Die Versuchung

Nun hat also nach Medienberichten auch Papst Franziskus in Rom seine Schwierigkeiten mit der Bitte des Vaterunsers: »Führe uns nicht in Versuchung«. Die Fragen sind bekannt: Entspricht solcherart Führung denn dem Bild eines liebenden und helfenden Gottes? Kann es denn Eigenschaft eines »Vaters« sein, den Menschen in Versuchung zu führen, wo er scheitern und unterliegen kann? Es hat ja nicht an Versuchen gemangelt, diese Bitte entgegen dem eindeutig überlieferten Text umzumodeln: führe uns durch die Versuchung oder in der Versuchung. Laut Lexikon lässt sich das griechische Wort ja durchaus mehrschichtig als Prüfung, Anfechtung, Versuchung übersetzen, aber das Lexikon weiß nicht, was Versuchung eigentlich ist. Dietrich Bonhoeffer meint in seiner postumen Schrift »Versuchung« dazu, dass der ethische und der natürliche Mensch das auch nicht weiß. Der erstere weiß, was richtig und falsch ist, gut und böse. Der zweite verlässt sich auf seine angeborenen oder erworbenen Kräfte. Versuchung ist aber keine Prüfung, die man mehr oder minder glänzend besteht wie ein Examen oder eine Wanderung durch schwieriges Gelände, wo man um einen erfahrenen Führer bittet, der den Menschen um die gefährlichen Stellen herumgeleitet. Versuchung ist das existentielle Erleben, völlig verlassen zu sein von allen Kräften und Wesen, die tragen. Der Ausdruck: »du bist ja von allen guten Geistern verlassen!« – nicht als Vorwurf an einen anderen, sondern als eigenes Erlebnis genommen – beschreibt dieses Verlassensein am besten. Denn »die anderen« Geister haben sehr wohl Zugang zur Seele.
Die Versuchung Jesu unmittelbar nach der Taufe zeigt das deutlich. Die Widersacher versuchen ihn zum Verleugnen seines Ursprungs und Ziels zu bewegen. Er soll handeln, aber nicht wie der Sohnesgott im Einklang mit dem Vaterwillen, sondern wie ein Mensch mit guten Absichten. Kein geistiges Wesen hält ihn zurück, wie es die beliebten Schutzengelbilder mit den Kindern vor dem Abgrund zeigen. Keine Engel schützen ihn vor der Konfrontation mit dem Bösen. Allein das, was in jeder Menschenseele als Weisheit und Erfahrung leben kann, lässt ihn standhalten gegenüber dem Widersacher. Es sind bekannte Sätze und Worte aus den Psalmen, die er dagegen anführt und die in der damaligen Zeit jeder kannte. Ebenso ist es am Ende der drei Jahre wieder ein Psalmwort, das er am Kreuz betet: »Mein Gott, warum hast Du mich verlassen!« So beginnt ja der 22. Psalm, der Auftakt und Vorbereitung ist zu dem berühmten 23. Psalm, in dem von dem Führen Gottes auf rechter Straße, selbst im Tal des Todes, die Rede ist. (Die Bemühungen, dieses Wort am Kreuz umzudeuten und in sein Gegenteil zu interpretieren, sind für den, der den Psalm als Ganzen liest, wenig überzeugend.) Gott hat sich von dem Gekreuzigten zurückgezogen, wartet darauf, dass dieser seinerseits die Verbindung aufrecht erhält, und wieder gebraucht Jesus Christus die bekannten Menschenworte: selbst wenn Du mich zu verlassen scheinst, so verlasse ich Dich dennoch nicht. Das Verlassen Gottes ist kein Wegschauen und Fortsein, sondern ein Zurücknehmen der göttlichen Präsenz für das Erleben des Menschen auf der Erde, damit dieser von sich aus, ohne äußere oder innere Unterstützung die Verbindung mit Gott aufrecht erhält.
Versuchung, das ist die Frage Gottes, ob der Mensch schon aus sich heraus die Beziehung zu ihm halten kann, ohne die Triebfedern von Angst, Belohnung, seelischem Wohlgefühl oder Anerkennung. Das Buch Hiob im Alten Testament beschreibt das am Leben und Leiden des Hiob. Alles wird ihm, dem Frommen, genommen, die Kinder, der Besitz, das Verständnis seiner Freunde, die Unterstützung seiner Frau. Alles scheint ihm zu sagen: du bist schuldig, Gott zürnt dir, Gott ist fern, vielleicht gar tot. Er aber hält in dieser existentiellen Verlassenheit trotzdem die Verbindung zu Gott: »Ich weiß, dass mein Erlöser lebt«. Warum dann seine Versuchung? Weil Gott letztlich Menschen sucht, die ihn »im Geist und in der Wahrheit« anbeten, d.h. aus dem eigensten Inneren heraus, ohne Stütze und Zwang.
Wer die sechste Bitte des Vaterunsers in der bekannten Form betet, spricht erstens nicht für sich, sondern für alle Menschen, auch für die, die man nicht liebt. Er bittet zweitens darum, die Gottverbundenheit, die sich durch das ganze Gebet zieht, als vorläufig ausreichend anzusehen und verschont zu bleiben von den Augenblicken, da man sich vergessen, verloren, ohnmächtig und allein erlebt. Denn ob man in dieser Stunde der Versuchung bestehen würde, ist für den Betenden mehr als ungewiss. Deshalb gibt es keinen Grund, den bekannten Wortlaut zu ändern.


AutorIn: Georg-Henrich Schnidder


« zurück

Ausgabe 3|2018


Weitere Artikel:

Kampf im Innern
Peter Bruckmann

Ohne Macht
Mechtild Oltmann-Wendenburg