Gemeindebrief von Michaeli zu Advent 2020

 Unsere Ängste sind wie Drachen,
die unsere größten Schätze bewachen.
Novalis

 

Esslingen, im September 2020

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
der Gegensatz zu Licht ist Finsternis. Wir stehen jetzt
im Jahreslauf an dem Punkt, an dem sich Licht und
Finsternis die Waage halten. Das ist die Zeit Michaels.
Er nimmt den Kampf mit dem Drachen auf, so wird er
oftmals dargestellt. Aber er ist auch derjenige, der die
Waage hält, mit der er die Seelen der Menschen wiegt.
In unseren Seelen erleben wir den Gegensatz, ja
manchmal auch den Kampf der lichten und der
dunklen Seite. Das muss jeder von uns in seinem
Leben, an der Stelle, an der er gerade steht, durchleben
und erringen.
Eines der dunkelsten Gefühle, das wir erleben, ist
Angst. Im Gegensatz zu anderen Gefühlen zeigt sich
Angst oft nicht unmittelbar. Dann verbirgt sie sich
hinter anderen Erscheinungen unserer Seele oder
unseres Leibes und es kann bisweilen lange dauern, bis
wir sie als das erkennen können, was sie ist.
Sie verbirgt sich, wie auch Drachen sich im Märchen
oft in Höhlen verstecken und sich nur manchmal
zeigen. Erst wer den Kampf gegen den Drachen
aufnehmen will, dem zeigt er sich.
Novalis spricht nun davon, dass unsere Ängste wie
Drachen sind. Unsere eigenen Angstdrachen
bewachen, so sagt er weiter, das Kostbarste, was wir
haben – unsere größten Schätze, das, was aus unseren
Herzen in die Welt fließen will.
So können wir unsere eigene Angst als etwas
verstehen, das vor unserem Licht steht, es verbirgt und
uns nur einen Schatten wahrnehmen lässt. Wo ein Schatten ist, muss eine Lichtquelle sein, oder anders
gesagt: wo immer wir Angst haben, gibt es dahinter
einen Schatz, der darauf wartet, von uns entdeckt zu
werden.
In der Michaelizeit kann uns besonders deutlich
werden: Dass wir in dieser Auseinandersetzung
zwischen unserem Licht und unserer Finsternis nicht
alleine stehen, sondern uns vielmehr verbunden fühlen
dürfen mit dem kraftvollen Kämpfer Michael.
Uns allen eine ermutigende Michaelizeit wünschend
grüße ich sie herzlich
Ihre
Sabine Silberhorn