Die Freudenbringer

Freude ist wie ein Strom: Sie fließt ohne Unterlass. Das ist nach meinem Glauben die Botschaft, die der Clown uns zu bringen vermag, dass wir teilhaben sollen am unaufhörlichen Fluss, der endlosen Bewegtheit, dass wir nicht anhalten sollen, um nachzudenken, zu vergleichen, zu zergliedern, zu besitzen, sondern fließen immerfort, ohne Ende wie Musik. Das ist der Gewinn im Verzicht, und der Clown schafft das Sinnbild dafür. An uns ist es, das Symbol in Wirklichkeit zu verwandeln … Der Circus öffnet eine winzige Lücke in der Arena der Vergessenheit. Für eine kurze Spanne dürfen wir uns verlieren, uns auflösen in Wunder und Seligkeit, vom Geheimnis verwandelt.«
Aus dieser Stimmung heraus und inspiriert durch die Circus- und Clownsbilder von Miro, Chagall, Seurat und Léger hat Henry Miller seine wunderbare Geschichte »Das Lächeln am Fuße der Leiter« geschrieben.1 Sein Clown August weiß, dass er die Menschen zum Lachen bringen kann, auch zum Weinen, aber er wünschte vielmehr, den Menschen »das Geschenk einer unablässigen, stetig sich neu erweckenden, neu sich speisenden Freude zu geben«. Wenn er mit seiner Nummer am Fuße einer Leiter, die er an den Mond gelehnt hatte, in Ekstase geriet, erntete er frenetischen Applaus. Jeden Abend aber hat er die Hoffnung, das rohe sinnlose Lachen würde endlich der unermesslichen Freude weichen, die er ersehnte, doch es gelingt ihm nicht, im Gegenteil, das Gelächter verwandelte sich eines Tages in Heulen und Pfeifen, weil August dreißig Minuten lang aus seinem ekstatischen Lächeln zur Trauer der Welt nicht erwachte.
Er flieht aus der Welt, will seinen Beruf nicht weiter ausüben und sucht auf seinen ziellosen Wanderungen sich selbst zu finden. Über den Schluss der Geschichte, in der August von einem Wachmann niedergeschlagen wird und angesichts der schmalen Mondsichel am Abendhimmel mit einem Lächeln verstirbt, sagt Henry Miller: »Ich wünschte mir, dass mein Held August vergehen möge, wie ein Licht sich von uns fortbewegt. Aber nicht in den Tod! Sein Abgang sollte wie ein Licht den Weg erhellen. Ich sah ihn nicht als Ende, vielmehr als Beginn. Wenn August sich selber findet, beginnt das Leben – und nicht nur für August, sondern für die ganze Menschheit.«
Vor vielen Jahren habe ich im Circus Krone einen Clown gesehen, der mich tief berührt hat, vielleicht, weil er unmerklich Augusts Wunsch erfüllte, den Menschen Freude zu bringen. Er war so anmutig, so schön. »Pierino, der zauberhafte Clown«, wie er angepriesen wurde, trug ein zartbuntes Kostüm mit einem wehenden Mantel aus rosa-lila Blütenfarben und einen roten Spitzhut mit Glitzersternen. Und seine Reprisen zwischen den großen Sensationen waren so einfach. Er spielte mit den Dingen, allein in der Sprache der Töne, mit Akrobatik und Jonglierkünsten. Er schuf Stimmungen mit seinen Farben, seinen Posaunen, Trompeten, Flöten, Geigen und seiner Ziehharmonika. Mit scheuem Lächeln bereitete er seine Spiele vor, um dann selbst in Staunen zu versinken über das Wunder, das sich vollzog. Das Diabolo umtanzte ihn wie ein Schmetterling, die kleinen Glockenkugeln ergaben eine Melodie, als er mit ihnen jonglierte. Er spielte mit einer bunten Raupe, die in Wirklichkeit eine Ziehharmonika war, um ihr schließlich ein fröhliches, erlösendes Musikstück zu entlocken. Aus einer großen roten Glitzerkugel stieg eine schneeweiße Gans, die mit ausgebreiteten Flügeln neben ihm durch die Manege eilte, sich zu seinem Flötenspiel tanzend drehte, um dann wieder bereitwillig in die Glitzerkugel zu steigen. Als Pierino nach Schluss der Vorstellung mit seiner Drehorgel am Ausgang die Zuschauer verabschiedete, zogen die Menschen mit seligen Gesichtern an ihm vorbei.
Ich habe ihn später anlässlich eines Solo-Bühnenprogramms während der Winterpause des Circus wiedergesehen und dann um ein Gespräch gebeten. Da erzählte er, dass er eigentlich Lehrer gewesen war, wobei es ihm besonderen Spaß machte, mit den Kindern Theater und Circus zu spielen. »Und dann war ich auf einmal ein Clown!« Er empfand wohl den Kontrast zwischen dem grellbunten, sensationellen und lauten Circusprogramm und seiner eigenen stillen Arbeit. »Als es dann ein großer Erfolg wurde, war ich sehr erstaunt. Ich kann gar nichts dafür, es war gar nicht geplant. Gestern war der Koch von dem Hotel, wo ich gerade wohne, in der Vorstellung, und heute hat er zu mir gesagt: ›Das war so schön gestern, ich war ganz glücklich!‹ Und so etwas freut mich dann. Das ist es, was ich will. Mehr kann man doch gar nicht erreichen, als die Menschen glücklich zu machen! Die kleinen Dinge, die ins Herz treffen, die sind mir wichtig. Im Mittelpunkt steht das Spielen. Man muss ganz selbstverloren im Spiel sein wie die Kinder. Wenn es mir gelingt, die Freude am Spiel zu zeigen, wenn die ganz da ist, dann treffe ich die Leute. Dann möchte ich dem Raum geben, was ich in ihnen bewirke. So finde ich es schön, wenn jemand zu mir sagt: ›Pierino, das Diabolo war für mich ein Schmetterling!‹«
Im Frühjahr ging Pierino mit dem Circus wieder auf Reisen und »Krone« kam nach Stuttgart. Da begann dann unsere Freundschaft. Dieser Clown hat mich auf den Weg gebracht, mich mit dem Geheimnis der Clownsgestalt zu beschäftigen.2 In den sechzehn Jahren, die Pierino bei Krone war, bin ich oft und oft im Circus gewesen, wenn er nur in erreichbarer Nähe war. Morgens in der Circusstadt, wo die Circusleute ihre Tiere versorgen, ihre Wäsche aufhängen, während neben ihnen die Kinder spielen, ihre Requisiten reparieren, trainieren oder in der Manege die Pferde bewegen – und dann war ich oft in beiden Vorstellungen, nachmittags und abends. Ich habe die Disziplin, mit der diese Menschen leben und arbeiten, bewundert, die, die im Hintergrund alles organisieren, und die, die jeden Tag zweimal auftreten, immer mit der gleichen Frische und Freude, auch wenn sie vielleicht einmal unglücklich oder gar krank sind. Und zwischen den großen Sensationen Pierino, im Laufe der Jahre mit immer wieder neuen Kostümen und neuen Nummern.
Es gab bei Krone natürlich auch noch andere Clowns: das klassische Paar, den wunderbaren Weißclown mit seinem schneeweiß geschminkten Gesicht, das keinerlei Regung verrät, den hochmütigen dicken schwarzen Augenbrauen, dem knallrot geschminkten Mund und den roten Ohren, dem herrlichen Glitzerkostüm – und den kindlich dummen August mit der dicken roten Nase, der von dem Weißclown immer verscheucht und an allem gehindert wird, was er tun möchte, der nie aufgibt, immer noch ein neues Instrument aus der Tasche zieht, selbst auf dem Reststück einer Klarinette noch spielt, bis er endlich im Scheinwerferlicht sein erlösendes Trompetensolo spielt, seinen Sieg hat. Da war ich wieder berührt. Da war es wieder, was der Clown uns zu sagen hat, und was unaussprechlich ist.
So ging es mir auch mit dem berühmten Oleg Popov. Unverkennbar in seinem Clownsgewand mit der gelben Strubbelperücke und der karierten Mütze, auf der eine Margerite steckte. Popov mit dem verschmitzten Zwinkern aus den blauen Augen, seinem lieben Lächeln unter der roten Nase. In einer seiner schönsten Nummern kommt er mit einem Deckelkorb in die Manege, setzt sich in den Lichtkreis eines Sonnenstrahls, legt ein kariertes Tuch über seine Beine und packt aus dem Korb sein Vesper aus. Dann wandert der Sonnenstrahl weiter, er steht auf, folgt ihm, setzt sich von neuem, und so geht das eine ganze Weile lang. Plötzlich bleibt der Sonnenstrahl stehen, Popov schleicht sich heran, sammelt das Licht, das immer kleiner wird, in seinen Händen, steckt es in seinen Korb und watschelt dann befriedigt aus der Manege, am Arm den von innen leuchtenden Korb. Eine stille Freude erfüllte jedes Mal die Zuschauer. Als im Herbst 2016 überall »Horrorclowns« die Menschen in Angst und Schrecken versetzten, ist Oleg Popov im Alter von 86 Jahren während einer Tournee plötzlich verstorben. Mit einem Schlag waren die Horrorclowns verschwunden. Das war sehr seltsam. Berührt es wieder das Geheimnis der Clownsgestalt?
Anschaulich und eine tiefe Wahrheit enthüllend wird dies in der italienischen Legende vom »Clown Gottes«. Sie handelt von einem kleinen Jungen namens Giovanni, der »in Lumpen gekleidet war«. Er konnte aber etwas Besonderes, er konnte jonglieren. Das verhalf ihm auch dazu, dass er eines Tages von einer fahrenden Gauklertruppe mitgenommen wurde. Er bekam ein Kostüm, bemalte sein Gesicht, breitete einen roten Teppich aus, öffnete seinen bunten Sack und jonglierte mit Stöcken und Keulen und Ringen. Am schönsten aber war es, wenn er seine bunten Bälle in die Luft warf, bis es so aussah, als jongliere er mit dem Regenbogen. »Und jetzt die Sonne an den Himmel!«, rief er dann, und während er weiter jonglierte, nahm er noch einen goldglänzenden Ball und warf ihn höher und höher, und das Publikum jubelte ihm zu. Er wurde berühmt und verließ die Schausteller und jonglierte vor Prinzen und Herzögen. Und immer zauberte er zum Schluss »die Sonne an den Himmel«. Mit Bettelmönchen, denen er unterwegs begegnete, teilte er sein Brot. Sie dankten ihm im Namen des Bruders Franziskus, »der alles liebe zur Mehrung und Glorie des Herrn«. Als Giovanni bescheiden äußert, dass er ja eigentlich die Leute nur fröhlich machen wolle, wird er freundlich belehrt: »Das ist dasselbe. Wenn du die Menschen glücklich machst, trägst du bei zur Glorie unseres Herrn.«
Mit der Zeit aber wurde der Clown alt und eines Tages ließ er »die Sonne an den Himmel« fallen, und der Regenbogen aus bunten Bällen stürzte herunter, und die Zuschauer begannen zu lachen. Aber diesmal lachten sie nicht aus Freude, sondern sie bewarfen ihn mit Gemüse und Steinen, so dass er um sein Leben bangen musste. An einem Bach wusch er sich seine Clownsmaske ab, packte seine Stöcke und Teller ein und die Ringe und die bunten Kugeln, steckte sein Kostüm ein und hörte auf zu jonglieren. Für immer. Seine Kleider bestanden bald nur noch aus Lumpen, und er musste betteln und unter Brücken schlafen.
Eines Tages kommt er auf seiner Wanderschaft in ein Dorf, wo die Menschen gerade in einer langen Prozession in die Kirche ziehen, um »dem heiligen Kindlein« auf dem Schoß der Mutter Gottes Geschenke zu bringen, weil »heute sein Geburtstag ist«. Als alle Leute gegangen sind, ist Giovanni allein in der Kirche, voller Betrübnis, dass er kein Geschenk für das Kind hat, das ernst auf ihn herab blickt.
Doch dann fällt ihm ein, dass er früher die Leute zum Lachen brachte. Er öffnet seinen Sack, holt sein Kostüm heraus, malt sich die Clownsmaske, breitet seinen Teppich aus und beginnt zu jonglieren. Bruder Portier, der gerade die Kirche schließen will, sieht Giovanni jonglieren und rennt davon, um den Priester zu holen.
Aber Giovanni merkte davon nichts, er wirbelte die bunten Bälle höher und höher, bis sie wie ein Regenbogen aussahen. »Und jetzt die Sonne an den Himmel«, rief er. Der goldene Ball drehte sich höher und höher, schneller und schneller. Giovanni hatte noch nie so gut jongliert. Die Farben tanzten durch die Luft. Es war ein prächtiges Bild. Giovannis Herz pochte. »Für dich, liebes Kind«, rief er, »für dich!«
Plötzlich hört sein Herz zu schlagen auf und Giovanni sinkt tot zu Boden. Der Priester und der Bruder Portier kommen herbeigeeilt, der Priester beugt sich über den alten Mann und sagt: »Ach, der alte Clown ist tot!«
Aber Bruder Portier wich zurück und starrte mit offenem Mund auf das Bild der Frau mit dem Kind. »Seht nur«, rief er, und deutete mit der Hand darauf, »Seht!«
Das Kind lächelte und in seiner Hand hielt es den goldenen Ball.


AutorIn: Roswitha von dem Borne


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Ausgabe 4|2018


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