Einigkeit ist keine Naturgegebenheit

Einigkeit ist keine Naturgegebenheit, sondern eine zu schaffende Kultur

Gern würde ich in den Tagesnachrichten regelmäßig offizielle Lageberichte über die Einigkeit der Menschen erhalten. Dafür gäbe es viele Ebenen: Einigkeit in politischen Fragen, die mehr oder weniger große Regionen betreffen, Einigkeit unter zusammenlebenden oder zusammenarbeitenden Menschen, Einigkeit in Bezug auf Erkenntnis- oder Glaubensfragen in der Wissenschaft oder in den Religionen. Wohl verstanden: Es geht mir nicht um erzwungene Einförmigkeiten, sondern um Geschichten der Einigung aus der Vielfalt gelebter Unterschiedlichkeit.

Die alte Geschichte vom Turmbau zu Babel in der Hebräischen Bibel erzählt vom Anfang des Falls in die Uneinigkeit der Menschen. Sie beginnt mit einem Vorhaben der damaligen Menschen: »Und sie sprachen: Wohlan, lasst uns eine Stadt bauen und einen Turm, dessen Spitze bis an den Himmel reicht, dass wir uns einen Namen machen, damit wir ja nicht über die ganze Erde zerstreut werden!« (1 Mose 11,4). Damals ging es um den Übergang von einer Sprache, die offenbar allen Menschen zu einer guten Verständigung untereinander diente, in die so genannte Sprachverwirrung, in eine Vielzahl von Sprachen wie wir sie heute kennen. Diese Sprachvielfalt wird als eine Tat der Götter ins Werk gesetzt: »Wohlan, lasst uns hinabsteigen und dort ihre Sprache verwirren, damit keiner mehr die Sprache des anderen versteht! So zerstreute der Herr sie von dort über die ganze Erde, und sie hörten auf, die Stadt zu bauen. Daher gab man ihr den Namen Babel [hebr.: Verwirrung], weil der Herr dort die Sprache der ganzen Erde verwirrte und sie von dort über die ganze Erde zerstreute« (1 Mose 11,7–9).

Lässt man die allzu vordergründige Erklärung dieser Bibelstelle als Bestrafung des Hochmuts der Turmbauer außen vor, so ergibt sich das Bild eines Entwicklungsschrittes von der Einheit in die Vielfalt. Für uns wird gerade in den sozialen Herausforderungen der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung deutlich, dass der Versuch, wieder in eine Einigkeit des Anfangs zurückkehren zu wollen, schon lange nicht mehr zeitgemäß ist. Er würde heute als Anmaßung, als »von oben herab« oder als Fremdbestimmung erlebt werden. Zum Selbstverständnis von Christen gehört die volle Anerkennung der Vielfalt in der Gemeinschaft, wie es Paulus im 12. Kapitel des 1. Korintherbriefs dargestellt hat – Einheit im Geist, aber aus der Vielfalt göttlicher Gnadengaben.

Vielfalt, so kann man sagen, ist heute nicht das Problem, sondern der Anfang zur Lösung der Frage nach der Einigkeit. Akzeptieren wir uns, jeder für sich und im Blick auf die anderen Menschen, als vielfältig, kann als nächster Schritt nach einer neuen Einigkeit Ausschau gehalten werden, wie es im Gottesdienst der Menschenweihehandlung im Gebet ausgesprochen wird: »So schenke Er Einigkeit seinen Bekennern ...« Dieses Geschenk wäre nach der Sprachverwirrung die zweite Göttertat, die uns in neuer Weise untereinander und mit Gott in Verbindung bringen kann.

Ulrich Meier,  27.11.2021

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Einigkeit ist kein Naturereignis, sondern eine zu schaffende Kultur

 

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