War Opa Jupp bescheiden oder genügsam?

Beim Leichenschmaus klärte es sich

Wie kam es zu dieser kniffligen Frage, ob der Müllermeister Jupp H. bescheiden oder genügsam gewesen sei? Es kam so: Gerade war Jupps Leichnam der Erde übergeben worden. Man hatte sich sogleich im »Dorfkrug« eingefunden, wohin Hilde zum Leichenschmaus eingeladen hatte. Schweigsam hatte man sich einer deftigen Gemüsesuppe gewidmet. Während die Wirtstochter nun abräumte und für den Nachgang neu eindeckte, schien es allgemein passend, dass man – mal der eine, mal der andere – aufstand zu einer kurzen Ansprache: Worte der Erinnerung, des Verlustes, Humoriges auch, Worte des Trostes an Hilde wurden geschmiedet. Nun erhob sich auch Johann, Jupps und Hildes Nachbar, und begann mit dem – wie sich gleich zeigen sollte – verhängnisvollen Satz: »Jupp war ein bescheidener Mensch.«
Hilde, bisher gelassen, mal schmunzelnd auch, den Kopf leicht gesenkt, den trauernden Rednern zuhörend, hob nun, ja, warf unvermittelt den Kopf hoch, blitzte Johann an und sprach – und es hörte sich eine Spur zu scharf an: »Nein, Jupp war nicht bescheiden.« Augenblicklich entwich die Luft, die Johann bereits eingesogen hatte und die voraussichtlich für die nächsten zwei Sätze gereicht hätte, aus seinem Brustkorb, und zwar durch die fast geschlossenen Lippen hindurch, so dass ein leises Pfeifen zu vernehmen war. Die Trauergäste verspürten den Ansatz eines Fluchtreflexes. Eine Ahnung von Ungemütlichkeit hatte sich eingestellt.
Hilde setzte nach, nun schon etwas milder im Ton: »Genügsam war er, nicht bescheiden.«
Man hatte sich auf ein Stück des avisierten Marmorkuchens als Nachtisch eingestellt, eine gepflegte Tasse Kaffee und, gegebenenfalls, einen Obstler danach, nicht aber auf sprachliche Spitzfindigkeiten.
»Jupp war reich, weil ihm das genügte, was er brauchte«, fuhr Hilde fort. Johann blieb wie erstarrt stehen, hätte sich jetzt aber lieber unter dem Tisch gesehen.
»Er war nicht bescheiden. Im Gegenteil. Man muss ihn als anspruchsvoll bezeichnen, denn er begnügte sich nur mit Dingen oder Tätigkeiten, wenn sie rund, in sich vollständig, elementar waren. Wie von Gott gegeben, wie er oft sagte. Wenn du bescheiden sein willst, verzichtest du auf etwas. Jupp verzichtete nicht. Er hatte den höchsten Anspruch – den Anspruch auf Einfachheit und Stimmigkeit.«
Hilde war im Dorf nicht für lange Worte bekannt, nun aber hielt sie nichts mehr. »Wenn er in seiner Mühle werkte, die Kammradbremse gelöst, die Flügelklappen der Windstärke entsprechend geöffnet und den Läuferstein mit den Bleigewichten ausbalanciert hatte und wenn dann diese elementare Technik das Korn aufschloss, schien er mir geradezu meditativ in sich zu ruhen. Während der Läuferstein rotierte und der Rüttelschuh klapperte in schöner Gleichmäßigkeit, dann trat er vor die Tür und steckte sich seine Pfeife an.«
Hierauf meldete sich Karl-Heinz, der Müllerkollege aus dem Nachbardorf. »Ja, er lehnte alles ab, was über den elementaren Vorgang, mit dem die Windkraft das Mahlwerk antreibt, hinausging. Als in den fünfziger Jahren die elektrisch angetriebenen Walzenstühle aufkamen, die einen wesentlich schnelleren Korndurchsatz erlaubten, blieb er bei der Windkraft und sagte: ›Wenn etwas vollständig ist, kannst du es nicht steigern.‹«
Ein weiterer Gast erhob sich: »Weil du seine Pfeife erwähnst, Hilde: Er war der einzige Pfeifenraucher, der nur eine Pfeife besaß. Jede weitere wäre ihm überflüssig erschienen. Wenn die Pfeife einmal ruhen musste, mal durchkühlen musste, dann rauchte er eben nicht für ein, zwei Tage.«
Dann wieder Hilde: »Und er sagte immer: Wenn ich mehr habe, als ich brauche, fühle ich mich arm, scheint mir etwas zu fehlen. Denn jedes Zusätzliche weckt Begehr nach weiterem Zusätzlichen. Überfluss macht unzufrieden, sagte er. So machte er sich manchmal lustig über Müllerkollegen, die ständig die Wetter-App auf ihrem Smartphone im Auge behielten. Man kann auch vor die Türe treten, sagte er dann, die Bewegungen der Bäume und die Tiere beobachten, dann erfährt man auch, welches Wetter, welcher Wind zur Mühle kommen. Aber diese Wetter-Apps stellen nie zufrieden. Stets will man eine noch genauere haben. Jede App verlangt nach der nächsten oder noch besseren. Können solcher Art Gerätschaften je Zufriedenheit, gar Genügsamkeit hervorrufen? Wenn du ein Fahrrad hast mit 21 Gängen, sagte er, dann sehnst du dich bald nach einem Fahrrad mit 28 Gängen.«
Linde, Jupps Schwester, warf ein: »Von Kindheit an hatte er immer ein Fahrrad ohne Gänge.«
Nachbar Johann, der sich inzwischen etwas außerhalb der Schusslinie wähnte, setzte sich so unauffällig wie möglich. Da sprach Hilde ihn schon wieder an: »Wir können zufrieden sein, wenn etwas abgerundet ist. In sich ruht, richtig und vollständig ist. Erst was darüber hinausgeht, ruft die Frage der Bescheidenheit auf: Können wir da auf etwas verzichten? Verstehst du, Johann?«
Während Johann noch nach einer hoffentlich nicht anstoßenden Antwort suchte, war Hilde aber schon wieder weiter. »Abends saßen wir vor der Mühle und sahen dem Sonnenuntergang zu, während andere Leute durch die Fernsehprogramme zappten. Ist das Bescheidenheit? Nein, bescheiden waren wir nicht. Es musste der volle Sonnenunterhang sein, eine gute Stunde lang. Wir waren aber genügsam.«
Hildes Worte riefen eine fast andächtige Stille hervor. Es war Finny, die sechzehnjährige Enkelin, die die Stille beendete: »Oma, hat es deswegen heute nur Gemüsesuppe und ein Stück Marmorkuchen gegeben?«
Hilde lächelte verschmitzt. »Du hast es erfasst. Es war sein Wunsch – ›Gemüsesuppe und ein Stück Marmorkuchen. Das genügt‹, sagte er.«


AutorIn: Mathias Wais


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Ausgabe 10|2018


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