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10. Juni 2020

»Dass Gott dreieinig sei, zeigt dir ein jedes Kraut …«

Der »Sonntag Trinitatis« und die »Allgemeine Zeit«

Der Sonntag nach Pfingsten, der in diesem Jahr auf den 7. Juni fiel, ist seit über einem Jahrtausend dem besonderen Gedenken an die göttliche »Dreieinigkeit« bzw. »Dreifaltigkeit« gewidmet.

In der Christengemeinschaft hat dieser Sonntag kaum je eine besondere Rolle gespielt, vielmehr ist es mancherorts üblich, von denjenigen Zeiten im christlichen Jahreslauf, die keine besonderen Fest-Zeiten sind[1], als »trinitarischen« Zeiten zu sprechen. Das wird meist auf die Tatsache bezogen, dass zu diesen Zeiten am Anfang und am Ende unserer Menschenweihehandlung die »trinitarische« Epistel erklingt. Wer die Gedankenbewegung mitvollzieht, in der dort in drei Strophen die drei Aspekte der Gottheit entfaltet werden, der kann erleben, wie wir uns in dreifaltiger Weise zur Welt und zu uns selbst in Beziehung bringen können. Das ist ein allgegenwärtiges Geschehen, das dem religiösen Streben zu jeder Zeit zugrunde liegt, weshalb es sinnvoll scheint, von der »Allgemeinen Zeit« zu sprechen.

Die Trinität indes hat wohl kaum jemand so weltbezogen besungen wie der Mystiker Johannes Scheffler, der sich »Schlesischer Bote« – Angelus Silesius – nannte:

Dass Gott dreieinig sei, zeigt dir ein jedes Kraut,
Da Schwefel, Salz, Merkur in einem wird geschaut.

Schwefel (Sulfur), Sal(z), Merkur stehen dabei für die drei Prozesse der Alchemie, wie sie sich in der festen Wurzelbildung (Sal), der vermittelnden Wachstumskräfte (Merkur) und der zur feurigen Auflösung und Hingabe neigenden Blüten (Sulfur) zeigen. Sehr viel genauer und besser kann man diesen Aspekt und viele andere trinitarische Erscheinungen in der Natur in einem vorletztes Jahr erschienenen Buch von Erdmut-Michael Hoerner[2] nachlesen, dessen Rezension Sie auf dieser Seite unter »Buchhinweise« finden können!

Goethe erkannte dieses urchristliche Thema, das heute kaum jemand ernst nehmen und ergreifen will, als ein so großes, dass er mehr andeutungsweise davon sprach; muss man die folgenden Zeilen nicht sehr genau lesen, um tatsächlich die Drei darin zu finden?

Im Namen dessen, der sich selbst erschuf!
Von Ewigkeit in schaffendem Beruf;
In Seines Namen, der den Glauben schafft,
Vertrauen, Liebe, Tätigkeit und Kraft;
In jenes Namen, der, so oft genannt,
Dem Wesen nach blieb immer unbekannt (…)

Und in seiner genialen Übersetzung des alten Pfingsthymnus »Veni creator spiritus« heißt es am Ende:

Darum sei Gott dem Vater Preis,

Dem Sohne, der vom Tod erstand,

Dem Paraklet, dem wirkenden

Von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Der »Paraklet«, das ist der in den Abschiedsreden angekündigte Tröster. – Damit seien einige ganz wenige Gedanken und Aspekte zu diesem gewaltigen Thema gegeben.

Johannes Roth

 


[1]     Das sind die Wochen (1) zwischen Epiphanias und Passion, (2) Pfingsten und Johanni, (3) Johanni und Michaeli (3) sowie (4) Michaeli und Advent.

[2]     Erdmut-Michael Hoerner: »Der Goetheanismus und die Wiedergewinnung der Trinität. Ein urchristlicher Impuls.«, Stuttgart 2018