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23.06.2021

Die »Kardinalfrage«

»Wo sollten denn ethische Impulse eingreifen,

wenn wir eine universelle Naturkausalität haben?«

Unter einer Kardinalfrage versteht man eine grundlegende Frage, durch deren Beantwortung sich ein Zusammenhang, ein Sachverhalt entscheiden oder in einer wesentlichen Eigenschaft bestimmen lässt.

Im Juni 1921 versammelten sich in der Landhausstraße in Stuttgart 18 Persönlichkeiten (darunter Emil Bock, Rudolf Frieling, Gottfried Husemann und Gertrud Spörri) mit Rudolf Steiner zu einem »Theologenkurs«; aus dem sich daraus ergebenden Verlauf kam es 15 Monate später zur Gründung der Christengemeinschaft.

Gleich in der ersten Sitzung kam Rudolf Steiner auf die von ihm so genannte Kardinalfrage zu sprechen: Wir wirkt Geistiges im Physischen?! Und es wurde deutlich: Nur wenn dazu Gesichtspunkte und ein positives Verhältnis gewonnen werden können, ergibt das Zugehen auf religiöse Erneuerung Sinn. Denn in einer geschlossenen Welt der Naturkausalität ist kein Platz für ein wirksames Gebet, sei es allein oder in Gemeinschaft, ja ist kein Platz für irgendwelche moralischen Impulse, die nicht aus dem Naturzusammenhang kommen.

Von dem Kultus, der grundlegend für die Gemeinschaftsbildung und für das Wirken der Christengemeinschaft ist, war seinerzeit nur andeutungsweise die Rede. Die Kardinalfrage ist aber unverbrüchlich damit verbunden: Der Kultus ist ein Sinnesgeschehen, aber gleichwohl so geartet, dass darin Übersinnliches zur Erscheinung kommt, sich ausspricht. Sonst wäre er nur ein leeres Symbol. – Dieses Übersinnliche im Sinnlichen zu erleben und erkennen, also ein Geistbewusstsein auszubilden und daraus in der Welt zu wirken, ist Aufgabe derer, die sich mit ihm verbinden.

Johannes Roth