29. Oktober bis 02. Dezember | Herbst

Martin Luther

»Die Glocken klingen, klingen viel anders denn sonst,
wenn einer einen Toten weiß, den er lieb hat.«
Colloquia oder christliche nützliche Tischreden Doctoris Martini Lutheri (1566)

Nicht nur die Glocken klingen anders, wenn einer einen Toten weiß, auch die Blumen duften anders, der Wind flüstert anders, das Wellenrauschen beginnt zu sprechen, ja, das Licht selbst verwandelt sich und scheint auf geheimnisvolle Art ganz neu und wirklicher zu leuchten. Alle Sinne scheinen wie erlöst: Vom reinen Konstatieren von Dingen beginnen sie, Botschaften von Wesen aufzunehmen und ahnend zu begreifen. So beginnt, als wäre es ganz selbstverständlich, das Gespräch, der Austausch mit jener Welt, in die der Tote gegangen ist, über das Sinnendwerden der Sinne.
Auch das Wort, das wir sprechen, das gemeine Wort lernt von den Glocken, mag nicht mehr nur Klang sein, nur Schelle, sondern übt sich darin, dem Toten und seiner Wesensart gerecht zu werden, zögernd hier, verstummend da, tastend dort.
Es ist, als lernte, wer einen Toten weiß, das Leben erst wirklich zu ergreifen – für ihn und mit ihm und der Zeit bewusst, die kommt, wenn unsere bemessene Erdenzeit einmal zu Ende geht.
Aber auch das Klingen selbst lernen die ­Menschen im Wissen um einen Toten von den Glocken. Sie lassen nicht mehr so forsch ihren eigenen Ton erschallen, ihre eigene Art, verkünden nicht so selbstgewiss ihr eigenes Ziel. Was jetzt aufklingt, sucht Zusammenklang, will Klang ergänzen, tragen, verstärken, erhöhen.
Wie überraschend wunderbar ist es, wenn allmählich spürbar wird, dass solches Klingen nicht ein schmerzvolles Bewahren eines früher Erklungenen, nun leider Verklungenen ist, sondern das Erwachen und Erwecken von neuen Klängen, neuen Glockentönen, überraschend frisch, überraschend lebendig, überraschend ­gewiss.
Und wieder ist es, als lernten wir im Mit-den-Glocken-Klingen das Leben erst wirklich zu ergreifen, weil wir die Toten um uns wissen, so mit-lebendig, so mit-klingend, so mit-gestaltend und aller bisherigen Vorstellung von Totsein spottend. Ja, das ist Leben.


AutorIn: Georg Dreißig


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Ausgabe 11|2017


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