Ich sein macht einsam – und frei …

Die Natur macht aus dem Menschen bloß ein Naturwesen; die Gesellschaft ein gesetzmäßig handelndes; ein freies Wesen kann er nur selbst aus sich machen. Die Natur lässt den Menschen in einem gewissen Stadium seiner Entwickelung aus ihren Fesseln los; die Gesellschaft führt diese Entwickelung bis zu einem weiteren Punkte; den letzten Schliff kann nur der Mensch selbst sich geben.
Rudolf Steiner: Philosophie der Freiheit

Es gibt kaum eine wichtige Entwicklung, kaum ein global drängendes Problem, das nicht in letzter Konsequenz damit zu tun hat, dass wir in einer Zeit leben, in der jeder Mensch immer mehr er oder sie selbst wird und sich daher immer weniger als Teil der angestammten, gewachsenen Gemeinschaften mit ihren vorgegebenen Mustern fühlen kann. Es ist der Weg in eine immer vielseitigere, buntere und freiere Zukunft, der uns in eine laufende Auseinandersetzung bringt mit allem, was bisher war. Individualisierung – das bezeichnet einen mit der Industrialisierung und Modernisierung einhergehenden Prozess des Übergangs des Einzelnen von der Fremd- zur Selbstbestimmung. Seine Wurzel hat dieser Prozess in Mitteleuropa schon in der Aufklärung, ja vielleicht schon zu Beginn der Neuzeit, dem Zeitalter der Bewusstseinsseele.
Die Soziologie sieht Symptome für die zunehmende Individualisierung zum Beispiel in der von der (Groß-)Familie unabhängigen Berufs- und Partnerwahl, dem Aufkommen des Ideals der romantischen Liebe im Gegensatz zur arrangierten Zweckehe oder der Ehe unter Verwandten, in der Beschäftigung mit einzelnen Biografien in der Literatur und im Aufkommen der akademischen Beschäftigung mit dem Innenleben des Menschen, der Psychologie. Das alles gab es vor ein paar hundert Jahren noch nicht. Es handelt sich um Kennzeichen einer modernen pluralistischen Gesellschaft, die zunehmend aus lauter Einzel-Ichen besteht, die mit ihrer beginnenden Fähigkeit zur Selbstbestimmung ringen, von ihr verwirrt und geängstigt sind, weil sie plötzlich ganz auf sich gestellt sind, ohne festgefügte Formen, Vorgaben und Autoritäten. Dass all diese Zeichen innerer Unabhängigkeit vielerorts noch nicht selbstverständlich zum Lebensstil gehören und dass es auch bei uns noch weitergeht, dass wir also mitten in einer fortschreitenden Entwicklung, einer Übergangszeit zur Eigenständigkeit, leben, wird mir in letzter Zeit besonders an drei großen Themenbereichen deutlich. Vielleicht sind sie in meinem Leben so eindringlich, weil ich viel mit anderen Kulturen zu tun habe, in denen Entwicklungen anders verlaufen sind und gelebt werden. Gerade an diesen Kontrasten wird aber manches Allgemeingültige deutlich:

Familie – Stamm – Volk
Eigentlich hat jeder eine Familie. Aber da hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf. In unserer Gesellschaft ist es zum Beispiel nicht mehr so klar, wer dazugehört. Ab wann ist eine Freundin, ein Lebenspartner, ein Mitbewohner Teil einer Familie? Wessen Kinder gehören zu wem? Die Namen auf der Gemeindeliste sagen nicht immer aus, wer zusammengehört, wer für wen die Konfirmandenfahrt bezahlt oder eine Spende gemacht hat …
Auch ist nicht mehr so zwingend moralisch vorgeschrieben, wer für wen sorgen sollte. Klar, es gibt — immer komplizierter werdende — Gesetze. Aber wer sich für wen verantwortlich fühlt, ist damit nicht immer geregelt.
Das sich emanzipierende Ich (und die vergleichsweise lange Zeit des Heranwachsens trägt zur Individualisierung in unseren Biografien bei!) löst sich immer mehr von Herkunftsfamilie und Umfeld. Umgekehrt lernen Eltern, »ihre« Kinder loszulassen. Wenn die Älteren dann alt werden – sind sie oft allein, denn niemand ist verpflichtet, sich um Eltern und Großeltern zu kümmern. Manche haben auch keine Kinder oder nur ein Kind, das in Australien lebt … Die menschliche Verpflichtung wird zwar häufig empfunden, aber es gibt keine »Stammsitze« mehr, und das vom Herkunftsort (der heute gern beschworenen »Heimat«) auch örtlich unabhängige Leben macht es schwer, sich nah zu bleiben. Dazu kommen starre Arbeitszeiten und die Aufgaben, die aus der Versorgung eigener Kinder entstehen (als »nebenbei« zu bewältigende Aufgabe), die es den Menschen der sogenannten »Sandwich-Generation« (denen, die zwischen alt werdenden Eltern und noch nicht selbständigen Kindern stehen) schwer macht, sich wirklich so zu kümmern, wie sie es oft gern täten. Das Eigene, das immer wichtiger wird, droht dabei auf der Strecke zu bleiben!
Wie anders sieht die Welt im Nahen Osten aus. Vielen Menschen muss man dort erst einmal erklären, was es mit einem »Seniorenheim« auf sich hat! Sind das nicht furchtbar bedauernswerte Menschen, die da leben müssen? Wie? Die haben das selbst gegründet? Weil sie im Alter unabhängig sein wollen von den Kindern? Ratloses Kopfschütteln über eine so herzlose Gesellschaft … Und selbstverständlich fühlt sich der einzige Sohn für die verwitwete Mutter zuständig, auch wenn er seinen Lebensstil ändern muss, um bei ihr auf dem Dorf zu bleiben und für sie zu sorgen. Und selbstverständlich haben der Vater und der Großvater mitzureden bei der Partner- und Berufswahl … Aber ebenso selbstverständlich wachsen oft die Kinder der vielen Tanten und Onkels gemeinsam von vielen Erwachsenen betreut auf. Man versteht kaum, wie eine Kleinfamilie das schaffen soll!
Unser Lebensstil hat sich dagegen so stark individualisiert, dass wir nicht ohne weiteres davon ausgehen können, dass Eltern und Kinder, Geschwister oder andere Verwandte, überhaupt mehr miteinander zu tun haben als nicht blutsverwandte Gesinnungsgenossen. Das ist neu – vor hundert oder gar zweihundert Jahren ähnelte unsere Familienstruktur viel mehr dem, was wir heute noch in vielen anderen Teilen der Welt vorfinden.
Doch auch dort ist diese Lebensform nicht unangefochten. Einerseits leben die traditionellen Strukturen. Andererseits ist jeder einzelne Mensch im Grunde ein Kind dieser Zeit und damit auf dem Weg zu einem individuellen Bewusstsein, in dem nicht mehr der Patriarch des Stammes über meinen Lebensstil entscheiden darf. Es sind kleine Schritte, die da getan werden, und viele Rückschläge und Verhinderungen sind Teil dieser im Großen oft unerträglich langsamen, im Kleinen manchmal explosiven Wandlung der Gesellschaft. Letztlich ist hier wohl die tiefere Ursache für den »Arabischen Frühling« zu suchen, der dann von vielen Interessengruppen vereinnahmt wurde, nicht zuletzt den autoritären und reaktionären Religionsgemeinschaften. Ganz zurückdrängen kann man dieses Erwachen des Ich aber auf die Dauer sicherlich nicht!
In etwas größerem Zusammenhang geht es hier auch um noch größere Gruppen, von denen der und die Einzelne sich zu befreien sucht: Nationen, Völker und Ethnien. Das ist ein großes Thema – aber auch hier ist die Frage, inwiefern ist das »angeborene Schicksal« entscheidend? Die zunehmende Vermischung der Völker trägt dazu bei, dass sich neue Möglichkeiten auftun – auch das ist ein Zeichen der Zeit. Ob ich auf die Liste der Studenten der Priesterseminare schaue oder auf eine beliebige Klassenliste einer europäischen Schule – wie wenige Menschen haben heute nur mit einem Land, einer Volksgruppe zu tun! Eltern aus verschiedenen Ländern, Adoptivkinder aus aller Welt, Migranten aus den unterschiedlichsten Motiven, lange im Ausland gelebt … oder auch später – neue Wahlheimaten gesucht, mit denen wir uns schon lange verbunden fühlten, dort Schicksalsgefährten getroffen … So vieles ist möglich und »normal«, dass uns das völkische Gebahren bestimmter angstbesetzter politischer Gruppierungen bizarr anmuten muss. Kann ich nicht selbst bestimmen, wo ich Zugehörigkeit erlebe? Darf mir ein anderer sagen, ob ich dazugehöre? Dass ich nur eine Heimat haben darf? Wer entscheidet das, wenn nicht ich? Jedes Ich sucht auch insofern Selbstbestimmung und leidet, wo sie ihm abgesprochen wird!
Man ahnt, was Rudolf Steiner meinte, als er davon ausging, dass Völker und Rassen ein Auslaufmodell in der Menschheitsentwicklung sind!

Mann oder Frau – oder beides oder ganz anders?
Deutlich ist auch, wie viel häufiger uns in den letzten Jahren die Frage begegnet, wo sich der einzelne Mensch in Bezug auf Geschlecht und geschlechtliche Orientierung verortet.
Zunächst ist es ganz deutlich, dass in unserer Zeit die Art und Weise, wie wir Mann- oder Frausein leben, nicht mehr von außen vorgeschrieben werden dürfen. Ob ich als Frau »weiblich« genug bin für männliche Ansprüche, wenn ich als Mutter in meinem Beruf arbeite und womöglich gar »unweibliche« Tätigkeiten ausübe – das lasse ich mir nicht mehr vorschreiben. Und auch ein Mann muss selbst bestimmen dürfen, ob er weinen will oder stricken oder einen Pferdeschwanz oder Röcke tragen. Die festen Geschlechterrollen haben sich in den letzten hundert Jahren aufgelöst – ganz so, wie das Rudolf Steiner schon in seiner Philosophie der Freiheit (14. Kapitel, Individualität und Gattung) für eine den Menschen freilassende Gesellschaft angeregt hatte. Schon 1894 findet er es anmaßend, wenn Männer entscheiden, was dem Wesen der Frau entspricht! Wir dürfen nicht mehr von uns auf andere schließen, wenn das Ich frei werden soll. Als ich Kind war, konnte eine Frau nicht Nachrichtensprecherin werden (zu unsachlich), und Frauenfußball spielte höchstens auf dem Kinderspielplatz eine Rolle (zu brutal). Ob eine verheiratete Frau arbeiten durfte, bestimmte der Ehemann. Für heutige Ohren hört sich das fast saudi-arabisch an! Aber selbst in diesem traditionell islamischen Land bahnt sich eine Entwicklung an: Frauen dürfen immerhin ab diesem Sommer Auto fahren, und das Mädchen Wadjda hat sein Fahrrad letztlich bekommen, in dem überaus sehenswerten gleichnamigen Film, der der erste war, der in Saudi Arabien produziert wurde, und zwar von einer Frau, wenn auch unter schwierigsten Bedingungen.
Aber Rollenbilder sind es nicht allein. Auch die Emanzipationsbewegung der Menschen, die sich zu Menschen des eigenen Geschlechts als Partner hingezogen fühlen, ist in einer Gesellschaft der Vielfalt auf dem Vormarsch. Die Homosexualität, die gleichgeschlechtliche Liebe, ist längst kein »Sicherheitsrisiko« mehr, das einen Politiker erpressbar macht. Im Gegenteil, ob Bürgermeister oder Minister, Fernsehmoderatorin oder Kriegsreporterin, es gibt Rollenvorbilder, die es in unserer Gesellschaft den jungen Menschen leichter machen, ihren ganz eigenen Weg im Dickicht der möglichen Lebens- und Liebesformen zu finden, mit dem weltlichen Segen des Staates allemal.
Menschen, die sich im falschen Geschlecht gefangen fühlen, spricht man zu, dass sie selbst über ihr Leben als Mann oder Frau entscheiden dürfen. Mein Schulfreund James Boylan, musste erst Literaturprofessor und Kolumnist der New York Times werden, heiraten und Vater von zwei Söhnen sein, bevor er sich traute, zuzugeben, dass er sich immer als Frau gefühlt hatte. Heute heißt sie Jenny, hat den Prozess in anrührender Weise beschrieben und ist nebenbei bemerkt immer noch glücklich mit ihrer Frau verheiratet …
Die Toleranz gegenüber solchen individuellen Wegen ist noch nicht überall so ausgeprägt wie in den USA und Westeuropa. Vielerorts leben die traditionellen Gedanken- und Gefühlsgewohnheiten noch sehr stark, obwohl der einzelne Mensch seinen abweichenden Weg suchen muss – aus innerer Notwendigkeit. Diese »Gleichzeitigkeit der Ungleichzeitigkeit«, die da erlebt wird, ist eine tiefe Ursache für den Wunsch nach Veränderung, und sei es nur des eigenen Lebens, das vielleicht nur in einer anderen Gesellschaftsform zu verwirklichen ist, so dass ich deshalb migrieren muss …
Es gibt viel Altes, das das Neue behindert. Das gilt überall, aber wo es so hart aufeinandertrifft wie in vielen Teilen der sogenannten Dritten Welt und vielleicht besonders im Orient, da entstehen Umbruchsituationen, die zu einer großen Zerrissenheit führen können. Und da bleibt dann eben oft nur Verdrängung oder Flucht, innerlich oder äußerlich …

Religion oder Tradition?
Eine mögliche Fluchttendenz ist dabei die Flucht nach hinten, zurück in die gewachsenen Formen. Das kann entweder eine traditionelle, konservative Lebensweise sein, in der die Gesetze des Lebens aus den Schriften der Alten, den Riten der Institutionen oder den Bräuchen des Volkes übernommen werden. Diese Normen entbehren aber mehr und mehr eines wirklich tief empfundenen Inhaltes, weil sie weder von echten Eingeweihten vermittelt noch von einem eigenen spirituellen Leben ergriffen werden, sondern zur Form erstarrt sind. Sie werden zu Krücken des noch schwachen Ichs, das Angst davor hat, selbst laufen zu lernen.
Diese Beobachtung mache ich nicht nur in den traditionell muslimischen Gemeinschaften oder im orthodoxen Judentum, sondern vor allem auch in den real existierenden Formen institutionalisierten Christentums. Es kann Flucht nach hinten sein, sich auf die wortwörtlich verstandenen Regeln des sogenannten Alten Testaments zu beziehen und ein Leben zu führen, wie es vor einigen Jahrhunderten angeblich noch gesund war, wie es einige evangelikale Christen vor allem (aber nicht nur) in Nordamerika tun. Oder sich auf die Werte des christlichen Abendlandes zu besinnen, indem man an inzwischen ausgedünnten Traditionen des Kirchenchristentums festhält, um nicht allein auf weiter Flur zu sein. Oder sich in eine Gemeinschaft Gleichgesinnter zu flüchten, die genau weiß, dass sie recht hat und die anderen verloren sind. Das alles ähnelt in mancherlei Hinsicht dem, was in der islamischen Welt mit der Hinwendung zum totalitären Islamismus oder auch nur mit dem Wiedererstarken der religiösen Autoritäten geschieht.
Dass Menschen sich aus den Volkskirchen verabschieden, ist nicht neu, als Trend aber nicht aufzuhalten, trotz vieler PR-Versuche und Anbiederungen an das »moderne Leben«, die immer ein bisschen zu spät zu kommen scheinen. Im Übrigen ist die Säkularisierung nicht nur in unseren westlichen Gesellschaften eine Entwicklung. Ihr gegenüber steht aber eine wachsende Suche nach Sinn, nach wirklicher Hilfe auf dem Weg der Selbstfindung und auch eine Sehnsucht nach Orten echter Spiritualität, die zu einer Quelle werden können für eine Transformation des größeren Ganzen – hin zu einer individualisierteren Welt, in der wir Einzelne den Zugang finden zu einer Geistigkeit der Zukunft.
»Wir stehen nicht am Ende, sondern am Anfang des Christentums«, sagt Christian Morgenstern. Und das gilt vielleicht für andere religiöse Wege, die in der Vergangenheit Gruppenphänomene waren und heute ganz neu und individuell ergriffen werden können, in gleicher Weise …
Karl Rahner spricht davon, dass der Christ der Zukunft ein Mystiker sein wird – oder er wird kein Christ mehr sein. Ich ergänze – er (oder sie) wird verflachen, vielleicht Formen bewahren oder Gesetzen perfekt gehorchen, den letzten Schliff als Mensch gibt er oder sie sich so jedoch nicht. Dazu gehört eine Verlebendigung des Geistes in der eigenen Seele, wie sie auf vielen Wegen möglich ist, die aber immer »schmale« Wege sind. Nur durch eine gelebte Mystik wird die Vereinzelung des Menschen eine wirkliche Befreiung sein.


AutorIn: Ilse Wellershoff-Schuur


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