Jugendliche stehen auf für das Leben

Immer wieder werden Schulen in den Vereinigten Staaten von Amerika Ziel von Attentaten. Erst im Februar starben vierzehn Schüler und drei Lehrer in Florida. Aber diesmal war es anders, denn auf Trauer und Wut folgte nicht wie sonst das große Schweigen. Die überlebenden Jugendlichen schwiegen nicht, sondern erhoben ihre Stimmen.
Emma González, David Hogg und etwa eine halbe Million andere, vorwiegend junge Menschen haben wenige Tage vor Ostern in Washington beim »March for our lives« (»Demonstration für unsere Leben«) die mächtige Waffenlobby NRA (National Rifle Association) herausgefordert – die größte Demonstration in der amerikanischen Hauptstadt seit Jahrzehnten. Unterstützung bekamen sie von Stars aus der Showszene, die der Demonstration den Charakter eines Festes für das Leben gaben. Junge Menschen in 800 weiteren Städten weltweit haben ihre Forderungen bekräftigt.
Alle, die an diesem Tag vor dem Capitol gesprochen haben, waren jünger als 20 Jahre – alle haben sie eines der Schulattentate der letzten Zeit irgendwo im Land überlebt. Im Anhören ihrer Reden habe ich mich gefragt, woher diese Jugendlichen die Kraft nehmen, so vor 500.000 Menschen und vor der Weltöffentlichkeit zu sprechen. Jeder von ihnen ist dem Tod in der eigenen Schule unmittelbar begegnet – jeder von ihnen hat Freunde oder Verwandte durch Attentate mit Schusswaffen verloren. Hinter jedem steht mindestens einer dieser Toten.
Die neunjährige Enkelin von Martin Luther King, dessen Todestag sich am 4. April zum 50. Mal jährte, erinnert an die Worte ihres Großvaters, an derselben Stelle gesprochen: »Ich habe einen Traum« – den Traum vom friedlichen und gleichberechtigten Leben aller Menschen. An der Hand einer älteren Schülerin betritt sie die Bühne. Sie ist die Einzige, die selber kein Schulattentat überlebt hat – aber auch sie weiß um den gewaltsamen Tod ihres Großvaters, der von einem rassistisch gesinnten Attentäter erschossen wurde.
Emma spricht als Letzte, nennt die Namen der 17 Toten vom Februar und schweigt dann minutenlang. Ein paar Mal werden Parolen laut, mit ihrem Blick und ihrer Haltung, durch große Bildschirme für alle sichtbar, sorgt sie immer wieder für Stille. Erst zum Schluss erklärt sie: »Ich war jetzt 6 Minuten und 20 Sekunden auf dieser Bühne – so lange, wie der Attentäter geschossen hat.« So lange hat es gedauert, bis ein 19-Jähriger mit einer automatischen Waffe 17 Menschen getötet und viele andere verletzt hat. So lange haben die anderen Schüler das Sterben ihrer Freunde miterlebt. So lange mussten sie ausharren, ohne zu wissen, ob es auch sie treffen würde.
Die jungen Menschen, die sich für das Leben und gegen die todbringende Logik der Waffenindustrie (Waffen für Lehrer sollen jetzt ein neues Geschäftsmodell werden) einsetzen, sind von Martin Luther King inspiriert. Auch sie träumen einen Traum. Den Traum vom Leben, das sich dem Tod entgegenstellt.
1968 – das Jahr der Ermordung Martin Luther Kings – war ein Jahr des Aufbruchs, das Jahr der Studentenrevolte in Europa, das Jahr des Prager Frühlings, ein Höhepunkt im Einsatz gegen den Vietnam-Krieg. Die Jugendlichen haben dieser Tage angekündigt, dass der »March for our lives« nicht das Ende, sondern der Anfang einer neuen Bewegung ist: „We are the change.“
Ich wünsche ihnen, dass sie die Kraft haben, ihren Träumen zu folgen und viele, auch ältere Menschen, auf diesem Weg mitzunehmen. Ich wünsche ihnen, dass aus der unmittelbaren Begegnung mit dem Tod, die ihnen aufgezwungen wurde, ein langfristiges Engagement für das Leben wird, auch jenseits der großen Bühne der Weltöffentlichkeit. Ein solcher Aufbruch würde uns allen gut tun.


AutorIn: Andreas Büttner


« zurück

Ausgabe 5|2018


Weitere Artikel:

» … wie der Geist es ihnen gab auszusprechen«
Frank Peschel

Ich sein macht einsam – und frei …
Ilse Wellershoff-Schuur