Buchhinweise

Unter Schweizer Schutz

23.06.2021

»Man hat seinen Namen nicht gekannt …«

Rettung zehntausender Menschenleben durch Kompetenzüberschreitung

Dramatische geschichtliche Umstände bringen es bisweilen mit sich, dass durch ein bestimmtes Ereignis oder an einem bestimmten Ort Schicksalsfäden wie durch einen Knoten verbunden werden. Solch ein Ort war 1944 in Budapest das so genannte »Glashaus«, in welchem seinerzeit die  Auswanderungsabteilung der Schweizer Gesandtschaft residierte. Als Vizekonsul war dort seit 1942 Carl Lutz (1895 – 1975) tätig, indem er die »Abteilung für fremde Interessen« leitete.

Zu dieser Zeit waren die Juden in Ungarn schon durch eine Vielzahl von speziellen Gesetzen drangsaliert, die durchaus ähnlich den Nürnberger Rassegesetzen waren. Innerhalb von zwei Jahren organisierte Lutz die legale Ausreise von ca. 10000 jüdischen Kindern nach Palästina.

Mit der Besetzung durch die Deutschen im März 1944 wurde die Lage der Juden in Ungarn vollends prekär: Adolf Eichmann reiste persönlich an, und binnen Wochen wurden Hunderttausende deportiert; schon Ende Juli existierte lediglich noch in Budapest überhaupt eine jüdische Gemeinde.

Als Reaktion auf diese verheerende Situation begann Carl Lutz damit, eigenmächtig spezielle Schutzbriefe auszustellen, versehen mit Schweizer Wappen und Stempel, und erreichte von den ungarischen Behörden die Genehmigung, dass sich die Inhaber solcher Schutzbriefe in so genannten Schutzhäusern mit diplomatischer Immunität aufhalten konnten. Die genaue Anzahl dieser von ihm ausgestellten (bzw. genehmigten) Schutzbriefe ist nicht belegt; sicher ist indes, dass sie sich mindestens auf eine mittlere fünfstellige Zahl beläuft.

In den und an den überfüllten Schutzhäusern kam es zu dramatischen Szenen, insb. an jenem Glashaus. – In zunehmend chaotisch gewordener Lage übernahmen im Oktober 1944 die faschistischen Pfeilkreuzler die Macht. Spätestens von da an waren jüdische Menschen vollkommen vogelfrei – und drängten um so mehr zur Schweizer Gesandtschaft.

Bald nach Kriegsende kehrte Carl Lutz in seine Heimat zurück – und musste erfahren, dass dort seine Tat auf kühle Ablehnung stieß; sehr bald sah er sich dem Vorwurf der Kompetenzüberschreitung ausgesetzt! Erst zum Anlass seines 100. Geburtstages wurde er post mortem offiziell rehabilitiert. Flavio Cotti, der seinerzeit das Amt des Schweizer Außenministers inne hatte, tat dazu den treffenden Ausspruch: ›Wenn es so viele Länder gibt, welche die Gesetze verletzen, um zu töten, so dürfte es doch ein Land geben, dass die Gesetze verletzt, um zu retten.‹ (S. 18) Noch zu Lebzeiten (1964) hatte Lutz indes die Ehrung »Gerechter unter den Völkern« der Schoah-Gedenkstätte Yad Vashem erhalten.

Agnes Hirschi und Charlotte Schallié haben eine umfangreiche und in jeder Hinsicht gediegene Dokumentation der Rettungsaktion von Carl Lutz erstellt, die jüngst erschienen ist. Das Herzstück sind vier Dutzend meist knappe Berichte von Zeitzeugen, aus denen sich ein differenziertes Bild der dicht gedrängten Ereignisse und nicht zuletzt auch des Widerstandskampfes ergibt. Es handelt sich teilweise um schon ältere Texte, großenteils aber um Interviews mit noch lebenden Überlebenden; dabei kann man nur staunen, wie die Vitalität dieser ausnahmslos hochbetagten Menschen durch ihre Darstellung und Kommentierung förmlich mit Händen zu greifen ist! Zu mehreren zu Herzen gehenden Einzelerlebnissen bekommen die Lesenden Zugang; so erzählt Mordechai László Krämer (*1930): »Inmitten dieses ganzen Tumults bemerkte ich ein Zeitungsbündel, darum herum verstreut mehrere Münzen. Offensichtlich hielt es der Verkäufer dieser Zeitungen für zu riskant, bei seiner Ware zu bleiben. Er verließ sich auf die Ehrlichkeit der Leute, das Geld für die Zeitung zu hinterlassen. Mein Erstaunen war grenzenlos. Einige Mitglieder dieser ungarischen Generation, die mit unverhohlener Freude und Genugtuung auf das Elend ihrer jüdischen Mitbürger blickten – ihre Wohnungen, Geschäfte und alles, was sie besaßen, an sich rissen –, stellten hohe moralische Werte unter Beweis, wenn es um den Preis einer Zeitung ging.« (S. 125) Oder Agnes Heller (1929 – 2019): »Ich hatte schon damals dieses Gefühl, dass das Verlangen, gut zu sein, fürchterlich ist. Menschen wollen sich selbst sagen, dass sie gut sind. Kein Mensch will zu sich selber sagen: ›Ich bin ein böser Mensch.‹ So war es meine Idee, einen deutschen Soldaten anzusprechen, der allein war. Denn sobald sie zu zweit waren, würden sie sich voreinander fürchten: ›Wir dürfen doch den Juden nicht helfen!‹ Aber wenn jemand allein ist, ist das eine andere Sache. Niemand sieht ihn. So habe ich einen deutschen Wehrmachtssoldaten angesprochen. Ich habe ihm erzählt, dass wir Juden sind und wegen der Pfeilkreuzler nicht ins Internationale Ghetto rein könnten. Der erste deutsche Soldat, den ich angesprochen habe, hat uns ins Internationale Ghetto begleitet. Die Verführung zum Guten ist entsetzlich. Entsetzlicher als die Verführung zum Bösen. Das war für mich eine wichtige moralische Erfahrung, die ich nicht vergessen habe.« (S. 219f)

In all diesen Einzelschicksalen begegnen uns natürlich vor allem die täglichen Demütigungen und Existenzängste, begegnet uns das unermessliche Leid dieser geplagten Menschen, denn es gab kaum Überlebende, denen es erspart blieb, Angehörige zu verlieren, sei es durch die Deportationen, sei es infolge der berüchtigten willkürlichen Erschießungen durch Pfeilkreuzler am Donauufer; auch solche wurden mehr als einmal durch das unerschrockene Intervenieren von Carl Lutz verhindert.

Aber auch der enorme Überlebenswille begegnet uns, Schicksalsvertrauen, Opferbereitschaft, lebensrettende Einfälle, Glück und Geschick – und die alle Berichte durchziehende tiefe Dankbarkeit gegenüber Carl Lutz, wie z.B. hier ausgesprochen durch Agnes Teichmann (1919 – 2010): »Man hat seinen Namen nicht gekannt. Man sprach nur vom Schweizer Konsul. Auch wir haben erst später erfahren, dass es Carl Lutz war. Er hat uns das Leben gerettet. Er war anständig und hilfsbereit. Er wollte helfen. Er hat nicht gewusst, wohin es führen würde. Er hat die eigene Gefahr auch nicht eingeschätzt.« (S. 188)

Über 75 Jahre sind seit dem Ende des 2. Weltkriegs und der Befreiung der Konzentrationslager vergangen. Welch ein Segen, dass die Herausgeberinnen und der Verlag uns an dem Schicksal von Carl Lutz und der maßgeblich durch ihn geretteten Menschen so gründlich Anteil nehmen lässt!

Johannes Roth (gekürzt erschienen in »Die Drei«, April 2021)

 

Agnes Hirschi und Charlotte Schallié (Hrsg.): »Unter Schweizer Schutz. Die Rettungsaktion von Carl Lutz während des Zweiten Weltkriegs in Budapest – Zeitzeugen berichten«

Verlag Limmat, Zürich, 2020