Sonntagspredigt

 

Aus dem Evangelium des 5. Juli 2020, des 2. Johanni-Sonntags:

Markus 1, 1-3 :

„Jugendlich neu beginnt der Engel Wirken durch Jesus Christus, durch seine göttliche Liebe. Neu erfüllt wird das Wort aus alter Zeit: ‚Siehe, Ich sende meinen Engel vor Dir her, dass er dem Ich den Weg zum Du bereite. Hört, wie es ruft in der einzelnen Menschenseele: Bereitet dem eigenen Gewissen den Weg!‘“

Predigt:

Wenn Kinder den Schritt zur Jugend gehen, vom kindlichen himmlischen Morgen zum jugendlichen Ergreifen des Erdentages, dann gehen viele Menschen solch einen Schritt innerlich mit – nicht nur Verwandte, auch Paten, auch eine Gemeinde, auch eine Schulgemeinschaft, auch ein Lebensort. Durch eine Konfirmation oder eine Jugendfeier werden viele Menschen jugendlicher, werden Erwachsene selbst neu danach gefragt, den Erdentag jugendlich zu ergreifen.

Vom kindlich unbekümmerten Ich führt der Erdentag nach außen zur Frage nach dem anderen Du, manchmal nach einem einzigen besonderen Du, manchmal nach mehreren, vielen verschiedenen Du. Von der kindlich reinen Unschuld führt der Erdentag nach innen, zu Fragen an das eigene Gewissen.

Und zwischen diesen beiden Grundrichtungen des Erdenlebens, dem Weg nach außen und dem Weg nach innen, gilt es, eine Balance zu halten und zu leben – immer wieder neu. Johannes der Täufer steht am Balance-Punkt, an der Mittelachse und spricht heute auch durch diese Worte von Goethe und Steiner zum Menschen:

 

„Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,

befreit der Mensch sich, der sich überwindet,

und der in dieser Überwindung

sich selber erst in Wahrheit findet,

so wie die ganze Menschheit sich in Christus

in Wahrheit selber finden kann.“

 

Christus stärkt des Menschen Wege nach außen und nach innen, zur Du-Begegnung und zur Selbsterkenntnis auch mit den beiden Gaben des Abendmahls, den beiden Gaben der Kommunion. Er stärkt das Balance-Leben des Menschen mit dem Friedenssegen.

Thomas Demele

„Geistliches Lied Nr. I“ (Auszug) von Novalis:

 

„Was wär ich ohne dich gewesen?

Was würd ich ohne dich nicht sein?

Zu Furcht und Ängsten auserlesen,

Ständ ich in weiter Welt allein.

Nicht wüßt ich sicher, was ich liebte,

Die Zukunft wär ein dunkler Schlund;

Und wenn mein Herz sich tief betrübte,

Wem tät ich meine Sorge kund?

 

Einsam verzehrt von Lieb und Sehnen,

Erschien mir nächtlich jeder Tag;

Ich folgte nur mit heißen Tränen

Dem wilden Lauf des Lebens nach.

Ich fände Unruh im Getümmel

Und hoffnungslosen Gram zu Haus.

Wer hielte ohne Freund im Himmel,

Wer hielte da auf Erden aus?

 

Hat Christus sich mir kundgegeben,

Und bin ich seiner erst gewiß,

Wie schnell verzehrt ein lichtes Leben

die bodenlose Finsternis.

Mit ihm bin ich erst Mensch geworden;

Das Schicksal wird verklärt durch ihn, ...“

 

Zum Bild:

Philipp Otto Runge „Der Tag“, Radierung und Kupferstich (1803) – aus Frank Büttner „Philipp Otto Runge“, München 2010

Zum Lied:

aus „Novalis – Werke in einem Band“, Berlin/Weimar 1984