Multitasking macht dumm

Was wir sehen, hängt davon ab, wie wir unsere Aufmerksamkeit einsetzen. Oder wie Yoda sagte: ›Deine Konzentration ist deine Realität.‹« Der Psychologe Daniel Goleman1 widerspricht damit klar der Verheißung oder auch Forderung des Multitasking. Er stützt sich hierfür auf die Funktionsweisen des menschlichen Gehirns. Es kann nie gleichzeitig Dinge oder Prozesse erfassen. Wird es unter den Druck des Multitasking gesetzt, dann pendelt es zwischen Teil­aufmerksamkeiten hin und her. Das Ergebnis wird in jedem der Pendelbereiche eine Verschlechterung sein. Goleman spricht hier von einer »mentalen Verschwommenheit«. »Das alles sah der Wirtschaftsnobelpreisträger Herbert Simon schon 1977 voraus. In einem Buch über die bevorstehende Welt voller Informationen warnte er: ›Die Information verbraucht die Aufmerksamkeit ihrer Empfänger. Deshalb schafft ein Reichtum an Informationen eine Armut an Aufmerksamkeit.‹«
Auch der Ausweg aus Multitasking ist inzwischen wissenschaftlich erforscht: dass volle Konzentration auf das, was man gerade tut, subjektiv glücklich macht und obendrein die Produktivität deutlich steigert. Die Schäden des Multitaskings belegt unter anderem eine Studie in England an über 3.000 smartphonesüchtigen Mädchen.2 Multitasking senkte ihre Produktivität um 60%. Auch wenn es den Vielfachmachern persönlich nicht so erschien, litt ihr Erinnerungsvermögen, erhöhte sich ihre Fehlerrate, reduzierte sich die Kreativität, und durch das Gefühl von Kontrollverlust entstand Stress. Das Verströmen der Teilaufmerksamkeit in WhatsApp, Emails, SMS beeinträchtigte das Sozialverhalten und sogar den Schlaf. Die Smartphone-Mädchen waren in der Schule weniger integriert und anfälliger für depressive Symptome. Goleman registriert inzwischen in Unternehmen »eine mentale Verschwommenheit, die durch die Überfrachtung mit Informationen von Vortragenden, anderen Menschen im Raum und der Beschäftigung mit den Laptops verursacht ­wurde«.

Das Gegenkonzept zum Multitasking ist eine bis zum Flow erhöhte Konzentration. Das Flow-Konzept stammt vom Psychologen Mihály Csíkszentmihályi.3 Er erforschte den Glückszustand, der bei völliger Konzentration auf eine Sache entsteht, und nannte ihn Flow, da bei sehr hoher Konzentration ein Gefühl des Mitfließens und Getragenseins entsteht. Wer sich ganz in seine Tätigkeit versenkt, vergisst seine Probleme, da die Gedanken nicht mehr umherwandern. Er verliert auch das Zeitgefühl. Hohe Konzentration kann zum Auflösen des Ichgefühls führen, mit dem Ergebnis, dass man glücklich ist und sich seines Lebens freut. Nur die Gegenwart existiert. Der Kopf ist klar, da alles, was den Denkfluss behindert, ausgeschaltet ist. Man hat ein Kontrollgefühl über seine Tätigkeit, da man jederzeit weiß, was zu tun ist. Im Flow herrscht das Gefühl vor, dass nicht wir die Tätigkeit kontrollieren, sondern dass sie uns führt. Wichtig ist hierfür auch eine ablenkungsfreie Umgebung bzw. die Fähigkeit, über eine hohe selektive Konzentration zu verfügen, die man willentlich lenken kann.
Im Zustand des Multitasking hingegen wandern die Gedanken in die Zukunft und Vergangenheit oder zu anderen Menschen. Im Extremfall erscheint durch die Fülle der Gedanken jede Minute endlos. Dadurch wirken Tätigkeiten langweilig und mühsam. Die in Teilaufmerksamkeiten verschwommene Aufmerksamkeit und eine steigende Fehlerrate erzeugen das lähmende Gefühl von Kontrollverlust. Mit keiner Handlung und keinem Gedanken gelangt man an ein Ende, mit dem man zufrieden wäre. Es kommt zu häufigem Stocken und Stagnieren. Durch das Gefühl von Kontrollverlust wachsen Selbstkritik, Frust und Zweifel und letztlich eine geringe Selbstachtung.
Die Lebenskunst ist es nach Csíkszentmihályi, die hohe Flow-Konzentration in Beruf und Freizeit möglichst oft zu erleben. Sein Werk »Flow im Beruf« zählt inzwischen zu den einflussreichsten Konzepten der Mitarbeiterführung und Arbeitsorganisation. Nach Csíkszentmihályi trägt das Management eines Unternehmens die Verantwortung für ein »Klima positiver Ordnung«. Erst dann – und nicht durch Multitasking – steigt die Produktivität der Mitarbeiter, weil sie dann konzentriert arbeiten, ihre Talente einbringen und ihre Arbeit weniger als Zwang erleben.
Fazit: Im Flow-Zustand – dem Anti-Multitasking – steigt die Produktivität, das Erinnerungsvermögen, die Fehlerrate sinkt deutlich, das Gefühl von Kontrolle über die Tätigkeit führt in innere Ruhe, die Kreativität steigt deutlich, und das Einfühlungsvermögen gegenüber sich selbst und anderen erhöht sich, was zu einem guten Arbeitsklima führt.

Selektive Aufmerksamkeit als Gegenwehr
Wem das Glück eines Flow-Unternehmensklimas nicht vergönnt ist, kann dem Terror des Multitasking und damit der Aufmerksamkeits-Zertrümmerung durch das Einüben »selektiver Aufmerksamkeit« entrinnen. Selektive Aufmerksamkeit ist die »Fähigkeit, seinen Geist nur auf ein einziges Ziel zu richten und gleichzeitig eine Flut anderer Reize zu ignorieren, von denen jeder potenziell ein Gegenstand der Aufmerksamkeit sein könnte«.4 Zu Reizen zählen sensorische, wie beispielsweise Geräusche oder Bilder, und emotional aufgeladene Signale wie zum Beispiel Werbung oder Drohungen.
Wer diese Fähigkeit trainiert, kann inmitten zahlreicher Aufmerksamkeitsköder trotzdem seine Aufmerksamkeit anhaltend auf einen laufenden Vorgang richten. Mönche üben in Meditation ein, wie sie der reizgetriebenen Fesselung durch willentliche Konzentration entkommen können. Wer diese Kunst beherrscht, wird im Alltag und in der Familie weniger durch Vielmachen ausfransen und sich weniger durch emotionale Köder wie Neugier auf neue Emails oder Nachrichten in sozialen Netzwerken verzetteln. Stattdessen geht er EINER glückbringenden Tätigkeit nach, bis er sie für sich zufriedenstellend zu Ende geführt hat.

Minimalistischer Lifestyle als Gegenkultur: Besitz kostet Aufmerksamkeit
Eine trainierte selektive, willentlich gesteuerte Aufmerksamkeit ist zwar zentral, um sich gegen die Zersplitterung des eigenen Geistes und Lebens zu wehren. Sie reicht jedoch nicht, um das eigene Leben trotz normaler Widrigkeiten in einen Glücksflow zu verzaubern. Denn Multitasking lauert sogar in den eigenen vier Wänden! Mönche, deren ganzes Leben auf größtmögliche Flow-Konzentration im Hier und Jetzt ausgerichtet ist, wussten, dass auch Dinge, die einen täglich umgeben, quasi wie Mitbewohner Aufmerksamkeit und Pflege verschlingen. Inzwischen entdecken Menschen auf areligiösem Weg die Weisheiten des Mönchtums wieder, um sich vom dumpf machenden Verzetteln des Multi-Lebens zu retten. Mönchischer Minimalismus ist als Weg zur Maximierung des Glücks wiederentdeckt worden. Reduktion erzeugt Konzentration und bringt Flow in den Alltag.
So zählt es zum Credo der Japanerin Marie Kondo, dass »Reduzieren viel wichtiger ist als Addieren«, um glücklich zu leben. Sie rät Glückssuchern, nur wenige schöne Dinge, die man von ganzem Herzen liebt, zu behalten. Hierfür muss man unter anderem durch Berühren jedes Gegenstandes in der Wohnung herausfinden, warum er in die eigenen vier Wände kam, warum man ihn bislang behalten hat und ob einen im Berühren spontan Glück durchströmt. Durch diesen voll bewussten, jedes Ding befragenden Prozess wird »das Aufräumen der kürzeste Weg zur Selbsterkenntnis«. Wer durch diese Bewusstwerdung im Befragen und Wegwerfen hindurchgegangen ist, ist vor Frust- und Fehlkäufen gefeit. Auch ein Anhaften an der Vergangenheit oder Unsicherheit vor der Zukunft werden im dankbaren Verabschieden der Dinge aufgelöst. Ein Zusatz-Tipp des Minimalisten Fumio Sasaki:5 »Werfen Sie weg, was Sie nur zum Angeben besitzen.«
Eine solcherart geklärte Wohnung spiegelt in jedem Gegenstand die Leitwerte des eigenen Lebens wieder und stärkt die Persönlichkeit, statt sie zu zerstreuen. Absolute Konzentration und ein Glücksflow wie in einem Kloster stellen sich erst ein, wenn der Bewohner nur noch wenig für seine Umgebung sorgen muss. Jeder beherbergte Gegenstand sendet Bitten aus: »Staube mich ab! – Wann liest Du mich endlich? – Ich war teuer, wann ziehst Du mich an? – Du wolltest endlich mit mir wandern! – Repariere mich!« Dadurch umgeben uns Dinge mit einem Wall aus Multitasking-Forderungen. Die Mauer der fordernden Dinge ist das Gegenteil vom Fluss des Lebens, in dem wir mühelos getragen werden. Für ein minimalistisches Leben zugunsten von maximalem Glück gilt es ferner, sich vor der Informationsflut zu schützen. In der an Zeitungen, Radio oder Internet verfransten Aufmerksamkeitszeit kann man sich stattdessen auf das eigene vollkommene Wesen zurückbesinnen und es spüren – bis man die Vollkommenheit in sich und in allen Dingen wahrnimmt. Der japanische Lebens-Minimalist Fumio Sasaki lebt glücklich mit nur ganz wenigen Dingen in seiner Wohnung. Dadurch hat er viel Zeit zum Genießen und bleibt offen für den Fluss des Lebens. Sasaki rät Glückssuchern: »Verringern Sie Ihren Besitz, um weniger Botschaften von ihm zu erhalten. Minimalisten brauchen weniger Speicherkapazität für die Verwaltung ihrer Dinge, ihr Gehirn kann ungestörter funktionieren.« Ebenso rät er zum »Informations-Minimalismus«. Sein Credo lautet: »Wir entdecken unsere Unverwechselbarkeit, sobald wir weniger besitzen.«


AutorIn: Sabine Bobert


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Ausgabe 9|2018


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