Die Gründung der Christengemeinschaft in Rumänien

Nach der Wende 1989/90 begannen die ­Keime der anthroposophischen Gedanken und die Sehnsucht nach Freiheit zu sprießen und zu wachsen – in einer Gesellschaft, die von Armut, Unterdrückung, politischer Gewalt und Korruption geprägt und durch die Ceaușescu-Diktatur in wirtschaftlicher Rückständigkeit und Entbehrung gehalten wurde. Heute quält sich wie in anderen Großstädten der Welt der Autoverkehr vom Flughafen zur Innenstadt von Bukarest zunächst durch den Industrie- und Anlagengürtel am Außenrand der Stadt. Plattenbauten der Nachkriegszeit säumen die Straßen, bevor die wunderschönen, ehemals mondänen Gründerzeit- und Jugendstilbauten südosteuropäisch-habsburgischer Provenienz das Stadtbild übernehmen. Einige von ihnen wurden prächtig renoviert, einige tragen das Logo von Großfirmen, doch insgesamt blicken v.a. graue, renovierungsbedürftige Fassaden auf den Verkehr hinab. Alles wirkt bescheidener, dürftiger als im Westen Europas. Die Hotels sind einfacher, manchmal karger, ebenso das allgemeine Warenangebot, die Preise sind nur wenig niedriger als bei uns. Das Land scheint noch nicht in der EU angekommen, kämpft noch mit dem alten balkanischen Erbe.
Und doch hat sich so viel getan, ökonomisch und mental. Der erzieherische Impuls der Waldorfpädagogik ist aufgegriffen worden. Waldorfschulen und -kindergärten wurden gegründet, die anthroposophische Bewegung hat Fuß gefasst, und die spirituellen Impulse der Christengemeinschaft haben Wurzeln geschlagen. Und das alles unter schwierigen Bedingungen wirtschaftlicher Nöte, staatlicher Gängelung und erschwerenden Alltagsbedingungen.
Das alles geschah mit der Hilfe aus Frankreich und Deutschland durch die Besuche von Priestern, Waldorflehrern, Eurythmisten und Sympathisanten, die sich von dem Land, seiner Kultur, seinen Menschen angezogen fühlten. Und es war die Regelmäßigkeit, mit der Seminare, Sommercamps und Menschenweihehandlungen abgehalten wurden, die die Bewegungen gedeihen ließen. Zuerst einmal im Jahr, mehrere Tage im Sommer in französischer Sprache, dann zwei-, dreimal im Jahr in deutscher Sprache wurde die Menschenweihehandlung zelebriert, seit 1999 in Bukarest und in Cluj, seit 2003 auch in der Landessprache, was durch die gemeinsame mühevolle Übersetzungsarbeit von Einheimischen und deutschen Priestern wie Michael Debus ermöglicht wurde. Die Geschichten von den Aktivitäten der Pionierpriester aus Frankreich und Deutschland und ihren einheimischen Unterstützern wie dem Klausenburger (Cluj) Musiker Victor Dan, die die Bewegung gedeihen ließen, sind abendfüllend. Dass im Sommer 2016 der Beschluss gefasst wurde, im Oktober 2017 die Christengemeinschaft in Rumänien zu gründen, verdankt sich auch dem glücklichen Entschluss zweier Priesterinnen, in Rumänien zu wirken. Seit etwa 4 Jahren lebt und arbeitet Monica Culda (vormals Priesterin in Ulm und Wien) in Cluj, seit ca. einem Jahr wirkt Armgard Hasselmann (vormals Priesterin in Bonn), in Bukarest; – sie musste für ihre Aufgabe erst das Rumänische lernen.
Dieser neue Anfang fand nun vom 6. – 8. Oktober 2017 in einem wunderschönen holzgetäfelten Raum mit schlichtem Altar in der »Casa Rudolf Steiner« und den Räumen der angrenzenden Eurythmieschule in Bukarest statt. Die großen Säle konnten kaum Raum für die vielen Menschen bieten, die zu den Vorträgen, Musik- und Eurythmiedarbietungen und der Menschenweihehandlung strömten. Wären nicht die Trägerinnen von kunstvoll geklöppelten und gestickten (Folklore-)Blusen gewesen, man hätte sich auch in einer hiesigen Waldorfveranstaltung oder einem anthroposophischen Kongress wähnen können: der gleiche Gestus in vielen Gesichtern, ähnliche Kleidung, die geduldige Freundlichkeit. Beeindruckend war die Anwesenheit der vielen Priester, Lenker und der vielen vielen ausländischen Besucher, die dabei sein wollten bei der Hochzeitsfeier der Christengemeinschaft mit dem Land Rumänien – wie es die Lenkerin für die Region, Marie-Pierrette Robert, ausdrückte. Dass es an den Gründungstagen permanent regnete, wurde gemäß einer rumänischen Bauernregel als glückliches Vorzeichen bei Hochzeiten gedeutet.
Die Vorträge, u.a. von Monica Culda, Michael Debus, Leonida Pop und Marie-Pierrette Robert, zeichneten eindrucksvoll den mühevollen Weg bis zur Gründung nach und deuteten die spirituellen Aufgaben für die auf dem inneren Weg vom Wir zu IHM Befindlichen: »Dem Christus ein Diener sein im Zeitalter des Michael«, wie es die Lenkerin Marie Pierre Robert formulierte. Auffallend für die Gäste war der Eindruck, den die rumänischen Beiträge vermittelten: die tiefe Verwurzelung in der rumänischen spirituellen Tradition und der Volkskultur mit ihren melancholischen Prägungen, die sie mit dem Wissen um das Werdende in unserem Zeitalter zu verbinden wussten. Der Vortrag des Erzoberlenkers Vicke von Behr wies auf die Bedeutung der Gründung für die veränderte Situation der Engel in unserem Zeitalter hin: Die selbstverantwortliche und bewusste Freiheit der Menschen erfahren sie als heilig und die Versammlung vor dem Altar oder das Erleben des Ich im Anderen als Gottesdienst und Jubel. So biete die Feier der Menschenweihehandlung nicht nur die Möglichkeit der Kommunikation zwischen den Menschen und den Hierarchien, sondern auch die der Hierarchien untereinander. Sie gibt der Gemeinde die Kraft, nicht den ahrimanischen Mächten zu verfallen.
Diese Deutung erfuhr eine Abrundung ganz anderer Art durch die zweieinhalbstündigen beeindruckenden Grußworte der angereisten teilnehmenden Paten der Gründung: Aus 17 Ländern überbrachten teils Gruppen teils Einzelgratulanten ihre sehr individuell gestalteten Glück- und Segenswünsche. Zum Teil waren es die herzerwärmenden Grüße der die Priesterinnen entsendenden Gemeinden, zum Teil die solidarische Freude der osteuropäischen Gemeinden (Russland, Ukraine, Ungarn, Georgien, Polen, Litauen, Tschechien und Slowakei, die sich gerade in der Gründungsphase befinden oder sie hinter sich haben) oder die Solidarität der etablierten Gemeinden aus Deutschland, Italien, der Schweiz, Frankreich, Holland, Österreich und England, die den jungen rumänischen Gemeinden und ihren Priesterinnen Geschenke, Mut und Unterstützungswillen mitbrachten. Und alle hoffen, dass die Adressaten von diesen Zeichen der Solidarität noch lange zehren können.


AutorIn: Ingetraud Rüsen


« zurück