Ohne Macht

Immer, wenn ich früher einen Unfallwagen hörte, war ich erschrocken, hielt ein wenig inne bei allem, was ich gerade tat, und versuchte mein Mitgefühl mit demjenigen zu verbinden, der da gerade in Not geraten war. Bis ich diese Empfindung und meine Reaktion darauf einmal mit einem Freund besprach, der selbst gerade erlebt hatte, wie es ist, wenn man in eine solche Notsituation gerät. Er erzählte mir, dass er wohl noch nie zuvor in seinem Leben mit einer so riesigen Erleichterung, Dankbarkeit und einem tiefen Aufatmen wahrgenommen hätte, wie sich da die schrillen Töne der Sirene näherten: Hilfe ist unterwegs! Und weiter: Ich kann meine Angst loslassen, ich darf die Verantwortung für mich selbst anderen übergeben. Seither höre ich das »Martinshorn« mit einem anderen Sinn.
Unter den manchmal ganz plötzlich eintretenden Verlusten, die der Mensch erleiden kann, findet sich auch der Verlust des eigenen Bewusstseins, der zu einer Ohnmacht führt. Es ist ein Zustand, von dem nur die Dämmerungsmomente erlebt werden, das allmähliche Hineingleiten in die Bewusstlosigkeit und das Wieder-Auftauchen daraus. Dazwischen ist ein Nichts: ohne Wachheit, ohne »Macht«. Verbunden mit diesem Zustand ist das Unvermögen, sich aufrecht halten zu können. Schlafen ist wohl im Stehen manchmal möglich, Ohnmacht aber nicht.
Viel schwerer noch als der Verlust des Bewusstseins, der eine körperliche Reaktion mit auslöst, kann das seelische Erleben wiegen, sich ohnmächtig zu jeglichem Handeln zu finden. Eine der bittersten Feststellungen überhaupt ist wohl diejenige, die sich in den Worten ausdrückt: Da kann man nichts mehr tun. Eine schiere Kapitulation, eine grenzenlose Resig­nation. Doch eigentlich stimmt das so nicht, denn Gedanken sind immer möglich auch bei vollkommener innerer und äußerer Lähmung. Gerade dann erweist sich ihre Wirksamkeit und die Wahrheit, dass auch Denken schon ein Handeln ist. So z.B. in den Worten »Ich will«. Oder noch tiefer reichend und oft am Ende aller Dinge: »Ich bin«.
Welche geistige Realität mit einer solchen Erfahrung verbunden sein kann, lässt uns die Antwort ahnen, die Rudolf Steiner einmal auf die Frage »Wie finde ich den Christus?« gegeben hat: durch die Ohnmacht. Damit könnte dieser Augenblick zwischen dem Nichts und dem »Ich bin« gemeint sein.

Was geschieht zwischen dem Nichts und dem »Ich bin«?
Von Anfang an wurde gegenüber dem Christentum der Einwand erhoben, den es auch heute noch gibt: Wie kann einer auf der Erde als Gott erscheinen, als Gottes Sohn angenommen werden, der in vollkommener Ohnmacht am Kreuz sterben muss? Das hatte auch Paulus nicht erwartet und zunächst gründlich und mit sehr ernsten Folgen missverstanden, bis er einer der tiefsten Versteher der Ohnmacht wurde. Da sprach er es aus, was deren größtes Geheimnis ist: Nicht ich, sondern Christus in mir.
Paulus war der Apostel, der sich selbst als Frühgeburt bezeichnete. Das kann man nicht nur wörtlich, sondern auch so verstehen, dass er seiner Zeit weit voraus war und manches, was in unserer Gegenwart erst reif wird, schon gesehen und erfahren hat.
Dazu gehört es auch, die Einsamkeit zu erleiden und zu durchleben, in welcher nichts und niemand ist, stützt oder trägt. Momente, in denen es keine Hilfe gibt.
Solche Momente aber eröffnen einen neuen Blick auf Kreuz und Passion. Einen Blick, der aus »trauernder Erwartung« besteht und erkennt: Erst, wenn ich selbst den Weg der Ohnmacht kennen lerne, finde ich heraus, wohin er führt, finde ich den Sinn des Ganzen, finde ich mich selbst und finde ich – als Möglichkeit – Christus.
Der all-mächtige Gott hat diese Potenz geopfert, die Allmacht geteilt mit anderen Mächten in der Welt, nur eines hat er für sich behalten, das Eine, das die Ohnmacht einschließt: die bedingungslose Liebe zu den Menschen. – Das ist die Gebärde von Golgatha.
Es ist auch der Weg, der in der Menschheit heute von vielen gegangen wird. Der Weg durch das Leid hindurch und durch das Nichts, außerhalb von Religion und auch zuweilen innerhalb – in »metaphysischer Obdachlosigkeit«, wie es die Philosophen nennen.
Da aber beginnt es durchlässig zu werden, ein neu aufgehendes Licht ist aus der Zukunft unterwegs in unsere Zeit. Diesem Licht gegenüber beginnt erst langsam ein Erwachen wie in einer Dämmerung: Ich bin aufrecht, ich vergehe nicht, Ich bin.


AutorIn: Mechtild Oltmann-Wendenburg


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Ausgabe 3|2018


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