Ansteckende Courage

Begebenheit in drei Akten

Erster Akt
In der Straßenbahn, es ist ca. 16.30 Uhr, Rushhour, Feierabend. Alle streben nach Hause, wollen raus aus der City, hinaus in die Vorstadt, wo das Eigenheim wartet und Entspannung verheißt.
Sämtliche Sitzplätze sind belegt. Die Stehplatzflure sind übervoll, und fast jeder Passagier schleppt noch ein oder zwei Plastiktüten mit sich, den Einkauf für heute Abend. Ein paar Jugendliche fahren mit prall gefüllten Sporttaschen. Im mittleren Teil der Bahn sitzen sechs Jugendliche zusammen. Sie sind bei der Berufsschule eingestiegen. Jeder von ihnen starrt auf sein Smartphone, um nach dem Unterricht wieder Anschluss an die Welt zu bekommen.
Ein älterer Mann steigt ein, er mag ungefähr achtzig Jahre alt sein, mit Gehstock, er scheint etwas unsicher auf den Beinen. Da steht einer der Berufsschüler auf und bietet diesem Herrn seinen Platz an: »Setzen Sie sich bitte.«
Eine kleine Geste, die doch so selten geworden ist. Ab und an sieht man noch ältere Herrschaften, die noch älteren Herrschaften ihren Sitzplatz anbieten. Das ist alte Schule. Das gibt es noch vereinzelt. Aber dass ein junger Mensch …?
Das irritierend Schöne war nicht die Höflichkeit, zum wenigsten auch der Respekt dem alten Mann gegenüber. Das Entscheidende und eigentlich Erstaunliche schien die Courage zu sein: Der junge Mann setzte sich ja in einem Einsichts- und Entschlussmoment von der Selbstbefangenheit seiner Smartphone-Clique ab. Er selbst hatte zunächst auch sein Blickfeld eingeengt auf das Gerät, hatte ein ums andere Mal seinen Nachbarn oder sein Gegenüber auf einen Post, eine Twittermeldung, eine Sportnachricht aufmerksam gemacht. Im Gegensatz zu seinen Freunden hatte er aber gleichzeitig die Wachheit zu sehen, dass der ältere Herr einen Sitzplatz brauchte. Und unmittelbar setzte sich diese Einsicht um in den Beschluss, ihm seinen Sitzplatz anzubieten. Hieß ja: für den Moment auszusteigen aus der Smartphone-Gemeinschaft. Hieß, gegen den Strom zu handeln, sich ganz auf sich selbst zu stellen. Hieß, etwas in dieser Situation Unerwartetes zu tun. Die Achtsamkeit dem älteren Herrn gegenüber war dem jungen Mann für den Moment wichtiger und richtiger als die fortlaufende Verbundenheit mit seinen Kumpels. Ein kleiner Augenblick der Courage, so schien es mir.

Zweiter Akt
Nun war die kleine Geschichte damit nicht zu Ende. Der Moment der Courage pflanzte sich unversehens fort. Ganz deutlich sprang der Funke über auf andere Fahrgäste. Erst zwei, drei, dann mehr und mehr Fahrgäste sahen sich um, ob vielleicht noch jemandem ein Sitzplatz angeboten werden könnte. Nun wollten auf einmal viele so couragiert sein. Nicht dass man die entsprechende Regel für Höflichkeit und Rücksichtnahme nicht schon immer gekannt hätte. Nein, das Entscheidende war, zu dieser Regel aufzuwachen, sie sich persönlich zueigen zu machen, eine ganz persönliche Entscheidung zu treffen, gerade weil solches heute kaum mehr üblich ist. Eben deshalb exponiert man sich mit einer solchen eigentlich banalen Höflichkeitsgeste. Es ist ein Courage-Moment, der nun plötzlich attraktiv geworden ist. Tatsächlich war da nun allerdings niemand, dem man hätte noch einen Sitzplatz anbieten können oder müssen. Alles kräftige, mittelalte Leute, gut im Saft. Dafür breitete sich augenblicklich ein Flair von Höflichkeit und gegenseitigem Interesse aus, was immerhin bis zur übernächsten Haltestelle anhielt. Plötzlich hörte man zum Beispiel, wenn jemand aufstehen und aussteigen wollte, viel »Darf ich Sie eben bitten …?« oder »Kommen Sie gut nach Hause« und »Ich danke Ihnen«, nicht einfach »Danke«.

Dritter Akt
Diese Episode inspirierte meinen Freund, der auch dabei gewesen war, zu einem kleinen Experiment: Er wollte herausfinden, ob man solche kleine persönliche Couragiertheiten im Alltag gezielt stimulieren kann. Wir stiegen zusammen in eine wiederum voll besetzte Straßenbahn ein. Statt, wie es heute üblich ist, sich hinein und durch zu drängeln, riefen wir schon am Eingang »Gestatten Sie bitte« und »Würden Sie bitte hier einen Schritt zur Seite treten« sowie »Ich achte darauf, dass ich nicht auf ihre Tasche trete«. So ähnlich muss es Moses ergangen sein, als er mit seinem Stab die Fluten des Schilfmeeres auseinandertrieb, damit sein Volk hindurch konnte. Ich rempelte aus Versehen eine junge Frau an, hatte mit meinen Schuhen an ihrem Mantel gestreift, als ich über eine große Sporttasche steigen wollte. Ich nutzte den Moment, entschuldigte mich persönlich, nannte meinen Namen, bot ihr meine Karte an, damit sie mir die Reinigungsrechnung schicken konnte. Sie wiegelte lächelnd ab, es sei ja halb so schlimm, und wir kamen ins Gespräch über volle Straßenbahnen und darüber, dass sie ja für alle belastend seien. Gleichzeitig machte sich eine gewisse Unruhe um uns herum bemerkbar, eine Unruhe der Verbundenheit. Einander bis dahin wildfremde Leute erzählten sich von ihren Erlebnissen mit voll besetzten Straßenbahnen, von den Kopfschmerzen, die man dabei schnell bekommt, und was dagegen hilft (»Also, ich trage einfach etwas Tigerbalsam auf die Stirn auf«).
Was war geschehen? Wir hatten mit unserem kleinen Experiment den Mut stimuliert, einander persönlich zu begegnen. Das war alles. Und doch offenbar so viel. Gibt es ein untergründiges Bedürfnis, bei aller Sicherheit gebenden Anonymität der Großstadt, nach persönlicherer Begegnung? Und muss das nur einer anstoßen?
Eine Kleinigkeit gewiss, verglichen zum ­Beispiel mit der Courage, die jemand aufbringen muss, der beschließt, den Mount Everest zu erklimmen. Aber stecken solche gewaltigen Mut-Beschlüsse an? Augenscheinlich können jedenfalls so kleine Couragiertheiten anstecken.


AutorIn: Mathias Wais


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Ausgabe 6|2018


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