27. November bis 24. Dezember | Advent

Martin Luther

»Der Christus-Glaube (…) ist ein Hinweggenommenwerden (raptus) und Entrücktwerden (translatio) von allem, das innen und außen fühlbar ist,
auf das hin, was weder innen noch außen fühlbar ist, eben auf Gott, den Unsichtbaren, gar hohen, unbegreiflichen.«
Martin Luther: Weimarer Ausgabe, Band 57, Seite 144, Zeile 10

Für mich ist Martin Luther ein Zeuge für die Vielschichtigkeit und die Vieldeutigkeit des Glaubensbegriffes, die im Christentum möglich werden. Glaube ist für ihn offenbar mehr als das Vertrauen in die Wahrheit von Offenbarungen. Mit dem Wort »Vertrauen« ist aber bereits auf jene Kraft gewiesen, die den glaubenden Menschen zu Gott in Beziehung bringt. Glaube ist auch mehr als eine Empfindung, die wir gegenüber »der Schrift« aufbringen, um ihre Inhalte aufzunehmen. Das Gefühl jedoch, »im Glauben zu sein«, lässt die Bilder und Worte des Evangeliums, die wir in uns tragen, zur Nahrung für die Seele werden.

In dem oben angeführten Zitat, mit dem wir die Reihe der Luther-Würdigungen im Refor­mationsgedenkjahr 2017 beschließen, rückt Luther den Glauben an Christus in eine Sphäre, die jenseits allen persönlichen Meinens und Fürwahrhaltens auf eine konkrete mystische Erfahrung deutet. An der Schwelle zur Neuzeit hat er darin vor 500 Jahren von einer religiösen Wirklichkeit gesprochen, die imstande ist, jeden Versuch der Trennung von Glauben und Wissen zu überwinden. Glaube, so verstehe ich Luther hier, kann als eine innere Kraft erlebt werden, die in der menschlichen Seele eine Verbindung von Gott her zum Menschen schafft. In ihm liegt eine Bewegung, die uns zu Gott entrückt. Luther spricht an anderer Stelle auch von einem »Hineingerissensein (raptus) des Geistes in die klare Erkenntnis des Glaubens«.

Für unsere Zeit wird die Frage nach vorgegebenen Glaubensinhalten, die als Voraussetzung für das Christsein gelten sollen, von der anderen Frage abgelöst: Finde ich einen Zugang zu religiösen Erfahrungen, mit denen ich mich so verbinden kann, dass ich sie zu einem Teil ­meines eigenen Lebens machen möchte?


AutorIn: Ulrich Meier


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Ausgabe 12|2017


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