Buchhinweise

10. Juni 2020

Der Goetheanismus und die Wiedergewinnung der Trinität

Mit leichter Resignation hat vor Jahren ein Christengemeinschafts-Theologe den Gedanken geäußert: sobald man über den Gegenstand der Trinität eine möglichst klare, abgrenzende Vorstellung auf den Punkt zu bringen versuche, sei dieselbe auch schon wieder falsch …

Hat man in der Christologie einen vergleichsweise sicheren Boden durch die irdischen Tatsachen der Menschwerdung und der Ereignisse der drei Jahre, so fehlt diese Grundlage in der Trinitätstheologie. Wenn wir klare Begriffe finden wollen, müssen wir trennen und abgrenzen (Schiller: »Wir wissen nur, was wir scheiden.«), allein mit diesem Verfahren begeben wir uns in Gefahr, die »Personen« der Trinität aus der für sie bestimmenden Einheit zu lösen und damit den Grundbegriff zu verletzen.

Es bedarf solcher Präliminarien, um das Wagnis zu würdigen, das jeder Autor eines Buches eingeht, das sich mit der Trinität befasst.

In seinem Buch »Der Goetheanismus und die Wiedergewinnung der Trinität. Ein urchristlicher Impuls« verbindet der Naturwissenschaftler und Theologe Erdmut-M. W. Hoerner (*1943) die inhaltliche und Erkenntnisfrage folgerichtig mit der Methodenfrage. Interessant ist dabei vorab, dass der Goetheanismus begrifflich ähnlich schwer zu fassen ist wie die Trinität: Wohl ist er in anthroposophischen Kreisen und auch bei uns in vieler Munde, doch zu einer genauen und klaren Bestimmung[1] werden sich ad hoc nur wenige in der Lage finden!

Der Ausgangspunkt von Hoerners Untersuchung – die Wiedergewinnung der Trinität setzt ja den vorangegangenen Verlust voraus – sind die Streitigkeiten über das christliche Gottesverständnis in den ersten Jahrhunderten bis hin zum Konzil von Nicäa im Jahr 325: Gott-Vater und -Sohn sind wesensgleich – ein auch für das Verständnis der Trinität folgenreicher Entscheid: »Wenn etwas festgelegt wird, … erzeugt diese erste Festlegung aus sich heraus immer wieder neue Festlegungen. Dies ist die erste Konsequenz der Festlegung von Nicäa, die es … schwieriger machte, das Wesen des Vaters als individuell verschieden von dem des Sohnes zu erkennen.« (S. 17) – Das lässt sich verfolgen anhand der immer feiner abgrenzenden und ausschließenden Formulierungen der christlichen Dogmatik auf den nachfolgenden Konzilien, gipfelnd in dem von Rudolf Steiner oft zitierten Konzil von Konstantinopel (869); hier betraf der Entscheid nun die anthropologische Dimension der Trinität, und aus dem trichotomischen wurde ein dichotomisches Menschenbild, wieder folgenreich: »Von hier aus geht die Entwicklung in gerade Linie weiter bis in die Gegenwart, in welcher der Mensch nur noch als leibliches, materielles Wesen definiert wird …« (S. 19).

Eine großartige und bedeutende Entdeckung bzw. Bestimmung ist Hoerner mit dem gelungen, worin er die Verbindung von Naturwissenschaft und Theologie aufzeigt: Christus als »Lehrer der reinen Wahrnehmung« (S. 46ff) – und damit eigentlicher Gründer des Goetheanismus! Das wird anhand vieler Beispiele gründlich ausgearbeitet; schon in der Bergpredigt findet sich ein Ausspruch, der geradezu als Fundamentalsatz des Goetheanismus gesehen werden kann: »Das Licht des Leibes ist das Auge. Wenn dein Auge lauter ist, wird dein ganzer Leib von Licht erfüllt sein. Wenn dein Auge böse ist, wird dein ganzer Leib finster sein. Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß ist dann die Finsternis!« (Mt 6,22)

Daran anschließend beschreibt Hoerner Bedeutung und Schicksal des Goetheanismus und seine Weiterentwicklung durch Rudolf Steiner, dem es möglich war, die Erkenntnis der Dreigliederung als Welt-Wirklichkeit in vielen Lebensgebieten aufzuzeigen und so neue Tätigkeitsfelder zu impulsieren. Letztlich führt der Goetheanismus in dieser Entfaltung zu einem neuen Verständnis des Mysteriums von Golgatha, womit sich die Verbindung zu den in den ersten Jahrhunderten aufgeworfenen Erkenntnisproblemen ergibt.

Knapp die Hälfte des Buches macht der nun folgende Abschnitt über die Dreigliederung in den Naturreichen aus, den Hoerner beim Menschen beginnt, über das Tier- und Pflanzenreich zur Gestalt und Struktur der Erde und ihres Umkreises selbst führt (Dreigliederung in Mikro-, Meso- und Makrokosmos), von da aus zu den Mineralien und den chemischen Elementen kommt. Es würde den Rahmen dieser Darstellung sprengen, hier auf Einzelheiten einzugehen! Selbstverständlich wird derjenige, der mit der Materie etwas vertraut ist, manches Bekannte finden, und doch von der stupenden Kenntnis des Autors und der überaus sorgfältigen Durcharbeitung beeindruckt sein – nicht zuletzt deshalb, weil überall da, wo andernorts die Verbindung von Natur- und Geisteswissenschaft (oder Theologie) behauptet wird, allzu oft Schnellschüsse gemacht und gedruckt werden … Bei diesem komprimierten Nebeneinander der Darstellungen (Hoerner ist bei den Pflanzen, seinem Spezialgebiet, am ausführlichsten) sind natürlich Teile des Weges, der bei der ruhigen, unbefangenen Einzelbeobachtung beginnt, dem Leser vorenthalten, der aber angeregt wird, an irgendeiner Stelle selber auf die Suche zu gehen! – Der Autor präsentiert hier den Extrakt jahrzehntelanger Forschung, hat in Seminaren und Kursen viele an seinen Schlüssen und an seiner Begriffsbildung Anteil nehmen lassen.

Den Schritt von der Dreifaltigkeit der mannigfachen Naturerscheinungen zur Dreifaltigkeit Gottes als wissenschaftlichen Schritt zu vollziehen, verlangt die Anerkennung, dass Mitteilungen über die nicht-sichtbare Welt ebenso zum Ausgangspunkt der Forschung gemacht werden können wie die Beobachtung in der Sinneswelt. Hoerner geht von der Hierarchienlehre des Dionysius Areopagita aus und legt dar, wie das Ausschließende der mittelalterlichen Zuschreibungen durch das an der Natur geschulte Begriffsvermögen überwunden werden kann: »Das eine kann nur in den anderen und gemeinsam mit den anderen zur Erscheinung kommen. Diese Tatsache … ist … in all den untersuchten Seinsbereichen in übereinstimmender Weise gegeben. – Der zergliedernde Verstand muss im Sinne der Klarheit der Erkenntnis das eine von dem anderen trennen. Dann spricht man mit Bezug auf die Gottheit von der Dreifaltigkeit, dem in drei aufgefalteten Wesen. Die Zusammenschau durch die Vernunft findet in den getrennten Dreien die Notwendigkeit der Einheit des Ganzen, das Aufeinander-zugeordnet-Sein, und spricht dann von der Dreieinigkeit der Trinität.« (S. 144f) Hoerner bezieht seine Ausführungen über die Trinität zunächst fast ausschließlich auf die anhand der in den vorigen Kapiteln gewonnenen Begriffe, charakterisiert die verschiedenen Wirkensbereiche der Trinität einleuchtend mit Bezug auf das Wirken des dreigliedrigen Menschen. Hierbei kommt freilich der Bereich der Sohnes-Schöpfung sehr kurz; nur implizit wird das Neue der Welt des Moralischen angedeutet. – Das Kapitel wird abgeschlossen durch zwei sehr hilfreiche und öffnende Bildbetrachtungen.

In diese Welt des Moralischen führt das Schlusskapitel: Vom Sprechen und Handeln im Willen Christi, in welchem neuerlich der Goetheanismus als Art, die Welt anzuschauen, gegen die einseitige Naturwissenschaft[2] abgegrenzt und eindringlich gezeigt wird, dass es sich hierbei nicht um eine Spezialangelegenheit von Fachwissenschaften handelt, denn es geht um »die Notwendigkeit …, die Kunst der reinen Wahrnehmung zu erlernen und Tag für Tag auszuüben. Diese Methode, vom einzelnen erübt, ist auch geeignet, ins Große übertragen zu werden, um die Probleme unserer Gegenwart lösen zu helfen.« (S. 169)

Der Ernst, der diesem Appell für die globale Notwendigkeit des Goetheanismus zugrunde liegt, spricht aus jedem Gedanken dieses Buches, dem viele Leser zu wünschen sind.

Johannes Roth, erschienen in der Zeitschrift »Die Drei«, 12, 2018

Erdmut-Michael Hoerner: Der Goetheanismus und die Wiedergewinnung der Trinität. Ein urchristlicher Impuls. – Verlag Urachhaus, Stuttgart 2018, gebunden, 192 Seiten, Preis: 24,90 Euro.

 


[1]     Siehe z.B. die Beiträge von Wolfgang Schad »Was ist Goetheanismus?« (in: Wolfgang Schad: Goethes Weltkultur, Stuttgart 2007, S. 343ff) und Günter Kollert »Was ist und wie lebt man Goetheanismus? Wurzeln und Früchte einer radikalen Bewusstseinswende« (Erfurt 2015)

[2]     Auch diese hat ja eine anthropologische und theologische Dimension, handelt es sich doch dabei laut Rudolf Steiner um »die letzte Phase der menschlichen Erbsünde«! (2. Theologenkursus, 5. Oktober 1921)