Zorn - Die provozierte Seele

Es gibt sie immer wieder, die Glücksmomente in meinem Leben, auf die ich keinen direkten Einfluss habe (oder doch?). Zwei dieser Momente haben mit diesem Beitrag zu tun: Meine Begegnung mit Tom Tritschel 1984/85 in Bad Saarow bei den Bausoldaten. Wir nahmen uns das Recht, die streng verbotenen Westsender ausdrücklich zu hören bzw. zu schauen (in der Sprache der Nazis hieß das »Rundfunkverbrechen«). Just in dieser Zeit liefen in der ARD, im ZDF und im Dritten Programm viele neue deutsche Filme – auch der von Werner Herzog: »Aguirre, der Zorn Gottes« mit Klaus Kinski in der Hauptrolle. Durch Tritschel habe ich überhaupt erst Zugang zur Kunst des Films bekommen. Und durch meine Begegnung mit Ulrich Meier. Er hat mich angestiftet, ab und zu etwas für die wunderbare Zeitschrift Die Christengemeinschaft zu schreiben. An einem Sommerabend legte er mir die Themen für 2018 vor. Ich zögerte nicht lange und entschied mich für den Zorn.

Liebe Leserin, lieber Leser, können Sie sich spontan erinnern, wann Sie zuletzt einmal richtig zornig gewesen sind, so zornig und wütend, dass es nicht zu übersehen und zu überhören war? Ich vermute, dass viele Menschen sich nicht erinnern wollen, denn den Zorn hat man uns gründlich verboten oder gar ausgetrieben – dieses intensive Gefühl gegen jemand anderen, diesen lauten Aufschrei einer provozierten Seele, dieses Rumoren und Grollen im ganzen Körper. Zorn ist immer eine Reaktion, es gibt in der Regel immer einen Auslöser, immer bringt der Zorn mich ganz direkt mit jemand anderem oder mit einem Sachverhalt in Beziehung und Kontakt. Aber noch einmal: Zivilisierte Menschen zeigen keinen Zorn, zumal ja auch im Laufe der Zeit die Bezeichnung »blinder Zorn« entstanden ist. Wer Weitsicht und Übersicht behält und wer sich im Griff hat, der verspürt keinen Zorn – im Laufe seines Lebens immer weniger. Schade, denn Zorn ist intensiv – für alle, für den Zürnenden und für den betroffenen Auslöser! Zorn packt alle zutiefst und lässt die Betroffenen nicht ungeschoren. Zornig machen kann nur ein Mensch, den wir mögen, den wir lieben oder der uns viel bedeutet. »Heißen Zorn« löst niemand in mir aus, der mich kalt lässt.

»Zorn, damit das Nichtige auch nichtig bleibe, und Mut, damit das, was sein soll, auch sein wird« schreibt Dorothee Sölle in: »Den Rhythmus des Lebens spüren«. Mut und Zorn sind gewissermaßen Geschwister. Damit meine ich nicht den Mut, sich Straßenrennen zu liefern oder eine gefährliche Steilwand ohne Absicherung zu erklimmen. Wenn Erwachsene sich eines solchen Mutes rühmen, wirken sie eher lächerlich, denn dieser inhaltslose Mut wird zur Lust an Selbstgefährdung oder gar Selbstzerstörung, wie wir es am Beispiel des Russischen Roulettes sehen. Nein, wer in diesem Sinne etwas riskiert, ist nicht schon mutig. Wohl aber zum Beispiel die Geschwister Scholl, die in der Nazizeit den Mut hatten, ihrem Gewissen zu folgen, und dafür die Todesstrafe auf sich nahmen. Sie liebten den Frieden und das Recht, und sie wussten, dass jener Krieg nichts anderes als ein Völkermorden war. Wer mutig ist, hat also eine Idee von einer Sache und er liebt etwas. Mut setzt Sympathie voraus, die Liebe zu einer Sache, einer Idee oder zu einem Menschen. Wenn man mutig ist, setzt man ja etwas aufs Spiel. Mutig ist man in Situationen der Gefahr, und der Mut bringt einen in Gefahr. Der Mut verliert also seinen Boden, wo ein Mensch oder eine Gesellschaft apathisch wird, also die Fähigkeit verliert, etwas zu lieben oder an etwas zu leiden. Wo man die Sprache der Stummen nicht mehr vermisst, das Brot der Armen und das Recht der Gequälten, da wird man auch nicht den Mut aufbringen, daran zu arbeiten, »damit das, was sein soll, auch sein wird«.

Warum plädiert Dorothee Sölle für den Zorn? »Damit das Nichtige auch nichtig bleibe«! Zorn macht sensibel – und diese Sensibilität öffnet die Augen. Wer ohne Vermutung nach Afrika fährt, kann wundervolle Landschaften sehen, betörende Sonnenaufgänge erleben, aber er ist nicht in der Lage, einen Armen zu sehen. Er sieht nicht, wo das Recht verletzt wird. Es gibt eine unerlässliche Voreingenommenheit, die die Augen öffnet. Wenn ich nicht voreingenommen bin von dem Wunsch nach Gerechtigkeit, wenn ich nicht voreingenommen bin für das Leiden der Gequälten, dann nehme ich es nicht einmal wahr. Voreingenommenheit ist die Bildung des Herzens. Das gebildete Herz aber ist nicht neutral. Es fährt auf, wenn es die Wahrheit verraten sieht. Es schreit auf und schweigt nicht in ausgewogener Neutralität. Das nenne ich Zorn – die provozierte Seele. Und dieser Zorn ist eine der Charismen des Herzens.

Das erste gemeinsame Projekt des Duos Werner Herzog und Klaus Kinski ist ein rauschhafter Abenteuerfilm, dessen Produktionsgeschichte so gefahrvoll und wüst wie die Geschichte selbst war. Mit Waffengewalt zwangen sich Regisseur und Hauptdarsteller zu Höchstleistungen. Die Story des Films ist kurz erzählt: Eine Gruppe spanischer Eroberer sucht im Amazonasgebiet nach dem sagenhaften Goldland »El Dorado«. Unterführer Lope de Aguirre wird mit einem Trupp zur Erkundung und Nahrungssuche ausgesandt. Doch Aguirre verfolgt ganz andere Ziele. Er zettelt einen Aufstand an, erklärt größenwahnsinnig den spanischen König Philipp II. für abgesetzt und nennt sich selbst den »Zorn Gottes«. Zusammen mit seinen Gefolgsleuten treibt er auf einem Floß den Amazonas hinunter und fällt dem Wahnsinn anheim. Klaus Kinski brilliert als pathologische Führerfigur. Dieser Film zeigt die raue Seite des Zorns, den Kampf mit den Urgewalten der Natur, zuweilen auch mit der Natur des Menschen, es ist ein Kampf auf Leben und Tod.
Ganz anders erzählt der Prophet Jesaja vom Zorn Gottes: »Ich danke dir, Herr. Du hast mir gezürnt, doch dein Zorn hat sich gewendet ...« (Jes 12,1). Wir sollen nicht meinen, dass die Redewendung vom Zorn Gottes im Widerspruch stehe zu unserem Glauben an die Barmherzigkeit und Liebe Gottes. Sein Zorn ist ja eine Form seiner Liebe. Wären wir ihm gleichgültig, hätte er kein Herz für uns; und sähe er uns nicht an, dann würde er uns laufen lassen auf unserem verkehrten Weg, und es würde ihn nicht bewegen, dass wir in unser Verderben rennen. Aber weil Gott liebend und auch sorgend auf uns schaut, darum erzürnt es ihn, wenn wir uns seinem Willen widersetzen. Sein Zorn ist die Kehrseite seiner unausdenklichen Liebe.
Danken wir also Gott für seinen und für unseren Zorn und bitten um Mut zur rechten Zeit am rechten Ort.


AutorIn: Karl Schultz, Kiezpfarrer in Hamburg


« zurück

Ausgabe 02|2018


Weitere Artikel:

Wege in die Menschenweihehandlung
Ulrich Meier

»Ich rege mich mit großem Vergnügen auf!«
Miriam Röger im Gespräch mit Tom Tritschel