Sammeln und zerstückeln

Was lassen wir die digitale Welt mit uns machen?

Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut (Mt 12,30). – Dieses Wort des Christus weist auf eine offenbares Geheimnis der Welt und des Menschen hin, das ich im Folgenden an Hand einiger Symptome unserer technisierten Welt zu beschreiben versuchen möchte.

Wir kommen zunehmend in Situationen, in denen es nicht mehr einfach ist, zu unterscheiden, ob wir am Telefon oder über das Internet mit einem lebendigen Menschen sprechen oder mit einem Roboter. In der Geschäftswelt sind technischen Erleichterungen und Möglichkeiten, »Personalkosten« zu senken, immer willkommen. Die Maschine kann »hören«, »lesen«, »sprechen« und »schreiben«. Ja, sie kann sogar einfache Sätze verstehen und auf Fragen antworten. Komplexere Sachverhalte sind ihr aber noch verschlossen. In einem solchen Fall hilft sich die Maschine damit, dem Gesprächspartner verschiedene Optionen anzubieten. »Hoppla«, wundert man sich dann, »was sollen denn jetzt diese ›Antworten‹, die verwirren doch mehr, als dass sie helfen? Werde ich denn überhaupt verstanden?« Schließlich, so erlebte ich es vor Kurzem in einer Mailkorrespondenz, schaltete sich eine zweite Gesprächspartnerin ein mit der Bemerkung: »Ich habe von meiner Kollegin übernommen und mich eingelesen in Ihren Schriftwechsel. Ihre Frage kann ich folgendermaßen beantworten …« Mir wurde klar: Jetzt (erst) ist menschlicher Sachverstand am anderen Ende der Leitung – die Maschine hat kapitulieren müssen. Vermutlich hat meine Grammatik in den Erläuterungen zum Geschäftsvorfall nicht den vorgegebenen Mustern entsprochen.

Schon länger haben viele Menschen die Gewohnheit, mit ihren Smartphones alles Mögliche aufzunehmen, z.B. das gerade gemietete Auto, das Bergpanorama, die Dauer und Andrucksstärke beim Zähneputzen über die Bluetooth-Verbindung der smarten Zahnbürste. Vieles andere ließe sich hier noch anführen – bedeutungsvolle und sinnlose Daten. Alles wird gesammelt, und die erhobenen Daten werden dann der Allgemeinheit im Internet zur Verfügung gestellt. Das geschieht sowohl bewusst als auch unbewusst. Wir hinterlassen über das Internet unsere Spuren in der virtuellen Welt. Wo auch immer wir online »unterwegs« sind, werden persönliche Daten weitergegeben. Und immer mehr bleibt uns das verborgen: das GPS im Auto, das Tracking durch die aufkommende Beacon-Technologie (1) in Kaufhäusern, die Kameras auf den öffentlichen Plätzen.
Gleichzeitig sind zunehmend mehr Menschen dazu bereit, die Optimierung der weltweiten Datenverwertung zu unterstützen. Je mehr Daten preisgegeben werden, desto besser werden unsere Gewohnheiten »erkannt«. Das daraus resultierende Wissen innerhalb der virtuellen Welt bildet die Grundlagen für eine neue Autorität, weil wir von ihr auch profitieren. Entscheidungen werden uns abgenommen, denn wenn das System bald mehr über uns weiß als wir selbst – warum soll man dann nicht darauf zurückgreifen?
Außerdem steht die Fülle des Wissens heute nicht nur in Bibliotheken, sondern eben auch im World Wide Web zur Verfügung. Die klassischen Bibliotheken werden integriert, da auch ihre Bestände zunehmend digitalisiert werden. Und künftig werden wichtige persönliche, berufliche oder geschäftliche Entscheidungen nicht mehr getroffen, bevor nicht das »Internet« dazu befragt wurde. Dort sind nicht nur alle unsere Gesundheitsdaten, unsere Reisen, die Art, wie ich Auto fahre, gespeichert, sondern auch, was ich gelesen, gekauft und für welche Themen ich mich interessiert habe, an welchen Petitionen ich teilgenommen habe und wer mit wem in Beziehung steht. Dazu gehören auch alle Termine, die in den elektronischen Kalendern selbst oder automatisch (z.B. über das Mail-Programm) eingetragen wurden. Auch Heiratsempfehlungen werden aufgrund der statistischen Auswertung der eigenen Daten und der des potentiellen Partners gegeben und dem Fragenden zur Verfügung gestellt.

Eine zunehmende Abhängigkeit zwischen virtueller Welt und konkretem Leben baut sich auf. Früher war die Autorität die göttliche Welt. Im Humanismus verlagerte sich die Autorität dann von außen nach innen. Der Mensch mit seinen Gefühlen und Empfindungen, seinen eigenen Gedanken traf seine Entscheidungen – auch gegen äußere gesellschaftliche Autoritäten. Noch ist das auch heute weitgehend so. Dennoch, das Internet gewinnt stark an Einfluss und Macht. Geradezu religiöse Züge sind im Umgang damit erkennbar: Vertrauen, Hoffnung auf eine bessere Zukunft und Ehrfurcht werden ihm entgegengebracht: Der »Dataismus« – eine Religion, die auf die digitale Welt setzt, etabliert sich. Nichts soll den freien Datenfluss hemmen, im Datenflow wächst der Mensch über seine Begrenzungen hinaus.(2)

In der Welt ordnet sich der Mensch in die herrschenden irdischen Gesetzmäßigkeiten ein, die er aus dem Vorgeburtlichen nicht kannte.
Der Mensch hat sich von der Natur ein Stück weit emanzipiert und steht ihr so freier gegenüber als die Tiere. Eine wirklichkeitsgemäße Wissenschaft erkennt den Menschen als ein Wesen, welches auf die Freiheit hinorientiert ist. Bis in den Aufbau der körperlichen Gestalt hinein kann eine Biologie der Freiheit des Menschen beschrieben werden.(3) Diese Freiheit bedeutet nicht zuletzt, dass dem Menschen die Macht gegeben ist, die Natur zu zerstören. Andererseits muss er aber auch Verantwortung für sein Tun übernehmen. Er hat dieses Zerstörungspotential, weil er sich mit seinen technischen Errungenschaften aus den natürlichen Zusammenhängen herausgelöst hat. Rudolf Steiner sieht diese Emanzipation der Technik aber so an, dass sie sich nach unten von der Natur entfremdet hat, also eine Unternatur bildet.(4) Gegenwärtig ist die virtuelle Welt Ausdruck für diese weitreichende, von der Natur losgelöste Technik. Die virtuelle Welt ist digital aufgebaut. Digital aber heißt zerstückelt. Unsere Welt wird in Stücke gerissen, sobald wir sie in die virtuelle Welt überführen. Der Sinn ist ausgetrieben. Die Schnittstelle zur physischen Welt bilden die Computer und Smartphones mit der dazugehörenden Software und ihren Algorithmen.

Im Gegensatz zu den Dataisten, die sich das Zukunftsheil von einem freien Informationsfluss erhoffen, gibt es auch die Skeptiker, die Sorge haben, dass die Technik sich gegen den Menschen erhebt und ihn zunehmend fremdbestimmt.
Hierzu äußert sich der amerikanische Informatiker und Buchautor Pedro Domingos wie folgt: »Hinreichend fortschrittliche Intelligenz ist von Gott nicht unterscheidbar.« Sie sei wie Magie, und die Menschen fürchten sich vor einem Aufstand der Maschinen. Der aber, so Domingo, werde nicht geschehen: »Maschinen haben keinen Willen. Sehr wohl aber ist es möglich, dass wir freiwillig den Maschinen die Kontrolle überlassen, einfach, weil sie so großartig sind und mehr Daten verarbeiten können als wir. Ist ein Smartphone nicht wie Magie?«(5)
Domingo führt dann weiter aus, dass wir Menschen (wie immer schon) verführbar sind, was hier bedeutet, dass wir Entscheidungen der künstlichen Intelligenz überlassen, die wir selbst treffen sollten. »Aber in Wahrheit ist es nicht die künstliche Intelligenz, die Entscheidungen trifft. Es sind die Leute, die die künstliche Intelligenz kontrollieren.«(6)
Es liegt also eine enorme Verantwortung bei den Menschen, welche die Algorithmen schreiben. In dieser Verantwortung liegt es auch, die technische Welt so einzurichten, dass uns aus aller Zerstückelung wieder etwas Sinnvolles entgegenkommen kann.
Wo dieses Sinnvolle sicher nicht zu erwarten ist, ist in der »Verschmelzung« von Mensch und Maschine (Transhumanismus), von der Yuval Noah Harari spricht, wenn er den kommenden Niedergang des Homo sapiens verkündet und das Entstehen des Homo deus, als optimale Verbindung von Mensch und Maschine. Das Wort Verschmelzung suggeriert eine Einheit, die in Wirklichkeit aber in eine Welt der Zersplitterung hineinführt, da sie ohne Digitalisierung nicht auskommt.

Die Emanzipation des Menschen von der Natur ist eine Zwischenstufe in der Evolution, die den Mensch als freies Wesen schöpferische Kräfte finden und entwickeln lässt, so dass er ein Mitgestalter der Zukunft sein kann, die sich vom Transhumanismus grundlegend unterscheidet. In einer aus Freiheit gestalteten Zukunft geht es nicht um das Trennende, sondern um jene Kraft, die die Menschen in ihrer Freiheit verbindet und den Willen so stärkt, dass er sich ohne Eigeninteresse dem Mitmenschen und der Welt über und unter sich zuzuwenden vermag.

Wer sich nicht mit dem Ich, das in Mir ist, verbindet, der wirkt gegen das Ich; und wer nicht mit Mir für die innere Sammlung wirkt, der dient der Ich-Zersplitterung. (Lk 11,23) (7)

Für unsere heutige Zeit erhält das Wort aus dem Evangelium vor dem dargestellten Hintergrund einen aktuellen, apokalyptischen Bezug, der nicht nur den Christus ins Gedächtnis ruft, sondern aufmerksam macht auf die Widersachermächte, die dem Ich des Menschen entgegenstehen.
Die Technik soll uns dienen, sie möge uns aber nicht verschlingen, indem wir uns selbst aus der Hand geben, aufsaugen und in virtuelle Räume zerstückeln lassen.

(1) Vgl. »Sie kennen unsere geheimsten Wünsche« in: Stuttgarter Zeitung vom 30.6./1.7.2018, S. 18
(2) Yuval Noah Harari: Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen, München 2017
(3) Bernd Rosslenbroich: Entwurf einer Biologie der Freiheit. Die Frage der Autonomie in der Evolution, Stuttgart 2018
(4) Rudolf Steiner: »Von der Natur zur Unternatur« in: ­Anthroposophische, GA 26 Leitsätze, GA 26.
(5) DER SPIEGEL vom 14.4.2018, S. 109
(6) Ebd.
(7) In der Über­setzung von E. Bock


AutorIn: Martin Merckens


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Ausgabe 9|2018


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