Wer selbst an dich denkt …

In letzter Zeit ist viel darüber geredet worden, wie Cambridge Analytica versucht haben soll, die jüngste Präsidentschaftswahl in den USA und das Brexit-Referendum in Großbritannien zu beeinflussen. Diese Firma verhilft Politikern, die dafür bezahlen, zum Wahlgewinn. Man verwendet u.a. sogenannte »Honey traps«, durch die man Gegenkandidaten in kompromittierende Situationen locken will, um sie später erpressen zu können. Oder man gräbt »schmutzige« Geschichten aus deren Vergangenheit aus. Besonders interessant ist die Verbindung zwischen Cambridge Analytica und Facebook. Ein Student stiehlt eine Idee von einem Kommilitonen und bildet daraus eine App für Smartphones, mit der man seine Persönlichkeit testen kann. Vordergründig eine harmlose Sache, aber nach hinten hin sammelt die App nicht nur die Facebook-Daten der jeweiligen Nutzer, sondern auch die seiner Freunde und die der Freunde von den Freunden. So gelingt es der App, mithilfe von nur 300.000 Smartphones an Daten von 87 Millionen Facebook-Nutzern zu kommen.

Bei Facebook geht es u.a. darum, Dinge, die dort eingestellt werden, zu »liken«. Ein Klick bei einer schönen Sache. Niemand denkt sich viel dabei. Aber man kann mit diesen Likes per Computer Persönlichkeitsprofile erstellen, die erstaunlich zutreffend sind. Mit der Auswertung von nur 10 Facebook-Likes weiß man mehr über einen Menschen als seine Arbeitskollegen. Mit 70 analysierten Likes kennt man ihn besser als ein guter Freund. Mit 150 Likes kennt dich der Computer besser als Eltern oder Geschwister. Und mit 300 sogar besser als der eigene Partner. Mit diesem Wissen kann man Menschen gezielt die Werbung zukommen lassen, die sie beeinflussen soll. Das gibt Politikern vielfältige Möglichkeiten der Manipulation, ohne dass dies auffällt. Arbeitslose sehen Werbung für die Verbesserung ihrer Verhältnisse, während »Arbeitsbesitzer« Werbung für härtere Regeln gegen Arbeitslose sehen. Beides erscheint nie zusammen im öffentlichen Raum; es wird nicht sichtbar, dass der Kandidat widersprüchliche Botschaften verbreitet. Auch wenn mit dieser Art Manipulation nur eine kleine Zahl von Stimmen gewonnen wird, kann es großen Einfluss auf das Wahlergebnis haben.

Aber in dieser Debatte fehlt mir ein wichtiges Thema: Man kann nur diejenigen manipulieren, die in ihrer Schulzeit nicht die Fähigkeit erworben haben, selbständig und kreativ zu denken. Ich lebte in Brasilien, als Mitte der 1980er-Jahre die erste freie Wahl nach längerer Zeit der Militärdiktatur stattfand. In dem Elendsviertel, in dem ich wohnte, konnte ich verfolgen, wie leicht Menschen ohne Bildung und Demokratie-Erfahrung zu manipulieren sind. Ein Kandidat verspricht auf großen Plakaten und mit einfachen Worten mehr Sicherheit, weil er weiß, dass Menschen in Not Sicherheit brauchen. Es ist aber höchst fraglich, ob dieser Politiker je für mehr Sicherheit sorgen wird. Doch mit den Plakatsprüchen werden wenig gebildete Wähler gefangen, manipuliert. In Schweden, wo ich zur Zeit lebe, wird sehr viel über Bildungssysteme gesprochen, aber in dieser Debatte erscheint nirgendwo das Ziel, dass Menschen selbständig und kreativ denken lernen sollten. Stattdessen spricht man davon, wie der Mensch auf den Arbeitsmarkt vorbereitet werden soll. Warum? Wer auf Machterhalt aus ist, hat vielleicht gar kein Interesse daran, dass seine Wähler selbständig denken, sondern eher, dass sie das denken, was er selber sie denken machen will. Facebook und Cambridge Analytica lassen sich leicht als Feinde der Freiheit entlarven. Viel schwieriger ist es, wirklich gute Schulen einzurichten, die dem ganzen Menschen, mit all seinen Fähigkeiten, Entwicklungsräume bieten, damit er sicher und selbständig im Leben steht.


AutorIn: Per Andersen


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Ausgabe 6|2018


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