Kampf im Innern

In der Falle
Jeder kennt Situationen, in denen er nicht mehr weiter weiß. Franz Kafka hat eine solche Situation in einer Parabel über eine verzweifelte Maus beschrieben: »Ach«, sagt die Maus, »die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.« – »Du musst nur die Laufrichtung ändern« sagte die Katze und fraß sie.
Ohnmacht und Ausweglosigkeit kennzeichnen die Lage, in die die Maus geraten ist. Natürlich überlegt jeder in einem solchen Fall, ob es nicht einen Ausweg gibt. Könnte es mit List und Tücke gelingen zu entkommen? Gibt es jemanden, den ich zu Hilfe rufen kann? Wäre Gewalt ein Ausweg, die Vernichtung des Gegners, selbst wenn er zunächst viel stärker erscheint? Der Knabe David hat ja schließlich auch den viel stärkeren Riesen Goliath besiegt.

Michael Kohlhaas – das Geschäft der Rache
Der tragische Held Michael Kohlhaas in Kleists gleichnamiger Novelle hat sich für den Weg der Gewalt entschieden. »An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des 16. Jahrhunderts, ein Rosshändler namens Michael Kohlhaas, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit.« Diesem Michael Kohlhaas widerfährt schreiendes Unrecht. Der Junker Wenzel von Tronka hat willkürlich auf seinem Territorium einen Schlagbaum errichtet und verlangt von Kohlhaas, der auf dem Weg zum Pferdemarkt nach Dresden ist, widerrechtlich Wegezoll, und als Kohlhaas nicht bezahlen will, zwei seiner Rappen als Pfand. Als schließlich geklärt ist, dass kein Wegezoll bezahlt werden muss und Kohlhaas zur Burg zurückkehrt, um seine Pferde abzuholen, findet er sie in erbärmlich abgemagertem und wertlosem Zustand vor. Sein Knecht, den er auf der Burg zurückgelassen hatte, damit er die Pferde pflege, wurde misshandelt und verjagt. Im Versuch, sein Recht zu bekommen, durchläuft Kohlhaas eine beispiellose Folge von krassen Demütigungen, juristischen Niederlagen und obrigkeitlichen Willkürakten. Und schließlich kommt seine geliebte Frau bei dem Versuch, eine Petition zu überreichen, zu Tode. Nach all dem wird Kohlhaas zum Terroristen. Er widmet sich dem »Geschäft der Rache« und schreckt vor keiner Gewalttat zurück. Er überfällt die Burg des verbrecherischen Junkers und tötet alle Bewohner, den geflohenen Junker verfolgt er mit einem zusammengewürfelten Heerhaufen und setzt Wittenberg und Leipzig in Brand. Martin Luther, der ihn scharf verurteilt, erwirkt dennoch für ihn freies Geleit, damit er seine Klage erneut vor Gericht bringen kann. Am Ende erreicht Kohlhaas zwar einen neuen Prozess, in dem der Junker zu Schadensersatz verurteilt wird, Kohlhaas selbst wird jedoch zugleich zum Tode verurteilt. Zuvor hatte der Kurfürst von Sachsen erfahren, dass sich Kohlhaas im Besitz einer auf einen Zettel geschriebenen Prophezeiung einer Zigeunerin über die Zukunft und das Ende der sächsischen Dynastie befindet. Die Versuche des Kurfürsten, in den Besitz dieser Prophezeiung zu kommen, scheitern. Bereits auf dem Schafott stehend verschluckt Kohlhaas den Zettel mit der Prophezeiung.

Der Staat als Gesellschaftsvertrag und das Widerstandsrecht
Wenn man die in der Erzählung geschilderten Vorgänge und Personen wörtlich nimmt, als tatsächliche historische Ereignisse, ist Michael Kohlhaas ein Mensch, der irdische Unvollkommenheit und Ungerechtigkeit nicht ertragen kann. Er wird zum typischen blindwütigen Überzeugungstäter, der um dessen, was er für gerecht hält, willen, über Leichen geht und sich dadurch zum Unmenschen verwandelt.
Kleist, so die Meinung der Forschung, hat seine Erzählung vor dem Hintergrund der Diskussion um den der Staatsbildung zugrunde liegenden Gesellschaftsvertrag und das Widerstandsrecht, die im 18. Jahrhundert intensiv u.a. von Locke, Kant und Rousseau geführt wurde, verfasst. Nach dieser Theorie entstand der Staat dadurch, dass die im Naturzustand lebenden Menschen einen Gesellschaftsvertrag abgeschlossen und darin ihr Recht, sich selbst Gerechtigkeit zu verschaffen, auf den Staat und seine Institutionen übertragen haben. Nachdem in seinem Fall der Staat der vertraglichen Pflicht, Gerechtigkeit zu gewähren, nicht nachgekommen ist, hält auch Kohlhaas sich nicht mehr an den Gesellschaftsvertrag gebunden und nimmt das Gesetz wieder selbst in die Hand. In einem Gespräch mit Martin Luther formuliert Kohlhaas das so: »Verstoßen ... nenne ich den, dem der Schutz der Gesetze versagt ist! ... und wer ihn mir versagt, der stößt mich zu den Wilden der Einöde hinaus; er gibt mir ... die Keule, die mich selbst schützt, in die Hand.« Luther bleibt bei seiner Ablehnung, weil Kohlhaas’ Taten in keinem Verhältnis zu dem an ihm verübten Unrecht stünden. Seine Racheakte wendeten sich auch gegen Unbeteiligte und Unschuldige. Luther erkennt: Kohlhaas fällt zurück in ein vorstaatliches Faustrecht. Sein angemaßtes und keine vernünftige Grenze kennendes Recht zur Selbstjustiz ist anachronistisch.

Am Ende: Gerechtigkeit und Tod
Am Ende steht ein Scherbenhaufen. Auch wenn Kohlhaas schließlich gerichtlich einen Anspruch auf Schadensersatz gegen den Junker zugebilligt erhält, hat er, außer dem Gefühl der Genugtuung, nichts mehr davon, weil er aufgrund seiner Missetaten zum Tode verurteilt und hingerichtet wird. Wegen zweier Pferde verliert Kohlhaas Ehefrau, Haus, Hof und Leben und macht seine Kinder zu Waisen. Es bleibt eine Tragik, die durch staatlichen Richterspruch nicht aufgelöst werden kann.
Auf dieser Interpretationsebene handelt es sich um die Tragödie eines zutiefst verletzten, im Grunde anständigen und gerechten Menschen, der Ungerechtigkeit nicht ertragen kann und aus seiner inneren Zwangssituation nur gewaltsam ausbrechen kann nach dem Grundsatz: »Fiat iustitia et pereat mundus« – die Gerechtigkeit soll ihren Lauf nehmen, und gehe die Welt darüber zu Grunde. »Das Rechtsgefühl aber machte ihn zum Räuber und Mörder«.

Versuch einer anderen Sichtweise
Man kann aber auch einmal versuchen, die Novelle aus einer anderen Perspektive, nämlich von der Symbolebene aus zu betrachten. Dann wären ihre Vorgänge, Personen und Bilder als Symbole für geistig-seelische Vorgänge zu verstehen, für Kämpfe, Auseinandersetzungen, Taten, Entwicklungen in der Seele eines und desselben Menschen, so wie man auch Mythen, Märchen oder den Erzählungen der Bibel nur dann gerecht wird, wenn man sie zumindest auch als zeitlos gültige Symbole für geistig-seelische Vorgänge im Innern eines Menschen liest.
Auf dieser Ebene ist der Junker Wenzel von Tronka ein Trieb in der Seele des Kohlhaas: die Besitzgier. Dieser Gier werden Pferde geopfert, Symbole einer gesunden und reinen Denkkraft. Das Denken wird korrumpiert. Und der Kampf des Michael Kohlhaas richtet sich nun auf die Überwindung dieser dunklen Seelenmächte in ihm selbst. Zunächst scheitert er, zu übermächtig sind die egoistischen Versuchermächte in ihm. Mit allen Mitteln versuchen sie, göttliche Seelenkräfte nicht hochkommen zu lassen, die göttliche Gerechtigkeit, der es nur um den inneren Reichtum der Wahrheit und der Liebe geht. Doch die Sehnsucht nach dem göttlichen Licht, dem göttlichen Funken in der Seele, dessen Erfahrung der wahren Identität des Menschen entspricht, lässt sich nicht auslöschen. Auf dieser Ebene kann mir keine äußere In­stanz sagen, was recht oder unrecht ist; auf dieser Ebene muss jeder sein eigener Gesetzgeber und Richter sein. Die göttliche Gerechtigkeit wahren Menschentums kann nur von jedem selbst in ehrlicher Anstrengung gefunden werden. Und wenn am Ende der Tod steht, dann ist das keine Niederlage, sondern ein Sieg: Der alte, selbstsüchtige Mensch wird in den Tod ­geführt, damit der neue, von Wahrheit und Liebe erfüllte Mensch auferstehen kann – eine Parallele zum tiefsten Mysterium des Christentums. So verstanden ist Michael Kohlhaas kein tragischer, sondern ein siegreicher Held, sein Kampf ist der schwere innere Kampf der Selbstüberwindung. Und da er nicht aufgibt, gewinnt er am Ende.
Und auch das merkwürdige Verschlucken des Zettels mit der Prophezeiung der Zigeunerin bekommt einen überraschenden neuen Sinn. Das, was auf der äußeren Ebene letzter Racheakt ist, wird zu einem Bild für das Überwinden alter traumhaft-dekadenter hellseherischer Kräfte zu Gunsten einer neuen, vollbewussten, in die Freiheit führenden Geistesgegenwart.
– So angeschaut wird Kohlhaas, der als Vornamen den Namen des Erzengels Michael trägt, zum michaelischen Menschen, der sich nicht scheut, mutig die Schwächen und Dunkelheiten in der eigenen Seele in den Blick zu nehmen, an ihrer Überwindung zu arbeiten und nicht zu ruhen, bis die Neugeburt vollbracht ist.

Die Verwandlungskraft der Liebe
Und um noch einmal auf Kafkas kleine Fabel zurückzukommen: auf der symbolischen Ebene sind auch Mausefalle und Katze Bilder für Kräfte in der Seele, die den Menschen unfrei machen und in die Enge treiben. Diese Todeskräfte, die mich für gewöhnlich in einen Zustand von Hoffnungslosigkeit und Ausweglosigkeit führen, wandeln sich, mit den Augen der Liebe betrachtet, in ihr Gegenteil, werden von Feinden zu Freunden, die mir Tore durch Finsternis und Tod hindurch ins Licht und in die Freiheit todlosen Lebens zu öffnen vermögen. Es kommt »nur« auf die Sichtweise an.


AutorIn: Peter Bruckmann


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Ausgabe 3|2018


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