» … wie der Geist es ihnen gab auszusprechen«

Die elf Urapostel, durch Matthias wieder zur Zwölfheit ergänzt, waren am Morgen des Pfingstfestes in Eintracht versammelt, die Mutter Jesu in ihrer Mitte. Auf Bildern, die dieses Ereignis darstellen, sieht man die Jünger mit einer Flamme über dem Haupt, jeden oft mit einem besonderen Gesichtsausdruck und einer unverwechselbaren Geste: ein Kreis, aber zwölffach differenziert. In einer schon früh entstandenen Legende heißt es: An jenem Morgen sprach jeder der zwölf Apostel, vom Geist erfüllt, in einem Satz aus, was er von Christus verstanden hatte. So entstand das Credo, das Apostolikum – ein Ganzes, zwölffach differenziert. Stimmt die Zahl der Apostel und Sätze nur zufällig überein? Sobald man dieser Frage nachgeht, zeigt sich, dass Inhalt und Abfolge der Sätze des Bekenntnisses auf eine tiefere Schicht weisen: auf das Zusammenspiel der Kräfte, die aus dem Tierkreis gestaltend in die Erdenwelt hereinwirken. Sie spiegeln sich in der Gestaltbildung des Menschenleibes, aber auch in den Stationen des Christuswirkens. So fassen die zwölf Sätze des Bekenntnisses das Christuswirken auf Erden zusammen und erbauen zugleich einen neuen Menschen.

Was macht eigentlich den menschlichen Leib spezifisch menschlich? Ist er doch dem Leib der höheren Säugetiere durchaus ähnlich. Es zeigt sich, dass Skelett, Muskulatur oder die inneren Organe beim Menschen nach den Gesetzen des aufrechten Gangs, der Sprache und der freien Beweglichkeit der Hände geformt sind. Diese muss er sich aber erst im Laufe vieler Jahre erwerben. Sie machen den Menschenleib menschlich. Nun ist aufschlussreich, einmal im Einzelnen zu verfolgen, wie das geschieht.
Als Erstes lernt das Kind, sich aufzurichten. Sobald sich nach etwa vierzig Tagen seine Augen koordinieren, blickt es die Mutter zum ersten Mal wirklich an. Es lächelt. Da erwacht der Antrieb zur Aufrichtung. Zuerst hebt es das Köpfchen, dann den Rumpf, bis es nach etwa einem Jahr steht und seine ersten Schritte macht. Die Kraft, die zur Aufrichtung führt, greift dabei von der Stirn aus in den Leib ein.
Danach lernt das Kind sprechen. Man sieht, wie zunächst sein ganzer Leib beteiligt ist, vor allem die Arme und Hände. Allmählich konzentriert sich das Sprechen jedoch auf den Mundbereich und den Kehlkopf.
Dann lernt das Kind denken. Diese Fähigkeit lässt sich nicht mehr so leicht im Leib lokalisieren. Auch wenn das Gehirn dabei eine wichtige Rolle spielt, entspringt dort nicht die Tätigkeit, die dem Bewusstwerden des fertigen Gedankens vorausgeht. Unsere Sprache ist da konkreter: Wir begreifen ein Ding, einen Zusammenhang, oder wir wägen etwas. Dabei suchen wir zu erfühlen, wie in uns »Rechts« und »Links« zusammenstimmen. Auch die Geometrie – Linie, Kreis, Winkel – erleben wir in den Gliedern und übersetzen sie erst später in abstrakte Gedanken. Die Grundlage der Denktätigkeit finden wir in der symmetrischen Gestaltung unseres Leibes, die sich am stärksten in Armen und Händen ausspricht.
In der Schulzeit beginnt das eigentliche Lernen. Die Welt wird zum innerlichen Eigentum. Was das Kind dabei erlebt, kann eine kleine Begebenheit verdeutlichen. Eine Waldorfmutter wundert sich, dass ihr Fünftklässler so bedrückt nach Hause kommt. Nach einer angemessenen Pause fragt sie ihn, und da bricht es mit einem tiefen Seufzer aus ihm heraus: »Alexander der Große ist gestorben!« Der Atem- und der Herzmensch erleben jetzt die Welt, auch wenn sie Geschichte ist. Ein nächster Bereich des Leibes wird ergriffen.
Um das zwölfte Lebensjahr verändert sich wieder etwas sehr Wesentliches: Die Scham, die vorher mehr als Gefühl erlebt wurde, äußert sich bis in den Leib. Das Erröten hängt leiblich mit dem sympathischen Nervensystem zusammen, das seinen Sitz im Unterleib hat – ein weiteres »Herunter-Wachsen« in den Leib.
Mit der Geschlechtsreife und dem Wachstum der Gliedmaßen setzt sich dieses »Herunter-Wachsen« fort. Zuletzt steht der Erwachsene auf eigenen Füßen und greift mit seinen Händen ins Leben ein. Das Ergreifen des Leibes, sein Menschlich-Werden, geschieht von oben nach unten, von der Stirn bis hinab zu den Füßen. Stirn – Widder, Füße – ­Fische.1 Im Wirken der Tierkreiskräfte schenkt uns der ­Kosmos erst unser volles Menschsein.

In Kindheit und Jugend ergreift der innere Mensch den leiblichen Menschen von oben nach unten. Im Erleben der zwölf Sätze des Bekenntnisses vermag nun der innere Mensch, sich selbst bewusst zu ergreifen. Er durchmisst dabei ebenfalls den Tierkreis vom Widder zu den Fischen.2
Der erste Satz spricht vom Daseinsgrund der Himmel und der Erde. Indem wir uns aufrichten, erleben wir zunächst unter unseren Füßen den Grund, der uns trägt. Der Anblick des nächtlichen Sternenhimmels über unserem Haupt lässt uns einen Grund erahnen, der uns noch in ganz anderer Weise trägt. Die Aufrichtung können wir steigern zur Aufrichtigkeit, ja zur Aufrechtheit, die durch nichts gebrochen werden kann, weil sie sich in den Tiefen des göttlichen Daseins gegründet weiß. Da wird die Widderkraft ins Geistige gehoben.
Der zweite Satz spricht vom in Ewigkeit geborenen Sohn. Ist es nicht der Sohn, durch den sich der Vater immerfort ausspricht? Er selbst bleibt im Hintergrund, wird aber im Schaffen des Sohnes, des Logos, offenbar. Hier berühren wir die Sphäre der Stierkräfte, die in der Welt belebend schaffen. Welche Erhöhung des menschlichen Wortes, wenn es Anschluss findet an die belebende Kraft des göttlichen ­_Logos!_
Der göttliche Sohn wird Mensch: Zeichen der Zwillinge. Da vereinen sich himmlischer und irdischer Zwilling. Wie muss sich das Denken verändern, wenn der himmlische Zwilling das irdische Menschsein ergreift! Christus sagt: »Ich bin geboren und in die Welt gekommen, um für die Wahrheit zu zeugen.«3 Das Mensch gewordene Wort kann gar nicht anders, als die Wahrheit verkünden. Ist das Wort aber einmal Mensch geworden, so kann es auch in uns einziehen. Seine Wahrheit kann in uns leben.
Zu Jesu Geburt auf Erden bedarf es einer Mutter, die ihn mit ihrer Milch ernährt. Wunderbar korrespondieren hier die Kräfte des Krebs-Sternzeichens, die ein Inneres, die Brust, gegenüber der Außenwelt abschließen, mit dem Bild der Mutterschaft, die in der nährenden Milch ihren leiblichen Ausdruck findet. Da wird der Sohn der Maria zur Hülle des Christus bereitet. Dies alles können wir innig mitfühlen.
Er hat den Kreuzestod erlitten: Zeichen des Löwen. Dessen Kräfte wirken auf das menschliche Herz, erwecken Mut, die Kraft, sich selbst zu halten im Ansturm äußerer Gewalten. Welch starkes Herz musste der Christus Jesus haben, um die unvorstellbare Marter des Kreuzes zu ertragen, die Erniedrigungen und Bosheiten der Feinde, die Schwächen der Jünger! Zeichnet man das Herz mit seinen vier Kammern, so sieht man ihm ein Kreuz eingeschrieben. Als der Soldat dem Gekreuzigten die Lanze durch die Seite ins Herz stößt, strömen aus der Wunde Blut und Wasser, den Tod überwindendes Leben spendend. Im Miterleben der Passion stärkt sich unser Herz.
Im Tode wurde er der Beistand: Unterhalb des Zwerchfells, im Bereich der Jungfrau, liegen die Organe, die aus irdischer Nahrung Lebenskräfte ziehen. Nicht zufällig trägt das Sternbild Jungfrau die Ähre. Auf der Erde ist Ernährung aber nur möglich, wenn die Nahrung zerstört wird. Was dann ausgeschieden wird, verbergen wir schamvoll. Wehe der Seele, die sich an die irdische Nahrung und damit an den im Leibe wirkenden »Herd der Zerstörung« verliert! Sie verliert damit auch ihr göttliches Sein und fällt nach dem Tode in Finsternis. Doch es ist ­Hoffnung, dass auch dort das Christuslicht scheint.
Todesüberwindung im Zeichen der Waage: Im Leibe erhebt sich der obere Mensch über dem von den Beinen getragenen Becken im Gleichgewicht von Oben und Unten. In der Auferstehung entsteht zwischen Oben und Unten, Himmlischem und Irdischem, ein neues Gleichgewicht. Das Irdische wird so verwandelt, dass es das Himmlische wieder vollständig in sich aufnehmen kann. Hoffnung!
Überraschend wird vom Herrn der Himmelskräfte auf Erden im Zusammenhang mit dem Zeichen des Skorpions gesprochen. Dieser wirkt im Bereich der Zeugungsorgane, deren schöpferische Potenz neues Leben hervorbringen kann. Doch das irdische Leben führt zum Tode. Der Herr der Himmelskräfte hebt die schöpferische Potenz ins Unvergängliche hinauf. Im Hintergrund alles Vergänglichen wirken die Himmelskräfte und schaffen im Verborgenen eine zukünftige Welt. Sie kommen uns besonders nah im Kultus.
Wo im Bekenntnis vom Weltenfortgang gesprochen wird, betreten wir den Bereich des Schützen. Im Leib gehören zu ihm die Oberschenkel, in denen die Kraft der Vorwärtsbewegung »sitzt«. Wer die Gaben nacherlebt, die Christus der Menschheit geschenkt hat, wird sich so verhalten, dass er am Weltenfortgang teilhat.
Heilender Geist: Steinbock. Seine Kräfte bilden unsere Gelenke, vor allem die Knie. Ein Gelenk ermöglicht dem, was sonst starr bleiben müsste, eine neue Richtung zu finden. Einst knieten die Hirten und Könige vor dem Kind. Da nahm das ganze Erdensein eine neue Richtung. Des »Geistes heilendes Gnadenlicht« begann in der irdischen Finsternis zu leuchten. Mit dem ehrfürchtigen Beugen des Knies beginnt der Wiederaufstieg zu den geistigen Höhen.
Der heilende Geist führt die Menschen in einer neuen Gemeinschaft zusammen. Sie finden ein neues Leben in Christus, wenn sie sich auf die Suche begeben nach »des Heiles rechtem Weg«. Die Beziehung zum Wassermann wird anschaulich in dem ihm zugeordneten Lebenssinn.
Mit der dreifachen Zukunftshoffnung, die im letzten Satz des Bekenntnisses ausgesprochen ist, erreichen wir einen Boden, auf dem wir fest stehen können. Unser geistiger Mensch hat Füße bekommen. Wir berühren in Gedanken die Zukunft unseres vollen Menschseins als neuen Lebensgrund. So schließt sich in der Wirksamkeit der Fische der Kreis. Wer anhand der Sätze des Bekenntnisses durch den Tierkreis hindurch geht, baut an seinem neuen, inneren Menschen.


AutorIn: Frank Peschel


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Ausgabe 5|2018


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