Verlust und Wiedergewinnung der Moral

Verlust und Wiedergewinnung der Moral

Es hat sich in den vergangenen Jahren in unserer Kultur und Zivilisation eine Art Verlust ereignet. Die Menschheit hat etwas verloren, was bisher immer noch eine gewisse Zuverlässigkeit, Würde, Achtbarkeit, Redlichkeit und Ehrbarkeit mit sich brachte. Dieses zivilisatorische Kleid unserer bürgerlichen Demokratie, das ja auch ein gewisses Maß an Schutz und Sicherheit bedeutet hat, ist weitgehend zerrissen und abgefallen. Die Ehrbarkeit hat sich unmerklich davongeschlichen. Gleichzeitig wird in bisher nicht gekannter Weise moralisiert. Die Zeitungen sind voll davon, das Leben leider auch. Je stärker die Moralkeule geschwungen wird, desto unhöflicher wird die Gesellschaft, die Umgangsformen nicht nur im persönlichen Miteinander, sondern auch zwischen Staat und Bürger, verrohen in bedenklicher Weise.

Daraus folgt, dass sich die Frage der Selbsterhaltung zumindest für uns Europäer heute nicht auf das tägliche Brot bezieht, sondern mehr noch auf das Gebiet der Gedankenbildung und Moral. Es gehört inzwischen zu den allgemeinen Lebensaufgaben, sich mit den Gedanken der Zeitgenossen zu befassen, deren Tragweite abzuschätzen und sich ein eigenes Urteil zu bilden, ohne sich einfach durch Autorität imponieren zu lassen. So ist es nicht nur unser Recht, sondern geradezu eine Pflicht, sich aktiv in die Gedanken- und Ideenbildung einzubringen und die eigene Urteilsfähigkeit immer umfassender auszubilden und zu entwickeln. Jeder von uns hat genügend gesundes Empfinden für die Würde des Menschen, für Wahrheit und Schönheit, um Wesentliches beizutragen. Aber mit dem Verschwinden von Ehrbarkeit geht eine immer stärkere Wirksamkeit von Sprech- und Gesinnungs-Polizei einher. Gender-Sprechvorschriften und das Verbot, bestimmte Begriffe auszusprechen, werden penibel kontrolliert und können bei Verstoß gegen die geltende Etikette schnell zu einem Verlust von Stellung und Beruf führen. Abweichende Meinungen werden kaum noch toleriert. Im Internet und in den sozialen Netzwerken wird eifrig gelöscht, was nach »Fake-News« oder »Hate-Speech« riecht oder auch nur falsch verstanden werden könnte. Die Strafmaßnahmen nehmen zu. Es ist also nicht mehr ganz einfach, sich unbefangen zu äußern und in den Diskurs einzubringen – die Eiferer und Fanatiker auf allen Seiten werden immer mehr und immer extremer – und mancher muss nicht nur seine berufliche Reputation, sondern auch den Verlust der bürgerlichen Existenz fürchten. Es gilt leider in vielen Bereichen wieder das arabische Sprichwort: »Wer die Wahrheit sagt, braucht ein verdammt schnelles Pferd.« Aber Schwierigkeiten sollten uns nicht hindern, mit aller Kraft am Menschheitsfortschritt, der ja vor allem ein Bewusstseinsfortschritt sein muss, mitzuarbeiten.

Am 1. Weihnachtsfeiertag 2021 ist in Südafrika Desmond Tutu im Alter von 90 Jahren gestorben. Mir scheint, dass sich in seinem Schicksal ein positives Beispiel dafür findet, den angedeuteten Bewusstseinsfortschritt zu ermöglichen. Eigentlich wollte er immer Arzt werden, aber weil das Geld für eine solche Ausbildung nicht reichte, wurde er Lehrer. Den Lehrerberuf gab er wegen politischer Vorgaben des Apartheid-Regimes auf und wurde Priester der Anglikanischen Kirche. Für einen theologischen Masterabschluss ging er für vier Jahre nach England. Er wurde schließlich zum Generalsekretär des Südafrikanischen Kirchenrates gewählt und konnte in dieser Eigenschaft fast alle südafrikanischen Kirchen zur Zusammenarbeit gegen Apartheid gewinnen. 1984 bekam er für diese seine Arbeit den Friedensnobelpreis. Damit konnte sich auch der Staatsapparat nicht mehr seiner Ausstrahlung entziehen. Sein unerschütterlicher Glaube an die Möglichkeit eines gewaltlosen Wandels zog auch immer mehr weiße Südafrikaner an. Er wurde zur Symbolfigur der Schwarzen und immer stärker auch als Gesprächs- und Verhandlungsführer von der weißen Regierung akzeptiert, ein Genie der menschlichen Aussöhnung. Das Ende des Apartheid-Regimes wurde eine auch von den Weißen akzeptierte und begrüßte Wirklichkeit. Den später viel gebrauchten Begriff der Regenbogennation hat Desmond Tutu geprägt. Seit 1995 war er der Vorsitzende der Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika, einer Einrichtung, die wohl noch für lange Zeit als ein Modell zur Überwindung schwerer gesellschaftlicher Konflikte dienen kann. Er und Nelson Mandela haben in Südafrika etwas in dieser Welt unmöglich scheinendes möglich gemacht. Muss nicht Hoffnung auch in der geistigen Welt keimen, wenn ein solches Genie der Menschenliebe und Versöhnungsfähigkeit auf der Erde gelebt hat? Kann etwas von diesen Fähigkeiten, mit denen er ins Nachtodliche geht, zurückstrahlen in unsere Verhältnisse?

Martin Kühnert, 03. Februar 2022

 

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