Buchhinweise

05.03.2021

Medien und Pädagogik

Ein umfangreiches Buch (über 400 Seiten) mit dem Titel »Medien und Pädagogik« – das klingt stark nach Spezialliteratur, einer ermüdenden Fülle von Detailinformationen und dergleichen; wie beglückend indes, dass wir es hier mit einer spannenden und auf jeder Seite konkreten Darstellung zu tun bekommen. Hier wird gewiss jeder etwas für sich finden: Eltern, Lehrer, Erzieher … oder einfach nur interessierte Laien bzw. Mediennutzer!

Wer sich zu einem problemintensiven Thema wie dem des kindlichen und jugendlichen Umgangs mit Medien äußert, bewegt sich auf einem schmalen Grat: Reißerische Titel und Thesen erzeugen Aufmerksamkeit, schrecken aber viele von vornherein von der Lektüre ab. Allzu hemdsärmlige Darstellungen dagegen eröffnen im Einzelfall wohl den Zugang, schließen aber diejenigen aus, die ein vertieftes Verständnis suchen. Ausschließliche Erwägungen weltanschaulicher Art bedrücken oft durch das Übermaß an Kulturkritik und leiden unter dem Mangel an lebenspraktischen Hinweisen und Erwägungen …

Diese latenten Gefahren hat Dr. Edwin Hübner (Frankfurt am Main) erkennbar vorab gründlich reflektiert, denn seine im letzten Sommer erschienene Studie setzt durch die sachliche und präzise Darstellungsweise sowie durch die klug gewichtete Zusammenführung der technischen, der anthropologischen, der weltanschaulichen und der pädagogischen Aspekte neue Maßstäbe. Hübners Angang ist phänomenologisch, begrifflich vollkommen klar gefasst, angefangen bei der wichtigen Distinktion des oft schwammigen Medienbegriffs bis hin zu immer neuen, lebensbezogenen Beschreibungen dessen, was die vielzitierte »Medienkompetenz« im jeweiligen Kontext ausmacht. Sie fordert gleichermaßen indirektes wie direktes pädagogisches Handeln, beides stellt der Autor in den beiden Hauptkapiteln, die etwa ein Drittel des Buches ausmachen, einleuchtend vor.

Die Vielzahl der Gefahren übergeht Hübner nicht, doch ist ihm erkennbar daran gelegen, auf diesem Gebiet, wo wir es so oft mit Verallgemeinerungen, Verteufelungen oder Verharmlosungen zu tun haben, jeden zu ermutigen, die Sache freudig anzupacken. Systematisch werden Gesichtspunkte aufgezeigt, mögliche pädagogische Konsequenzen angedeutet, sodass der Leser frei bleibt (besonders schön und gelungen ist hierbei das kleine Kapitel über Vertrauenswürdigkeit, Seite 410ff).

Zu Beginn und am Ende des Buches wird Bezug genommen auf Johan Amos Comenius, der am Anfang des 17. Jahrhunderts (!) zur Verbesserung des von ihm beklagten Schulsystems eine Art „Schulmaschine“ vor Augen hatte, von der aus sich, wie Hübner zeigt, eine gerade Linie zu den Smartboards ziehen lässt, die manchem heute als ideale Lösung schulischer Nöte vor Augen stehen. – Ganz im Gegensatz dazu rückt bei Rudolf Steiner der Mensch in den Mittelpunkt des Unterrichts, wodurch die Aufgabe der Waldorfpädagogik auch diesbezüglich brisant und aktueller denn je ist.

Im Schlusskapitel über Spiritualität und Medien wird eine Beziehung zwischen den unterschiedlichen elektronischen Medienträgern und den durch die Anthroposophie möglichen Bewusstseinserweiterungen Imagination, Inspiration und Intuition entwickelt – ganz im Sinne der so wichtigen Erlangung von Gegengewichten angesichts der Schwächung, die unsere Seelenkräfte heute notwendig erfahren.

Hübner schöpft aus seiner reichen Erfahrung: jahrzehntelange Lehrertätigkeit, unzählige Gespräche und Seminare mit Schülern und Eltern, zahlreiche Publikationen und Vorträge. Auch verfügt er über eine stupende Kenntnis der wissenschaftlichen Grundlagen.

So erfüllt seine gediegene Untersuchung gleich mehrere Anforderungen: Sie gibt eine gründliche Einführung in die Phänomenologie der Medien, leitet methodisch zur Handhabung der unterschiedlichen medienpädagogischen Aufgabenstellungen an – und kann mit den präzis formulierten, gut gegliederten und wiederum unterteilten rund 80 Einzeldarstellungen, deren jede leicht für sich gelesen werden kann, jederzeit als hilfreiches Nachschlagewerk dienen (hinzu kommen etwa 1000 Anmerkungen).

Auch wenn der Ausdruck bei Sachbüchern selten gebraucht wird, ist er hier unbedingt am Platz: Dieses Buch ist ein Meisterwerk!

 

Johannes Roth, Kassel (erschienen 2016 in der Wochenzeitschrift »Das Goetheanum«)

 

Edwin Hübner: Medien und Pädagogik. Gesichtspunkte zum Verständnis der Medien, Grundlagen einer anthroposophisch-anthropologischen Medienpädagogik. Edition Waldorf, Stuttgart 2015