Übergänge

AutorIn: Sophia Gerhold

Religiöse Feiermomente begleiten oft Übergänge und Schwellensituationen, sei es in der Biographie mit den großen Festen des Lebens oder im Tageslauf z.B. am Morgen und Abend oder im Jahreslauf von Festeszeit zu Festeszeit.

Übergänge sind meistens herausfordernd, da das Altbekannte nicht mehr trägt und das neu zu Ergreifende noch unbekannt ist. Ängstlichkeit und Furcht können das Zugehen auf Schwellensituationen kennzeichnen. Was kann zu einer Ermutigung und Erkraftung beitragen?

In den folgenden Begebenheiten hatten Menschen möglicherweise mit diesen Fragen zu tun. Sie sind aus der Sicht begleitender Personen erzählt.

 

Eine Frau ging auf das Sterben zu und war von großer Unruhe ergriffen. Sie sprach davon, dass sie auf eine Reise gehen müsse, und sorgte sich, dass sie nicht alle Kleider im Koffer mitnehmen könne. Ein Priester wurde gerufen, nicht zum Sakrament der Letzten Ölung, welches die Frau bereits vor nicht allzu langer Zeit empfangen hatte, aber zu einer Krankenkommunion, als Beistand. Die Frau kannte die Menschenweihehandlung und stimmte zu, die Kommunion jetzt zu Hause zu empfangen. Es konnte an das Bild vom Aufbruch zu einer Reise, das sie in ihrem Bewusstsein trug, angeknüpft werden: Die Kommunion als Wegzehrung auf dem Weg, den Christus im Sterben den Menschen vorausgegangen ist, über den Tod hinaus. Wie ernst klangen die Worte des Bekenntnisses in dieser Situation! Wie aufmerksam hörte die Fau den Zuspruch des Friedens. Ruhe und Ausgeglichenheit stellten sich ein, und einige Zeit darauf verstarb die Frau.

 

In einer ähnlichen Situation großer Unruhe und Ängstlichkeit wurde ein älterer Mann vom Pflegeheim ins Krankenhaus verlegt. Wie konnte ihm geholfen werden? Eine Ölung oder Krankenkommunion zu vollziehen schien schwierig, da er zwar wach aber nicht ansprechbar war. Zudem war er mit den Gepflogenheiten der Christengemeinschaft nicht vertraut. Woran könnte man anknüpfen, um Beistand zu leisten?

Ein älterer Priesterkollege, der früher einmal Krankenhaus-Seelsorger gewesen war, hatte erzählt, dass das Buch der Psalmen wie eine »geistige Apotheke« sei, mit Arznei für verschiedene seelische Zustände, und dass einem Menschen, der nicht ganz bei sich sei, der 23. Psalm helfen könne, wieder zu sich zu kommen.

Der alte Mann im Krankenhaus war evangelisch aufgewachsen und hatte wahrscheinlich in seiner Konfirmandenzeit Psalmen auswendig gelernt. Die Anwesenden entschlossen sich, den 23. Psalm für ihn zu sprechen. Als die Worte erklangen, bekam er einen konzentrierteren Gesichtsausdruck, schien zu lauschen und sich vielleicht auf etwas zu besinnen. Das Vaterunser und ein paar weitere Worte schlossen sich an. Er beruhigte sich und konnte bald darauf wieder in sein Pflegeheim zurückkehren.

 

Eine Frau, die sich auf ihr Sterben einzustellen hatte, war in den letzten Lebenstagen emsig damit beschäftigt, alles zu regeln. Den Angehörigen z.B. teilte sie mit, wo welcher Ordner zu finden sei, was sie noch zu erledigen hätten, mit Hilfe welcher Papiere und wie das Mobiltelefon zu bedienen wäre ... Abschiedssentimentalitäten hatten weniger Raum.

Allerdings gab es noch den einen oder anderen kurzen Besuch und auch ein Gespräch mit einem Priester, in dem sie etwas aussprach, das ihr zu schaffen gemacht hatte. Dann bat sie um die Letzte Ölung. Nur ganz wenige Menschen waren anwesend. Einige einleitende Worte des Priesters fanden Widerhall. »Ja«, sagte die Frau, und ihr Gesicht leuchtete auf. Es wurde still und schön im Raum. Danach legte sich ihre Anspannung. »Es ist so unbequem hier«, sagte sie und versuchte, es sich etwas bequemer zu machen. Dann aber richtete sich der Blick nach vorn, dorthin, wohin die Angehörigen mit ihrem Bewusstsein noch nicht hinreichten.

Am nächsten Morgen war sie mit einem fröhlich-erstaunten Gesichtsausdruck über die Schwelle gegangen.

 

Ein anderer älterer Herr ließ sich mehr Zeit. Er hatte schon die Letzte Ölung empfangen, lebte aber noch, obwohl er nichts mehr zu sich nahm und auch um sich herum nichts mehr wahrzunehmen schien. Etwas wie Ratlosigkeit stellte sich nach einiger Zeit an seinem Lager ein. Fehlte noch etwas? War er erreichbar?

Da er nicht mehr sprechen konnte, hatte vor der Letzten Ölung kein Beicht- oder Schicksalsrückblicks-Gespräch stattgefunden und auch keine Krankenkommunion. Was hätte er noch äußern wollen? Hätte es noch eines Abendmahles bedurft?

Nach mehreren Besuchen in zivil entschloss sich die Priesterin, noch einmal im Gewand zu ihm zu gehen. Bekreuzung, Evangelium, Gebet, Andeutung des Reichens der Kommunion, Segen.

Er lag seitlich, und auf einmal schien sein Blick zu fokussieren. Konnte er noch etwas wahrnehmen – äußerlich oder innerlich – und etwas in sein Schicksal aufnehmen?

Am nächsten Vormittag konnte er loslassen.

 

Ich erzähle diese Begebenheiten als Bespiele innerer Ermutigung und Erkraftung. Einerseits möchte ich damit Zuversicht vermitteln für die große Schwellensituation, in die jeder Lebenslauf mündet. Andererseits möchte ich zum Ausdruck bringen, wie das Aushalten von Ratlosigkeit und welche Suchbewegungen oft erforderlich sind, um etwas zu finden, das weiterführt. Gut, wenn man selbst auf etwas zurückgreifen kann oder Mitmenschen hat, die einen erinnern!

Nicht nur in den großen Schwellensituationen des Lebens, sondern auch in kleinen Alltagsmomenten kann es wichtig sein, Übergänge zu bemerken, zu gestalten und handhaben zu lernen; und sich auch nicht zu scheuen, Beistand zu rufen und Hilfe in Anspruch zu nehmen – von anderen Menschen oder von dem, was durch Christus dem Menschenleben zukommen kann.

Das Thema der »Übergänge« wählte ich auch im Blick auf den Erzengel Michael, als ein Wesen, das Schwellensituationen zu begleiten vermag. Das Michaeli-Fest fällt in die Zeit des Jahres, in der man in der jüdischen Religion das Neujahrsfest und den Versöhnungstag feiert, sowie das Laubhüttenfest im Vertrauen auf geistigen Schutz in Zeiten der Wanderung von einer Situation in die neue.