Ein Gedenktag 1922 | Dornach, 14. September 1922

AutorIn: Wolfgang Gädeke

 

An diesem Tag unterbrach ein besonderes Ereignis den ruhigen Gang der Gründung im sogenannten weißen Saal, dem obersten Raum im Südflügel des ersten Goetheanum. Die Gründer hatten in dem sonst für Eurythmieproben genutzten Saal, der nur durch ein flaches, mehrteiliges Dachfenster Tageslicht erhielt, bereits ihr Gelöbnis abgelegt, ihr Leben dem erneuerten Kultus zu widmen. Auch die schrittweise Übertragung der Weihevollmacht an Friedrich Rittelmeyer hatte begonnen. Alles für den Kultus Notwendige war vorbereitet.

Nach der Mittagspause in der Kantine waren sie bei strahlendem Spätsommerwetter wieder den Hügel hinaufgepilgert und zum weißen Saal hinaufgestiegen. Sie standen dort in kleinen Gruppen im Gespräch beieinander und warteten auf die Ankunft Rudolf Steiners, der von Emil Bock vom »Haus Hansi« abgeholt wurde. Der Himmel verdunkelte sich und plötzlich hob eine kleine Windhose eines der schweren Fensterelemente aus seinen Gleitschienen. Es stürzte in die Öffnung hinab und blieb einen Meter tiefer in den Seilzügen hängen, mit denen es normalerweise zu öffnen war. »Wir blicken in die Höhe und springen auseinander, um nicht von dem schweren Dinge erschlagen zu werden«, erinnerte sich ein Teilnehmer.

Als Rudolf Steiner den Saal betrat, besah er sich den Schaden und ging in Begleitung von Emil Bock wieder hinunter, um den verantwortlichen Architekten zu sprechen. Ernst und erregt machte er den Leuten im Baubüro heftige Vorwürfe. Emil Bock empfand, dass er »... gar nicht bloß mit den Menschen schimpfte, sondern als wende er sich gegen Gewalten, die das Geschehen im weißen Saal aufs Neue zu verhindern versuchten.« Rudolf Steiner äußerte seine Sorge, dass »... nun nur nicht Dr. Rittelmeyer wieder krank wird!« und veranlasste die notwendigen Maßnahmen: Eine Drehleiter wurde beschafft und Arbeiter auf das Dach beordert. Zuvor aber mussten der provisorische Altar abgeräumt und die Gewänder beiseite geschafft werden, weil die Arbeiter nicht sehen sollten, was in dem Raum vor sich ging. Von der Leiter und vom Dach aus gelang es schließlich mit vereinten Kräften, das Fenster wieder in seine Schienen zu heben.

Als alle Arbeiter abgezogen waren, wurde der provisorische Altar wieder aufgebaut und Friedrich Rittelmeyer konnte in Ruhe die ersten beiden Teile der Menschenweihehandlung und der Priesterweihe an den Lenkern und Ältesten vollziehen.

Es ist gar nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn das Fenster hinuntergestürzt wäre. So können wir gut verstehen, dass die Gründer das Ereignis als ein Zeichen dafür empfanden, wie ihr Vorhaben von Widersachern bekämpft und von guten Geistern behütet war. Denn dass ein kleiner Tornado von wenigen Metern Durchmesser ausgerechnet gerade über den Südflügel des Goetheanum hinwegbrauste, konnten sie nicht als einen Zufall ansehen. Und dass das Fenster beim Herunterfallen in den Seilen hängen blieb, konnten sie nur als ein Zeichen für das Hereinwirken guter Geister erleben.