Wege in die Menschenweihehandlung

VI. Anfang und Quell sakramentalen Wirkens

Im Canon Missae, dem eucharistischen Hochgebet der römischen Messe, reicht die Tradition des lateinischen Wortlauts teilweise wenigstens bis zum Kirchenvater Ambrosius von Mailand (339 – 397) zurück. Etwa vom 6. bis ins 20. Jahrhundert blieb dieser Teil der Messfeier, dessen Mitte die Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi umfasst, in der überlieferten Form der katholischen Liturgie erhalten und wurde auch nach der Messereform des Zweiten Vatikanischen Konzils als eine von mehreren möglichen Formen des Hochgebets beibehalten.
Das Herzstück des Canon Missae ist der sogenannte Einsetzungsbericht, der in diesem Beitrag näher betrachtet werden soll. Es ist das Gebet, in dem der Priester schließlich die Worte spricht, die Christus bei der Feier des Abendmahls am Abend vor dem Tod am Kreuz gesprochen hat. Jeder auch heute in diesem Sinne vollzogene Abendmahlsgottesdienst knüpft an das Abschiedsmahl an, das Christus am Gründonnerstag mit seinen Jüngern im Ritus des jüdischen Passahmahls gehalten hat. Die Worte, die Christus nach den Dankgebeten über die Gaben des in essenischer Form gefeierten, also »unblutigen« Passahmahls gesprochen hat, fügen der damaligen Tradition des Festes etwas fundamental Neues ein: Der Meister dieses Mahls knüpft nicht nur an die Stärkung des Gottesvolkes an, das sich am Vorabend des Auszugs aus der ägyptischen Gefangenschaft zur Wüstenreise aufmacht, sondern er gibt sich selbst – sein Wesen und Sein – in diesen Worten opfernd den mit ihm Verbundenen hin. Ihre »Reise« in die neue Zeit nach Ostern ist von der Verheißung seiner fortwährenden Gegenwart begleitet.

Erinnerung und Vergegenwärtigung
In den Evangelien nach Matthäus, Markus und Lukas sowie im 1. Korintherbrief finden sich je eine Fassung des Einsetzungsberichts. Dennoch kann man aus Sicht der Liturgiewissenschaft nicht davon sprechen, dass es sich bei den Einsetzungsworten im Canon Missae um ein Zitat aus dem Neuen Testament handelt. Vielmehr gilt es als wahrscheinlich, dass die entsprechenden Passagen in den Liturgien der frühen Christen auf einer eigenen, unabhängig von der Entstehung der Evangelien verlaufenden Überlieferung beruhen. Nicht ein Evangelienzitat wird hier zum Quell der Liturgie, sondern das Wort Christi selbst. Sein »Dies tut zu meiner Erinnerung« (Lk 22,19 und 1. Kor 11,24) wurde direkt in das gottesdienstliche Handeln und Sprechen überführt. Indem Christen es wieder und wieder vollziehen, bilden sie den sakramentalen Raum, in dem sich die Gegenwart des Auferstandenen realisieren kann. Wurde im Passahfest bereits andeutungsweise die Erinnerung an den Auszug des israelitischen Volks aus Ägypten mit der Verheißung auf die Ankunft des Messias verknüpft, so spricht Christus am Gründonnerstagabend unmittelbar von seiner eigenen Präsenz in den Opfergaben, die sich im tätigen Erinnern dieses Augenblicks in der Eucharistiefeier erneuern soll. Im doppelten Sinne kann hier das Wort »Einsetzung« verstanden werden: Christus setzt sich selbst als Opfergabe ein und setzt mit der erneuerten Opferfeier von Brot und Wein zugleich das Sakrament ein, in dem wir seine Opfertat erinnern und vergegenwärtigen können.

Vom jüdischen Seder-Mahl zum christlichen Abendmahl
Beim historischen Abendmahl bleibt Christus zunächst im Rahmen der liturgischen Formen des Seder-Mahls: Er nimmt das Brot, spricht das Segensgebet darüber und bricht es, bevor er es den Jüngern gibt. Nun aber hebt er zu einer liturgischen Neuschöpfung an, indem er spricht: »Dies ist mein Leib« (Mt 26,28; Mk 14,22; Lk 22,19; 1. Kor 11,24). In der Tridentinischen Messe ist an dieser Stelle der folgende Wortlaut zu finden: »Nehmet hin und esset alle davon: Denn dieses ist mein Leib« (Schott Messbuch 1924). Danach nimmt er den Kelch, handelt wie beim Brot und spricht schließlich: »Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut« (Mt 26,28, Mk 14,24; Lk 22,20, 1. Kor 11,25). In der Tridentinischen Messe heißt es hier: »Nehmet hin und trinket alle daraus: Denn dies ist der Kelch meines Blutes, des neuen und ewigen Bundes« (Schott Messbuch 1924).

Das Rätsel der Transsubstantiation
Solange Christen Abendmahlsgottesdienste feiern, gibt es ein Ringen darum, ob und wie die Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut des Auferstandenen verstanden werden kann. Besonders heftige Auseinandersetzungen über die Transsubstantiation gab es im Mittelalter und zur Zeit der Reformation. Einigen Denkern galt und gilt sie als spirituelles Zeichen, das auf die geistige Gegenwart Christi in den Seelen der Gläubigen zielt, anderen liegt am Nachvollziehen des Wortsinnes von Christi Aussage, an einem Übergang Christi in die irdischen Gaben am Altar. Für die katholische Kirche wurde im Konzil von Trient (1545 – 1563) dogmatisch festgelegt: »Wer sagt, im hochheiligen Sakrament der Eucharistie verbliebe zusammen mit dem Leib und Blut unseres Herrn Jesus Christus die Substanz des Brotes und des Weines, und jene wunderbare und einzigartige Verwandlung der ganzen Substanz des Brotes in den Leib und der ganzen Substanz des Weines in das Blut, wobei lediglich die Gestalten von Brot und Wein bleiben, leugnet, der sei mit dem Anathema1 belegt« (Enchiridion Symbolorum 1651 f). Rudolf Steiner führt seinen Zuhörern dagegen aus der naturwissenschaftlich geprägten Weltsicht seiner Zeit (1921) den Ernst des Themas in der von ihm so genannten »Kardinalfrage« vor Augen: »Wie kann man denn in einer Welt, die sich nach denjenigen Gesetzen vollzieht, die der Naturwissenschaftler heute annehmen muss, wie kann man in einer solchen Welt davon sprechen, dass sich irgendwie ethische Impulse realisieren? Wo sollten denn ethische Impulse eingreifen, wenn wir eine universelle Naturkausalität haben?« (R. Steiner, GA 342, S. 22). Scheinbar unversöhnlich stehen sich die Standpunkte derer gegenüber, die entweder alle Welterscheinungen den Gesetzen der Naturwissenschaft unterwerfen wollen oder die spirituelle Realität der Wandlung für ein dem Verstehen unzugängliches Mirakel erklären.

Ein eingefügtes Wort als Brücke
In der Menschenweihehandlung wird gegenüber dem Wortlaut der Tridentinischen Messe bei den Einsetzungsworten im Wandlungsteil das kleine Wort »mit« eingefügt. Diejenigen, denen Brot und Wein gegeben wird, hören dazu die Worte, dass sie »... mit dem Brote ...« den Leib Christi und »... mit dem Weine ...« sein Blut empfangen. Zunächst könnte dies als Parteinahme im Abendmahlsstreit aufgefasst werden, denn hier ist ja nicht von einem Wandel die Rede, der das Brot zugunsten des Leibes Christi und den Wein zugunsten des Blutes Christi verlässt. Es wird aber nicht von einem »Verbleiben« der Substanzen oder Gestalten gesprochen, sondern es wird ein Dialograum eröffnet, in dem aus der in dem »mit« gestifteten hochzeitlichen Gemeinschaft von Brot und Leib bzw. Wein und Blut etwas Neues hervorgehen kann. Weder müssen dafür Brot und Wein bleiben, wie sie waren, noch verlieren sie sich durch die Vergegenwärtigung von Leib und Blut des Auferstandenen. Brot und Wein werden in dieser Sicht der Wandlung nicht weniger, Leib und Blut Christi treten nicht an ihre Stelle, sondern die geopferten Substanzen und der sich opfernde Gottessohn kommen in ihrem Wandel zusammen. Dies zu denken, erfordert die Bereitschaft, nicht auf einem Entweder-oder zu beharren, sondern ein Sowohl-als-auch für möglich zu halten. Christus kann uns ja auch nicht nur als derjenige gelten, der einmal in der Vergangenheit das Abendmahl als Sakrament eingesetzt hat, sondern zugleich auch als der, der sich darin immer wieder als dessen Mitte offenbart.


AutorIn: Ulrich Meier


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Ausgabe 6|2018


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