie für mich, beten Sie, dass ich den Mut aufbringe, auch weiterhin Jesus anzulächeln – ich begreife nun ein wenig die Qualen der Hölle – ohne Gott. Ich habe keine Worte dafür, um das auszudrücken, was ich eigentlich sagen möchte, und trotzdem bot ich (…) an, sogar die Ewigkeit in diesem furchtbaren Leiden zu verbringen, wenn er nur ein bisschen mehr Freude daran finden würde – oder es ihm die Liebe auch nur einer einzigen Seele bringen würde. Ich möchte sprechen, doch ich finde keine Worte, um die Abgründe meiner Dunkelheit mitzuteilen. Trotz allem bin ich seine Kleine – und ich liebe ihn – nicht nur für das, was Er gibt, sondern für das, was er nimmt« (1, S. 204).

Welche Kraftanstrengung muss es gekostet haben, diesem ständigen Leidensdruck standzuhalten, nicht einfach alles hinzuwerfen, weil die erlittene Qual das Maß des Erträglichen längst überschritten hatte. Mutter Teresa fand auch im Leiden noch einen Sinn. Sie fand sich in ihrem Leiden verbunden mit dem Leiden Christi, fühlte sich ihm darin nah, dem ihre größte Sehnsucht galt. So schrieb sie an Pater Picachy: »Sie müssen sehr viel für mich gebetet haben – ich habe im Leiden das wahre Glück gefunden, aber die Qual ist manchmal unerträglich – Sie wissen nicht, wie elend und was für ein Nichts ich bin.« Obwohl das Übermaß dieser stark belastenden Empfindungen sie oft zu erdrücken schien, fand Mutter Teresa hin und wieder Erleichterung im Gebet. Sie sprach dann davon, dass Liebe und Freude ihre Seele erfüllt hätten, dass in ihr der Sonnenschein der Dunkelheit leuchtete. Doch währte dieser Trost meist nicht lange: »Unser Herr meint, es sei besser für mich, im Tunnel zu sein – so ist er also wieder gegangen und hat mich allein gelassen.« Die tiefste Verzweiflung hat wahrscheinlich hervorgerufen, dass sie den Eindruck hatte, Gott würde sie nicht wollen, sie nicht lieben. In Bezug auf die Armen sagte Mutter Teresa: »Das größte Übel ist der Mangel an Liebe und Barmherzigkeit, die entsetzliche Gleichgültigkeit seinem Nächsten gegenüber, der am Straßenrand lebt und von Ausbeutung, Verfall, Armut und Krankheit bedroht ist« (1, S. 273). Was Menschen über sie dachten, das kümmerte sie nicht, aber wie stark musste das Gefühl des Nicht-Gewollt-Seins des Nicht-Geliebt-Seins im Bezug auf Gott für sie sein. Peter Schellenbaum, ein katholischer Theologe spricht in seinem Buch: »Die Wunde der Ungeliebten« davon, dass Ungeliebtsein eine menschheitliche Wunde ist. »Dieses nicht Geliebt-Sein, dieses von allen Getrennt-Sein, ist die Hölle« (aus dem Vorwort).

Wie konnte dieses Gefühl entstehen? Eine Psychologin äußerte in einem Interview, dass das Verhältnis Mutter Teresas zu Jesus Christus so gewesen wäre, dass kein Blatt Papier mehr dazwischen passte. Ihr letzter Beichtvater, der Jesuitenpater Neuner, antwortete ihr einmal, dass Christus ihr so nah sei, dass sie ihn weder sehen noch hören könne, noch seine Gegenwart bemerken. Vielleicht trifft das die Sache. Vielleicht war die Nähe Jesu Christi für Mutter Teresa wirklich so groß, dass ihr das Gegenüber fehlte. Sie war es gewohnt, vor dem Kruzifix, vor dem Tabernakel zu beten, also die Gegenwart Christi außerhalb von sich selbst zu suchen. Obwohl sie aus voller Überzeugung das Paulus-Wort bekennen konnte: »Nicht ich lebe, sondern Christus lebt in mir« (Gal 2,20), konnte sie doch nicht durchbrechen zum Erleben der Wirksamkeit und Anwesenheit Christi in ihrem eigenen Wesen. Die Spekulationen darüber, wie Mutter Teresa so tatkräftig, so charismatisch in der Welt wirken konnte, ohne jemals ihre »dunkle Seite« nach außen zu zeigen, gibt viele Rätsel auf. Tatsache ist, dass sie mit unglaublicher Durchhaltekraft und unendlicher Treue ihren schweren Dienst versehen hat. Ein junger Reporter sah zu, wie sie die brandigen und von Würmern befallenen Wunden eines Mannes säuberte. Er erschauderte und sagte: »Das würde ich nicht für eine Million Dollar tun.« Darauf antwortete Mutter Teresa: »Ich auch nicht!« Sie tat es für Gott.


AutorIn: Sabine Layer


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Ausgabe 11|2017


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