Wege in die Menschenweihehandlung

II. Gott mit uns – Gott in mir

Religiöse Rituale verbinden menschliches Sprechen mit symbolhaften Handlungen. Augustinus hat dies in Bezug auf die Taufe so formuliert: »Nimm fort das Wort, was ist das Wasser dann als eben Wasser? Das Wort tritt zum Element hinzu und es wird Sakrament.« Lateinisch: Accedit verbum ad elementum et fit sacramentum (Iohannis evangelium tractatus, 80, 3). Die katholische Kirche kennt daher auch die Einteilung der Eucharistiefeier in zwei Teile: Sie unterscheidet den Wortgottesdienst mit dem Zentrum der Evanglienlesung von der Opferhandlung mit den drei Elementen Offertorium, Transsubstantia­tion und Kommunion.
Die Anschauung, dass sich das Geschehen des Abendmahlgottesdienstes in vier großen Schritten entfaltet, fußt auf Elementen der antiken Mysterien. Rudolf Steiner nennt diese in einem Vortrag 1913: »In Berührung kommen mit dem Erlebnis des Todes«, »Durchgang durch die elementarische Welt«, »Schauen der Sonne um Mitternacht« und »Begegnung mit den oberen und unteren Göttern«.1 Diese vier Schritte finden sich bereits in Der goldene Esel von Apuleius: »Ich ging bis zur Grenzscheide zwischen Leben und Tod. Ich betrat Proserpinens Schwelle, und nachdem ich durch alle Elemente gefahren, kehrte ich wiederum zurück. Zur Zeit der tiefsten Mitternacht sah ich die Sonne in ihrem hellsten Lichte leuchten; ich schaute die unteren und oberen Götter von Angesicht zu Angesicht und betete sie in der Nähe an« (11. Buch).
In der Gebetsfolge der Menschenweihehandlung beginnt jeder der vier Hauptteile mit einer von der dreifachen Bekreuzung begleiteten Anrufung der Trinität und endet mit einem Segensgruß, der von der Gemeinde erwidert wird. Zusätzlich wird in drei weiteren Augenblicken das Gebetsgeschehen von diesen beiden Elementen eingerahmt: Zuerst erscheinen sie nach dem Eröffnungssatz unmittelbar hintereinander, weiter jeweils zu Beginn und am Ende der liturgischen Gebete, die mit dem christlichen Festkreis wechseln, den sogenannten Episteln. Diese wiederum rahmen die vier Teile der Menschenweihehandlung ein. Dieser Siebenheit von Vollzügen ist die nachfolgende Betrachtung gewidmet.

Göttlich-menschliche Dialoge
Als Einstimmung und ausleitende Bekräftigung können die beiden liturgischen Elemente erlebt werden, in denen die Verbindung der feiernden Gemeinde mit ihrem Gott gesucht und bestätigt wird. Liturgiegeschichtlich sind es sehr alte Formen, die im Blick auf den Unterschied zwischen der Tridentinischen Messe der römischen Kirche und der Menschenweihehandlung einen starken Wandel aufweisen. Wurde im vorigen Beitrag über das Schuldbekenntnis2 deutlich, dass gegenüber der Tradition eine starke Zusammenziehung zu verzeichnen ist, so geht es dieses Mal um eine feine, aber deutliche Variation.
»Dominus vobiscum«, »Der Herr sei mit euch!«, so grüßt seit alter Zeit der Priester die anwesende christliche Gemeinde und erhebt dabei die Arme zum Segen. Der Ministrant erwidert für die Gemeinde: »Et cum spiritu tuo«, »Und mit deinem Geiste!«. Dass Jesus Christus, der Herr, unser Begleiter sein möge – dies ist eine Gebetsbitte, die auf die Anwesenheit, den Beistand, den Schutz und die Hilfe Gottes zielt. Mit diesem kurzen Wechselgesang schließt sich ein Kreis, der Priester und Gemeinde in ihrem gottesdienstlichen Handeln umfängt. Was sich in der Feierstunde ereignet, soll in Gemeinsamkeit mit Gott geschehen. Christus wird herbeigerufen, um dem Geist des Priesters wie auch der Gemeinde der Gläubigen nahe zu sein. Wir kommen als Menschen zusammen, um Gott zu dienen. Aber wir bekräftigen immer wieder, dass der Gottesdienst der göttlichen Gegenwart bedarf, um seinem Namen voll zu entsprechen.

Vom »mit« zum »in«
In der Menschenweihehandlung erklingt an dieser Stelle »Christus in euch«, und das kurze Gebet des Ministranten lautet »Und Deinen Geist erfülle Er.« Dies mag zunächst als eine wenig ausgeprägte Variation erscheinen, aber mit dem Wechsel der Präposition ist eine Dimension berührt, die unser gesamtes Verhältnis zu Gott betrifft. Wenn sich die göttliche Wirksamkeit nicht nur mit, sondern in uns erweist, wird damit unmittelbar der Raum mystischer Erfahrung berührt. Solange unser Gottesbild einseitig von der Vorstellung eines von außen kommenden, letztlich in einem mehr oder weniger unerreichbaren Jenseits beheimateten Gottes bestimmt ist, wird sich das Verständnis des dialogischen Verhältnisses zwischen Mensch und Gott mehr an den Unterschieden und weniger an den Gemeinsamkeiten orientieren. Vor allem in der Frage der Willensbeziehung kann sich daraus ein entfremdetes Gottesverhältnis ergeben, das die göttliche Kraft als Außenbestimmung und nicht als Stärkung und Hilfe erlebt. Der Gott, der im Innern gesucht und erlebt wird, dessen Wirksamkeit als Erfüllung erfahren werden kann, lässt uns in herzlicher Verbundenheit auf die Aufgaben blicken, die wir mit seiner Hilfe in der Welt leisten wollen. Wir dürfen uns dabei als Nachfolger der Apostel angesprochen fühlen, die nicht mehr »Knechte«, sondern »Freunde« genannt werden (Joh 15,15).

Das Wirken der Trinität im Menschen
Wenden wir uns nun von dem Segensgruß, der die jeweilige Gebetssequenz abrundet, zum Auftakt der sieben liturgischen Bewegungen. Hier steht ebenfalls ein sehr alter Brauch: Die Gemeinde besinnt sich im Zeichen des Kreuzes, das jeder Einzelne mit der Hand vor sich aufrichtet, auf das Wirken »im Namen Gottes«. Dass wir das Wort in seiner Intensität steigern, wenn wir es zum Namen machen, lässt sich schon aus dem alltäglichen Umgang mit Namen herleiten. Wer meinen Namen nennt, berührt mich an der Stelle, die von innen her als »Ich« empfunden wird. Gibt es eine stärkere Verbundenheit, als sich »im Namen Gottes« zusammenzutun? Wenn in der Tridentinischen Messe gebetet wird »In nomine Patris et Filii, et Spiritum Sancti«, also »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes«, dann schließt diese sogenannte »Trinitarische Formel« an die Schlussverse des Matthäusevangeliums an, die in der theologischen Tradition »Tauf­befehl« genannt werden: »Jesus trat auf sie zu und sagte: Mir ist alle Macht im Himmel und auf der Erde gegeben. Darum geht zu allen Völkern und macht die Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Und seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage, bis zum Ende der Welt« (Mt 28,18–20). Aus dieser Bevollmächtigung, in Gottes Namen sakramental zu handeln, leitet sich die liturgische Praxis aller christlicher Gemeinschaften her.

Dass dies aber nicht im Sinne einer Beauftragung von außen geschieht, sondern als konkrete mystische Tatsache in der Welt wirksam wird, kann in der Variation erlebt werden, die die ­Trinitarische Formel in der Menschenweihehandlung erfährt. Hier ist von der Existenz, vom schöpferischen Wirken und vom Licht Gottes die Rede, die »in uns« gegenwärtig werden mögen. Wie umfassend und zugleich differenziert göttliches Handeln in Menschenhandeln einfließen kann, wird mit jedem neuen Schritt in die nächste Gebetsfolge ausgesagt: In der Tiefe unseres Seins erbitten wir das Da-Sein des Vatergottes. Das Schaffen des Logoswesens Christi soll nicht nur an uns, sondern auch in und durch uns geschehen. Wie unmittelbar uns das Licht des Heiligen Geistes erfüllen kann, wird in den Worten »... erleuchte uns ...« hörbar. Objekt und Subjekt verschmelzen darin zu einer Einheit. Es rundet das Wirken der Trinität ab, wie es in den Worten Jesu vorhergesagt ist: »Der Helfer, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, wird euch alles ­Weitere lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe« (Joh 14,26).


AutorIn: Ulrich Meier


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Ausgabe 02|2018


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