Ewigkeit – das zeitlose Sein

AutorIn: Karl Schultz

Mit einem Gedicht voller Wärme hat Heinrich Böll wenige Wochen vor seinem Tod seine Enkeltochter getröstet.

 

Wir kommen weit her

liebes Kind

und müssen weit gehen

keine Angst

alle sind bei dir

die vor dir waren

deine Mutter, dein Vater

und alle, die vor ihnen waren

weit, weit zurück

alle sind bei dir

keine Angst

wir kommen weit her

und müssen weit gehen

liebes Kind

 

So ist es, liebe Leserinnen und Leser, wir kommen weit her und müssen weit gehen. Unsere irdische Pilgerschaft ist indes begrenzt; wir ziehen durch das Tor der Geburt und durch das Tor des Todes; wir kommen und bleiben und gehen. Was uns bei der Geburt geschieht, ist ein Anfang. »Anfang« bedeutet nicht nur, dass bis jetzt etwas nicht war, und von nun an ist es; sondern der Anfang ist ein Mysterium: Im Anfang liegt bereits die Fülle des Kommenden. Wir kommen weit her. Was bringen wir mit?

 

Am Ende steht dann wieder etwas Bedeutungsvolles: die Vollendung. Auch sie meint nicht nur ein Äußerliches, etwa dass bisher etwas war und nun hört es auf. Auch Vollendung ist ein Mysterium: dass dies Lebendige sein Maß erfüllt hat; dass es geworden ist, was ihm zugemessen war – wenn es das wirklich geworden ist und nicht vielmehr sich selbst vergeudet oder verfehlt hat und nun nur abbricht. Diese Erfüllung meint aber nicht nur ein Soundsoviel, sondern dass dieses Lebendige voll geworden sei in seinem Ende; geprägt und gültig – endgültig. Wir müssen weit gehen. Was nehmen wir mit?

 

Der Anfang versinkt nicht einfach mit dem Augenblick, worin das Lebendige angehoben hat, sondern er bleibt im Neuentsprungenen gegenwärtig. Lebend geht das Lebendige von seinem Anfang fort, in die Entfaltung, in die Vollbringung, in das Wollen und Werden, in den Kampf hinein. Aber der Anfang geht mit – er steht nicht nur vorn und wird verlassen, sondern er läuft unter allem Geschehen mit. Das Ende, die Vollendung, steht auch nicht nur hinten, dort, wo nachher angeblich nichts mehr kommt, sondern es wirkt voraus. Schon im Augenblick des Anfangs erhebt sich das Ende und zieht das Lebendige zu sich und verbindet es mit der Ewigkeit.

All das schwingt mit, wenn wir unsere Gebete schließen mit: von Ewigkeit zu Ewigkeit.

 

Ewigkeit steht nicht bloß als ein fernes Ziel vor uns, dessen Türme dem müden Wanderer verheißungsvoll entgegenblinken. Gott, der das ewige Leben ist, hat es schon hineingeschenkt in diese Welt. Die Ewigkeit – das zeitlose Sein – bindet uns im Hier und Heute, stellt uns unter die Menschen, sendet uns in die Welt, ordnet uns ein in Raum und Zeit, in Heimat und Geschichte und erinnert uns daran: Wir haben hier keine bleibende Statt, wir sind nur Wanderer. Wir kommen weit her – wir müssen weit gehen – liebes Kind, keine Angst!