Nikodemos – Sieger über das Volk

Es begann mit einer simplen Frage im Evangelienkreis: »Hat man eben mal 100 Pfund Myrrhe und Aloe zu Hause?« – immerhin entspricht das nach heutigen Maßstäben etwa 32 kg. Es schien der Runde eher unwahrscheinlich, dass man diese Menge an »Spezereien« bei sich zu Hause aufbewahrt. Es sei denn, man wüsste im Vorfeld, was sich ereignen wird – sowohl im Vorfeld der Hinrichtung als auch in Bezug auf das Geheimnis, das sich nach der Grablegung Jesu Christi ereignen will.
Die genannte Frage öffnete weitere Fragen an die rein äußerlich angeschaute Kreuzabnahme und Grablegung (Johannes 19). Der Tod ereignete sich zur neunten Stunde – also nach heutiger Tageszeit um 15:00 Uhr. Gegen 18:00 Uhr ging in Palästina in der Osterzeit die Sonne unter. Drei Stunden Zeit für diese Aufgabe. Was sind die logistischen Probleme, die bewerkstelligt werden mussten:

1. Erbitten des Leichnams Jesu
Da Pilatus vermutlich in seinem Palast war, musste der Weg vom Kreuz zum etwa 800 m entfernten Palast gegangen werden. Nach Markus wunderte sich Pilatus darüber, dass Jesus schon verstorben war und fragte seinen ­Hauptmann. Dieser war entweder schon anwesend, dann konnte er aber nicht mehr die Hinrichtung vor Ort beaufsichtigen, oder er war noch auf dem Hügel Golgotha bei seinen Soldaten unter den Kreuzen. Das bedeutet ­jedoch, dass für die Freigabe des Leichnams wiederum Zeit verstrich. Hinzu kam die Tatsache, dass man für diese Bitte um den Leichnam bei Pilatus »Beziehungen« haben musste, denn nicht jeder, schon gar nicht ein Jude, konnte einfach beim Statthalter Roms vorsprechen.

2. Abnehmen des Leichnams vom Kreuz
Das Abnehmen des Leichnams vom Kreuz, mit einer gewissen Würde, brauchte Kraft und Zeit.

3. Einbalsamieren des Leichnams
Den Leichnam in Leinen zu wickeln und mit den Harzen einzubalsamieren, brauchte ebenfalls Zeit. Sollten die Harze erst noch besorgt werden müssen, war die Zeit erheblich länger und die Ausführung sicher nicht in der zur Verfügung stehenden Zeit machbar.

4. Tragen des Leichnams zum Grab »in der Nähe«
Auch die Grablegung und das Verschließen des Grabes war zu leisten.

5. Vorbereitung auf den Sabbat
Nikodemus und Josef von Arimathäa waren hohe Repräsentanten im jüdischen Volk. Es ging auf den höchsten Sabbat im Jahr zu. Beide hatten sie »Umgang« mit einem Leichnam, der blutig war. Nach den jüdischen Sabbatgeboten brauchte es, um den Sabbat nicht zu entheiligen, umfangreiche Reinigungsriten, was ebenfalls Zeit braucht.

Man merkt an dieser rein äußerlichen Abfolge der Handlungen, dass diese zeitlich nur möglich sind, wenn sie logistisch sehr gut vorbereitet werden, wenn man die entsprechenden Beziehungen spielen lassen kann und wenn man zusätzlich Untergebene hat, die einen bei dieser Arbeit unterstützen. In dieser Handlungsabfolge bleibt kein Raum für Zufälligkeit, sondern die Akteure müssen genau wissen, was geschieht und was vonnöten ist, damit die Rahmenbedingungen stimmen, um am Ende die Auferstehung zu ermöglichen! Das bedeutet jedoch, dass neben der ganzen äußeren Logistik auch eine tiefe innere Beziehung zu den geistigen Realitäten bei den Handelnden vorhanden sein muss. Kreuzabnahme und Grablegung waren von langer Hand geplant, weil »man« stets wusste, was auf dem Spiel stand. Woher kam dieses Wissen?

Zur Zeitenwende war eines der wesentlichen spirituellen Systeme im Mittelmeerraum der Mithraskult. Seinen geistigen Ursprung vermutet man in den Religionen Persiens, die auch Zoroastrismus genannt werden.1 Im Mithras der Zeitenwende kannte und pflegte man sieben Einweihungsgrade, die der Forschung auch heute noch namentlich bekannt sind: Jeder Grad hat eine besondere spirituelle Aufgabe oder auch Fähigkeit im Mithraskult und wurde bezeichnet als: Rabe, Bräutigam, Soldat, Löwe, Perser, Sonnenläufer und Vater. Man könnte die sieben Grade auch mit sieben unterschiedlichen Bewusstseinstiefen im Mithras bezeichnen. Der Perser, also der fünfte Weihegrad, trägt den Namen (s)eines Volkes. Rudolf Steiner hat in seinen Vorträgen über das Johannesevangelium darauf hingewiesen, dass hier ein Schlüssel über die sonst völlig unverständlich bleibende Begegnung mit Nathanael zu finden sei (Joh 1,43ff).
Christus grüßt Nathanael mit »Siehe, ein wahrer Israelit ...«. Nathanael hatte sich zuvor abfällig gegenüber Philippus über diesen Nazarener geäußert: »Was soll Gutes kommen aus Nazareth?« Nachdem dieser ihm jetzt gegenübertritt und sagt »Noch ehe dich Philippus rief, sah ich dich unter dem Feigenbaum sitzen«, ruft Nathanael aus: »Meister, du bist ein Sohn Gottes, der König in Israel« (Joh 1,43ff).
Rudolf Steiner führt aus, dass der Ausruf: »Siehe ein wahrer Israelit« als Bezeichnung im Sinne des Mithras zu deuten ist. Ein Israelit ist Träger eines führenden geistigen Bewusstseins vom Volk, dessen Namen er trägt. Deswegen heißt der fünfte Grad im Mithras »Der Perser« und entsprechend in Israel »Der Israelit«. »Noch ehe dich Philippus rief, sah ich dich unter dem Feigenbaum sitzen«, bedeutet zudem, dass hier im Symbol des »Sitzens unter dem Feigenbaum« die Meditationspraxis anerkannt wird. Buddha erfuhr seine Erleuchtung »sitzend unter dem Bodhibaum«, der Pappelfeige. Nathanael fühlt sich durch den erkannt, der ihn anspricht und weiß, dass hier ein höherer Eingeweihter vor ihm steht, also mindestens ein Eingeweihter im Rang eines jener Sonnenläufer, die auch als »Söhne Gottes« bezeichnet werden.

Nikodemos wird im Evangelium als derjenige bezeichnet, »der bei Nacht kommt«. Zu der Zeit, zu der man sonst schläft, hat er Bewusstsein und kann in diesem dem Christus begegnen (Joh 3). Nikodemos ist Mitglied im Hohen Rat der Juden und Pharisäer. Es ist äußerst merkwürdig, dass ein Jude dieses Ranges einen griechischen ­Namen trägt und nicht einen jüdischen. ­Nikodemos als Wort setzt sich zusammen aus Nike = Siegesgöttin und Demos = Volk. Ein Sieger im – oder besser – über das Volk. Das kann man natürlich äußerlich deuten als jemanden, der als Feldherr »Völker besiegt«, oder aber es deutet auf einen inneren Rang. Jemand, der das Volk besiegt hat, wäre jemand, der nicht mehr allein ein Bewusstsein eines Volkes in sich trägt, sondern im Sinne des Mithras ein Sonnenläufer ist. Das Sonnenläufer-Bewusstsein bleibt im Irdischen nicht an einem Volk oder einer Region haften, sondern überschaut wie die ziehende Sonne das Ganze der Erde. Sollte dieser Gedankengang schlüssig sein, hätte ein Sonnenläufer mit seinem Wesen eine innere Beziehung zu dem Wesen, welches die Sonne im Kosmos repräsentiert: dem Christus als dem Sonnen­läufer bzw. dem Sohn Gottes.
Dieser Gedankengang würde verständlich machen, warum Nikodemos 100 Pfund beitragen kann. Er stand die ganze Zeit im Nachtbereich in inniger Beziehung zu dem Geschehen, welches sich in Palästina zutrug. Als Eingeweihter im Rang des Sonnenläufers hatte er ein Bewusstsein, welches Wagnis Christus einging, indem er als Mensch den Tod erfuhr. Damit der Tod leiblich überwunden werden kann, müssen Bedingungen erfüllt sein, die für das ganze Geschehen von ungeheurer Bedeutung sind. Der Leib des als Mensch gestorbenen Christus musste noch vor Sonnenuntergang »sachgemäß« bestattet werden, damit das Unmögliche überhaupt eine Chance hat.

Nikodemos gilt als Autor des gleichnamigen apokryphen Evangeliums. In diesem erfahren wir sehr detailliert, was Christus zwischen Tod und Auferstehung in den Karsamstagsmysterien geistig durchlebt: die Höllenfahrt. Mit der Annahme, dass Nikodemos im Rang eines Sonnenläufers steht, erscheint die Fähigkeit jetzt schlüssig, in den Nahbereich des Todes zu schauen und Christus zu begleiten. Er ist derjenige, der im Nachtbereich mit dem Christus in Verbindung steht. Die Nacht und mit ihm der Schlaf ist der kleine Bruder des Todes. Einer, der bei Nacht kommt, ist einer, der im Geistigen das Reich der Toten wahrnehmen kann. Damit würde sich zeigen, dass wir neben dem Jüngerkreis in spiritueller Hinsicht Persönlichkeiten aus den Mysterien der damaligen Zeit finden, die als Ministranten das Geschehen von Tod und Auferstehung ermöglichen.
Der Mithras umfasst die oben beschriebenen sieben Weihegrade. Es liegt nahe, neben dem fünften und sechsten Weihegrad auch die übrigen im Johannesevangelium zu vermuten. Dies ist tatsächlich ohne Schwierigkeiten möglich und soll in einem weiteren Artikel beschrieben werden.


AutorIn: Hans-Bernd Neumann


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Ausgabe 4|2018


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