Zur Vertiefung

6. Januar 2021

»Christ wird man durch Freiheit.«[1]

Die Folgerung, die ja gezogen werden muss, ist diese, dass der Mensch nach dem, was vorliegt, sich heute gestehen muss: sucht er auf äußerlich historische Weise den Christus Jesus, so kann er ihn nicht finden. Finden muss er ihn auf dem Wege der Geisteserforschung. Da findet er ihn aber sicher. Da findet er das historische Ereignis von Golgatha. Warum? Weil das historische Ereignis von Golgatha ein solches war, das durch Freiheit in der Menschheitsentwickelung aufgetreten ist, durch eine Freiheit in noch viel höherem Sinne als andere historische Ereignisse, und weil dieses freie Ereignis gerade in unserem Zeitraum an den Menschen so herantreten soll, dass nichts ihn zwingt, seine Geltung anzunehmen, sondern er diese Geltung aus innerer Freiheit annehmen muss. Wofür ein historischer Beweis schon da ist, für dessen Annahme ist man nicht frei. Wofür ein äußerer historischer Beweis nicht da ist, das nimmt man an aus geistigen Gründen, und auf dem geistigen Boden ist man frei. Christ wird man durch Freiheit. Und das ist gerade dasjenige, was notwendig ist dem heutigen Zeitalter zu verstehen, dass man Christ in Wirklichkeit nur sein kann aus voller Freiheit, nicht einmal gezwungen durch historische Dokumente. In unserem Zeitalter soll das Christentum jene Wahrheit gewinnen – das ist vorbestimmt dieser Zeit –, wodurch es zu dem großen Impuls des menschlichen Verständnisses für die Freiheit wird. Das gehört zu den Fundamentalwahrheiten in unserer Zeit, dass dies eingesehen wird, dass eingesehen wird, dass die Beweise für das Christentum in der geistigen Welt gesucht werden müssen.


[1]     Rudolf Steiner, »Geschichtliche Notwendigkeit und Freiheit. Schicksalseinwirkungen aus der Welt der Toten.«, Dornach 1966, S. 116f (GA 179, Vortrag vom 16. Dezember 1917)

 

An dieser Stelle werden Wortlaute eingestellt, die zur Vertiefung, d.h. zum inneren Durcharbeiten, Nachschaffen und Durchleben gedacht sind. Man lese einen solchen Wortlaut, schreibe ihn sich ggf. an geeigneter Stelle schön ab, und bewege ihn in der angedeuteten Weise in sich. – Rudolf Steiner wies 1916 darauf hin, dass »[G]erade dasjenige, was sorgfältig aufgenommen wird und auf das Ich wirkt, vom Ich aus ins Gedächtnis geprägt wird, gerade das wirkt sogar weniger, als was flüchtig als Zeitungssache aufgenommen wird.« So scheint es gerade in Zeiten der Informationsflut besonders geraten, sich in einzelne gleiche Inhalte immer wieder und wieder bewusst zu vertiefen, um auch das unterbewusste Seelenleben damit zu nähren – und der »Alleinherrschaft des Flüchtigen« darin entgegen zu wirken.

Johannes Roth